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, dass sie sich selbst so lange als die rechtmässigen Beschützer der gesetz und der Freiheit ansehen und benehmen würden, bis die Oligarchen die Waffenvorräte, womit sie ihre Häuser, gewiss zu keinem unschuldigen Gebrauch, angefüllt, ausgeliefert, alle ihre Aemter niedergelegt und der allgemeinen Bürgerversammlung Treue und Gehorsam geschworen haben würden, machten (wie leicht vorherzusehen war, und doch nicht vorhergesehen wurde) die Triumvirn, Alcimedon, Hippokles und Ariston, plötzlich Friede unter einander und gemeine Sache gegen den gemeinen Feind, mit der Uebereinkunft, wenn sie die Oberhand erhalten hätten, die Regierung des staates gemeinschaftlich zu führen.

Die Götter haben uns nicht begünstiget, Aristipp. Es kam in diesen Tagen zu einem wütenden Gefecht auf dem grossen Marktplatze. Die Triumvirn, welche ausser einem Trupp schwerbewaffneter Reiterei, einige Hundert Kretische Söldner und den ganzen Cyrenischen Pöbel auf ihrer Seite hatten, überwältigten uns endlich nach einem langen verzweifelten Widerstand, durch ihre Ueberlegenheit an Waffen und Anzahl. Etliche Hundert der feurigsten Patrioten fielen, mit rühmlichen Wunden bedeckt; der Ueberrest hielt es für Pflicht, sich dem vaterland auf einen glücklichern Tag aufzusparen, und rettete sich durch die Flucht.

Du vermutest ohne Zweifel voraus, dass die Sieger sich ihres Glücks, anstatt mit Mässigung, mit aller Grausamkeit bedienen, die von übermütigen und misstrauischen Tyrannen zu erwarten ist. Die Gefängnisse sind mit Personen von allen Ständen, die man für verdächtig hält, angefüllt, und reich zu sein, oder dafür zu gelten, ist schon allein mehr als hinlänglich, um den raubgierigen Herrschern und ihren Günstlingen verdächtig zu sein. Die entflohenen Patrioten werden für vogelfrei erklärt, ihre Anverwandten aus der Stadt verbannt, und ihre Güter eingezogen. Alle unsre Hoffnung beruht nunauf unserer Verzweiflung, und auf der alten Erfahrung, dass Räuber, wie eifrig sie auch, um Beute zu machen, zusammengehalten haben, gewöhnlich über der Teilung zerfallen. Wir haben uns indessen nach und nach wieder zusammengefunden, und uns im Gebirg, an der Gränze der Cesammonen, eines festen Postens bemächtiget, wo wir, täglich durch Verbannte oder Flüchtlinge verstärkt, uns so lange zu halten hoffen, bis uns etwa ein günstiger Stern eine Wahrscheinlichkeit zeigt, die Befreiung des Vaterlandes mit besserm Erfolg zu unternehmen. Vielleicht ist mir einer von den Deinigen (deren leider! keiner auf unsrer Seite stand) mit Nachrichten von diesen Ereignissen bei dir zuvorgekommen; denn die notwendigkeit, mich von einigen Wunden heilen zu lassen, verhinderte mich eher an dich zu schreiben. Beklage das traurige Schicksal der vor kurzem noch so blühenden und glücklichen Cyrene, und versuche alles was du kannst, da du es nicht abzuwenden vermochtest, es wenigstens zu erleichtern!

28.

Kleonidas an Aristipp.

Du bist bereits benachrichtiget, lieber Aristipp, dass es bei uns endlich zu einem Ausbruch gekommen ist, wobei die Oligarchen den Sieg erhalten haben. Möchten sie, da es nun einmal unser Schicksal ist, sich dessen nur mit Mässigung bedienen! Aber noch stürmen die Leidenschaften von allen Seiten zu wild, um der Humanität, ja nur der Klugheit, die ihren eigenen Vorteil kaltblütig berechnet, Gehör zu geben.

Die Eintracht unsers Triumvirats ist von kurzer Dauer gewesen. Ariston, der freigebigste und popularste unter ihnen, hat (wie man sich ins Ohr sagt) Mittel gefunden, seine beiden Collegen mit guter Art auf die Seite zu schaffen. Sie wurden bei einem öffentlichen Opfer von drei seltsam verkleideten Banditen angefallen, und mit einigen Dolchstichen ermordet. Beide waren ihrer Raubgier und Grausamkeit wegen so verhasst, dass niemand ihr Schicksal bedauerte. Ariston selbst, sagt man, sollte das dritte Schlachtopfer sein; er wurde aber glücklicher Weise von deinem Bruder Aristagoras und etlichen andern gerettet, bevor der ihm zugedachte dritte Dolch seine Brust erreichen konnte. Die Mörder, die sich (nach ihrem eignen freien geständnis) aus blossem Patriotism zu dieser Tat verschworen hatten, wurden ohne Widerstand in Verhaft genommen, und in die engeste Verwahrung gebracht. Wie es aber auch zugegangen sein mag, als sie am folgenden Morgen zum Verhör abgeholt werden sollten, fand man das gefängnis leer, und die Vögel waren sammt dem Kerkermeister ausgeflogen. Du kannst leicht denken, dass verschiedlich über diese geschichte glossirt wird. Indessen benutzte Ariston die Schwärmerei, womit das Volk an seiner Gefahr und Erhaltung Anteil nahm, und liess sich unverzüglich, vermöge des Rechts seiner Grossmutter, die von einer Seitenlinie der Battiaden abstammt, unter dem wildesten Zujauchzen und Frohlocken des herbeiströmenden Pöbels zum König von Cyrenaika ausrufen. Prächtige Feste und öffentliche Lustbarkeiten bezeichneten die ersten Tage seiner Regierung, und machten mit den Hinrichtungen und Proscriptionen des verhassten Triumvirats einen sehr auffallenden Contrast. Ariston schien dadurch (in der raschen Meinung des Volkes wenigstens) von allem Anteil an jenen Gräueln losgesprochen zu werden, und seinen Mitbürgern unter einer milden Regierung goldne zeiten zuzusichern. Vermutlich zu diesem Ende hat er, wie es heisst, die Sorgen der Staatsverwaltung deinem Bruder und einigen andern, die sich damit beladen wollten, überlassen, und er scheint nichts Angelegneres zu haben, als sich mit allen Arten von Genüssen, die ihm die wirkliche Gewalt verschaffen kann, so schnell als möglich zu überfüllen. Wohl mög' es ihm bekommen, sag' ich, zweifle aber sehr dass ich wahr gesagt habe. Dein Vater, der an dieser raschen Umkehrung der Dinge kein sonderliches Wohlgefallen haben soll, hat sich, unter dem Schutze seines hohen Alters, auf sein Landgut zurückgezogen, und scheint alle Wünsche, wozu ihn die gegenwärtigen Verhältnisse berechtigen, auf