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auf dich, und bat ihn, mir ganz offenherzig zu sagen was er von dir denke. Aristipp, antwortete er, ist ein junger Mann von vorzüglichen Anlagen; als ein Liebhaber des Schönen möchte er auch wohl die Tugend lieben, wenn sie nur keine Opfer forderte. Seine Sinnesart ist edel; aber was ihm immer gefährlich sein wird, ist sein Hang zu einem freien Leben und zur Sinnenlust.

I c h . Wir haben ihn nie ausschweifend gekannt. Sollte er die gelegenheit, weiser bei dir zu werden, so wenig benutzt haben, dass er sich erst zu Aten verschlimmert hätte?

S o k r a t e s . Auch ich habe ihn nie über die Gränzlinien des Wohlanständigen hinausschweifen sehen, und über einen gewissen Punkt beschämt seine Unsträflichkeit unsre meisten Jünglinge. Aber sein letzter Aufentalt zu Aegina machte mich vielleicht seinetwegen besorgter als nötig war.

I c h . Wie so? Hat man dir vielleicht von seiner anhänglichkeit an eine gewisse Lais von Korint gesprochen?

S o k r a t e s . Ich höre wenig auf Gerüchte. Sie soll ausserordentlich schön, geistvoll und liebenswürdig sein; und eben darum halte ich sie bei der freien Denkart, wovon sie Profession macht, für eine sehr gefährliche Zaubrerin.

I c h . Sokrates, du siehst Anaximandren jetzt zum letztenmal, und sie könnte sich nicht verzeihen dich länger zu täuschen. Ich selbst bin diese Lais, die du unter einem andern Namen liebenswürdig gefunden hast, und die dir in diesem Augenblick des Scheidens gesteht, dass sie dich allen Männern vorzieht, die sie jemals gesehen hat.

S o k r a t e s . Deine Aufrichtigkeit, schöne Lais, ist der Erwiederung wert: du sagst mir nichts Neues; schon diesen Morgen wusste ich wer du warst. Du glaubtest ich schwärme; jetzt begreifst du, dass ich bei ruhigem Mute war. Lebe wohl, und erinnere dich zuweilen an den Oelbaum der Polias! – Ich konnte mich nicht erwehren meinen Mund auf seine Hand zu bükken, und so wahr mir Urania gnädig sei, eine Träne, glaube ich, fiel auf sie herab. Er drückte die meinige und entfernte sich.

26.

Aristipp an Lais.

Es war der allesvermögenden Lais Anaximandra vorbehalten, uns an Sokrates eine Seite zu zeigen, die ohne sie entweder gar niemals, oder wenigstens in keinem so schönen Lichte, sichtbar geworden wäre. Die ganze Art seines Benehmens gegen dich macht ihn in meinen Augen sehr ehrwürdig; und besonders am letzten Tage ist er so ganz Sokrates, so ganz, was nur er allein sein kann, der seltenste, oder soll ich sagen seltsamste, Hermaphrodit von Vernunft und Schwärmerei, den die menschliche natur vielleicht jemals hervorgebracht hat! Wirklich glaube ich, dass du dir nicht zu viel schmeichelst, wenn du ihn (wiewohl nur im Scherz) unter deine Liebhaber zählest. Wer weiss, ob du nicht wohl gar diesen philosophischen Hercules so weit hättest bringen können als weiland deine Zauberschwester Omphale den Tebanischen, wenn es nicht Grundsatz bei ihm wäre, in solchen Notfällen sich eines schnellwirkenden Hausmittels zu bedienen106. Ich wollte wetten, seine griesgrämische Xantippe hat ihn in zwanzig Jahren nicht so zärtlich gesehen, als während deines Aufentalts in Aten.

Schön war es von dir, liebe Laiska, dass du ihm noch in den letzten Augenblicken deinen wahren Namen entdecktest, und noch schöner das Spiel des Zufalls, dass du ihm nichts offenbartest als was er schon wusste. Vermutlich muss er dem Eurybates das geheimnis abgelockt haben; denn er besitzt einen zu scharfen Spürsinn, als dass er nicht hätte merken sollen, dass es mit der Anaximandra von Cyrene, Aristipps Verwandtin, nicht ganz richtig sei. Uebrigens hoffe ich, durch deinen genialischen Einfall, dich in persönliches verhältnis mit Sokrates zu setzen, ein Beträchtliches bei ihm gewonnen zu haben; oder, wofern er mich nach meiner Zurückkunft nicht mit günstigern Augen ansieht, werde ich geradezu behaupten, dass es blosse Eifersucht darüber sei, dass meine Weisheit mir nicht verbietetglücklicher zu sein als er. Wirklich zieht mich die Neugier, zu sehen wie er mich aufnehmen wird, mächtig nach Aten zurück. Aber ich bin seit etlichen Tagen zu Lemnos, und dem Schauplatze der Homerischen Gesänge zu nahe, um es bei den Musen verantworten zu können, wenn ich nicht nach der Trojanischen Küste vollends hinüber setzen wollte. Indessen hoffe ich längstens in acht Wochen, mit hülfe der nördlichen Winde, die um diese Zeit regieren, wieder in Aten zu sein: und dort, schöne Lais, schmeichle ich mir einen Brief von dir zu finden, der mir sagt, ob dir indessen irgend ein günstiger Wind einen Liebhaber zugeweht hat, der dich des alten Sokrates vergessen machen kann.

27.

Demokles an Aristipp.

Dein Rat kam zu spät, Aristipp. Die Freunde der Freiheit, unter welchen eine beträchtliche Anzahl entschloss'ner Männer war, sind auf einmal aus dem Nebel der Verborgenheit hervorgetreten. Evagoras, den du als einen ehrgeizigen und unternehmenden Mann kennen wirst, hat Mittel gefunden sich an ihre Spitze zu stellen. Sie haben sich versammelt, verschiedene kräftige Vorkehrungen für die öffentliche Sicherheit getroffen, und die Häupter der drei Factionen, jeden insbesondere, zu einer förmlichen Erklärung über die Absicht ihrer, schon lange nicht mehr geheimen, Zurüstungen aufgefordert. Man hat einander eine Zeit lang mündlich und schriftlich mit allerlei Ausflüchten, und als diese erschöpft waren, mit Vergleichungsvorschlägen aufgezogen. Wie aber die Demokratische Partei in vollem Ernst erklärte