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dichtet. Ihm allein scheinen die Götter, die er bildete, wirklich erschienen zu sein: Alkamenes bestrebte sich menschliche Gestalten zu göttlichen zu veredeln. Beide haben dem Myron nichts als den Vorzug der Grazie übrig gelassen. Menon, vielleicht der beste unter den Lehrlingen des Phidias, ist gegen diese dreinichts als ein Lehrling. Eine Diane von Myron veranlasste mich, den Wunsch hören zu lassen, dass ich die Grazien sehen möchte, welche Sokrates selbst in seiner Jugend gearbeitet hatte. Sie sind nicht wert von dir gesehen zu werden, versetzte er; ich bin nie mit ihnen zufrieden gewesen; aber seitdem ich deine Grazien kenne, würde ich die meinigen noch zehnmal steifer und steinerner finden als sonst. – Meine Grazien? sagte ich verwundert: es sind allerdings drei liebliche Mädchen; aber doch – "Ich rede nicht von deinen Aufwärterinnen, schöne Anaximandra: ich meine deine eigenen Grazien" – Mache mich nicht stolz, Sokrates; ich dachte nicht dass du auch schmeicheln könntest. – "Zum Beweise dass ich weder schmeichle noch scherze, will ich mich näher erklären. Ich habe seitdem ich dich kenne drei Dinge an dir bemerkt, die dich aus allen Schönen, die mir jemals vorgekommen sind, auszeichnen, und dir gerade das sind, was der Liebesgöttin die Grazien. Das erste ist ein dir eigenes, kaum sichtbares, deinen Mund, deine Augen, dein ganzes Gesicht sanft umfliessendes Lächeln, das nie verschwindet, es sei dass du sprichst oder einem andern zuhörst, auch sogar dann nicht, wenn du etwas Missfälliges siehest oder hörest, zu trauern oder zu zürnen scheinst; das zweite, eine unnachahmlich zierliche Leichtigkeit im gang und in allen Bewegungen und Stellungen des Körpers, die dir, wenn du gehest, etwas Schwebendes, und wenn du in Ruhe bist, das Ansehen gibt, als ob du, ehe man sich's versehe, davon fliegen werdest; eine Leichtigkeit, die niemals weder an sich selbst vergessende Lässigkeit noch an Leichtfertigkeit streift, und immer mit dem edelsten Anstand und mit anspruchsloser angebornen Würde verbunden ist." – Eine plötzliche Schamröte ergoss sich, wie er diess mit so viel anscheinender Treuherzigkeit sagte, über mein ganzes Gesicht, bei dem Gedanken, dass ich mit einem so guten und ehrwürdigen mann am Ende doch nur Komödie spiele. – Gut; rief er, da haben wir deine dritte Grazie! diese holde Schamröte, die Tochter des zartesten Gefühls, die dem Adel deiner Gesichtsbildung und dem Ausdruck des Selbstbewusstseins nichts benimmt, und sich dadurch so wesentlich vom Erröten der kindischen oder bäurischen Verlegenheit unterscheidet. Ein Bildhauer, der Genie und Kunst genug besässe, dieses Lächeln, diese Leichtigkeit und dieses Erröten zu verkörpern und in Gestalt dreier lieblicher Nymphen darzustellen, hätte uns die Grazien dargestellt.

Gestehe, Aristipp, dass es keine sehr leichte Sache war, in diesem Augenblicke nicht ein wenig aus meiner Rolle zu kommen. Aber Sokrates selbst half mir ohne sein Wissen wieder hinein. Ich sage dir diess, fuhr er fort, weder um deine Eigenliebe zu kitzeln, noch weil es mir im geringsten schwer gewesen wäre, meine Bemerkungen für mich zu behalten; sondern, weil ich diese gelegenheit nicht entschlüpfen lassen möchte, ohne dir die hohe Bestimmung zu Gemüte zu führen, um derentwillen die Götter so viel Schönheit und Würde mit so viel Reiz und Anmut in dir vereiniget haben.

Und nun, Freund Aristipp, setzte er sich mit mir unter den grossen Oelbaum vor dem Tempel der Atene Polias102, und begann, mit einer ihm nicht gewöhnlichen Begeisterung, eine lange Rede überSchönheit und Liebe. Er setzte als etwas, woran ich nicht zweifeln könne, voraus, dass beide ohne Tugend weder zu ihrer Vollkommenheit gelangen, noch von Dauer sein könnten. Er bewies, indem er die Begriffe in seiner etwas spitzfindigen Manier sonderte und entwickelte, dass das Schöne und Gute im Grund eben dasselbe, und Tugend nichts anders als reine Liebe zu allem Schönen und Guten sei; eine Liebe, die vermöge ihrer natur, gleich der Flamme, immer emporstrebe, durch nichts Unvollkommnes befriediget werde, und nur im Genuss des höchsten Schönen, zu welchem sie stufenweis emporsteige, Ruhe finde. – Und was meinst du, dass er mit dem allen wollte? Nichts geringeres als mich überzeugen, "dass die natur mich ganz eigentlich zu einer Lehrerin und Priesterin, ja noch mehr, zu einer unmittelbaren Darstellerin des Ideals der Tugend, mit Einem Wort, zur personificirten Tugend selbst bestimmt und ausgerüstet habe; und dass es also die erste meiner Pflichten sei, die Erreichung dieses hohen Ziels zum grossen Geschäfte meines Lebens zu machen."

Es würde mir kaum möglich sein, nur den zehnten teil der erhabenen Dinge, die er mir sagte, wieder zusammen zu bringen; aber des Schlusses seiner Rede erinnere ich mich noch von Wort zu Wort. "Wenn, sagte er, die Tugend sich sichtbar machen könnte, was für eine andere Gestalt als die deinige könnte sie annehmen wollen, um alle Herzen an sich zu ziehen und fest zu halten? Es hängt bloss von deinem Wollen ab, der Welt zu zeigen dass sie sichtbar werden könne: und wenn Tyche103 dich zur Königin des ganzen Erdkreises erhübe, wie wenig wäre das gegen die Höhe, zu welcher du dich aus eigener Macht, ohne etwas anders als dich selbst vorzustellen, erheben kannst, bloss indem du die Pflicht, die dir deine Schönheit auferlegt, in ihrem Umfang erfüllst."

Du wirst mir gern