, so würde mein Aufentalt zu Aten eine Kette von Lustpartien, Gastmählern und Vergnügungen aller Gattung sein. Die allgemeine Schwärmerei, die meine Erscheinung erregte, ging anfangs so weit, dass ich sogar einem Freunde nicht ohne Unbescheidenheit davon sprechen kann. Ich glaube, wenn ich mit meinen drei Grazien gerades Weges vom Tempel der Aphrodite Besitz genommen hätte, niemand würde mir das Recht dazu streitig gemacht haben. Dieser Grad von Berauschung konnte natürlicher Weise von keiner langen Dauer sein: dagegen hat der Wetteifer sich um mich verdient zu machen, bei allen, die sich durch persönliche oder angeerbte Vorzüge dazu berechtigt halten, eher zu als abgenommen. Aber ich entziehe mich den Wirkungen desselben so viel möglich, und bleibe meinem Plan getreu. Des Sokrates wegen bin ich nach Aten gekommen, und ihm vorzüglich soll die Zeit meines Hierbleibens gewidmet sein. Ich habe mir alle Einladungen in die Häuser meiner Verehrer verbeten, und sehe, ausser an öffentlichen Orten, keine Gesellschaft als in meiner eigenen wohnung. Denn ich habe durch Vermittlung deines Freundes Eurybates (der mir die strengste Verschwiegenheit versprochen hat) ein ganz artiges kleines Haus mit einem geräumigen saal gemietet, wo sich alle Abende eine auserlesene Gesellschaft von ältern Freunden des Sokrates einfindet, unter welchen er selbst nur selten fehlt. Die jüngern sind (zu grosser Unlust des schönen Phädrus, meines erklärten Anbeters) ohne Barmherzigkeit ausgeschlossen. Ich wollte, du könntest sehen, wie hübsch ich mich als Wirtin mitten unter einer Gesellschaft von sechs oder acht weisen Männern ausnehme, von denen der jüngste seine funfzig Jahre auf dem rücken hat; und wie stolz würdest du erst auf deine neue Base sein, wenn du sie mit solchen Antagonisten über das selbstständige Schöne und Gute, über den Grund des Rechten, über das höchste Gut und über die vollkommenste Republik ganze Abende lang disputiren hörtest, und bemerktest, mit welcher natur oder Kunst (wie du willst) sie diesen spröden Materien ihre Trockenheit zu benehmen, und die graubärtigen Streitähne selbst in gebührender Zucht und Ordnung zu erhalten weiss. Aber freilich darf uns dann die Hauptperson nicht fehlen; er, dessen scharfer blick, treffender Witz und muntre Laune ihn zur Seele unsrer Gesellschaft macht. Der undankbarste Stoff wird unter seinen Händen reichhaltig, und die scherzhafte sympotische Manier101, womit er die subtilsten Probleme der Moral und Menschenkunde zu unterhaltenden Tischgesprächen zuzurichten weiss, scheint die verwickeltsten Knoten oft feiner, wenigstens immer zu grösserm Vergnügen der Zuhörer, zu lösen, als durch eine ernstaftere und schulgerechtere Analyse geschehen würde. Aber Ehre dem Ehre gebührt! Die schöne Anaximandra tut natürlicherweise ihre wirkung, und seine ältesten Freunde versichern mich, dass sie ihn in seinem ganzen Leben nie so aufgeräumt und jovialisch gesehen haben, als – seit dem Tage meiner Ankunft in Aten. Nenn' es nun und erkläre dir's wie du willst; ich streite nie um Worte, aber du wirst mir erlauben, dass ich mich an die Erklärung halte, die für meine Eigenliebe die schmeichelhafteste ist.
Ich gefalle mir so wohl zu Aten, dass ich, wenn mir Eurybates reinen Mund hält, und nicht etwa ein neidischer Dämon mir jemand, der mich zu Korint gekannt hat, in den Weg wirft, grosse Lust habe, meinen Aufentalt noch um mehrere Tage zu verlängern.
Mein geheimes Liebesverständniss mit dem alten Spötter (denn bis zu Erklärungen über einen so zarten und unaussprechlichen Gegenstand ist es zwischen uns noch nicht gekommen) geht noch immer seinen gang, und ich schliesse aus dem Vergnügen, das ich an seinem Umgang finde, dass ihm der meinige wenigstens eben so angenehm sein müsse. Wiewohl er eine Aspasia gekannt hat, glaube ich doch etwas Neues für ihn zu sein; und bei aller seiner anscheinenden Beschränkteit, hat vielleicht kein Sterblicher jemals eine allgemeinere Empfänglichkeit und einen reinern Sinn für alles Menschliche gehabt als er.
Wünsche mir Glück, Aristipp! heute hab' ich einen ganzen Morgen mit meinem Liebhaber Sokrates auf der Burg von Aten unter vier Augen zugebracht; denn die ehrliche Haut Simmias von Teben und den feinen wohlerzogenen Kritobul, die ihn begleiteten, rechne ich für nichts, weil sie so bescheiden waren uns fast immer allein zu lassen. Wir besahen alle Merkwürdigkeiten des Orts, der das Sublimste und Schönste, was Baukunst und Bildnerei in der Welt hervorgebracht haben, in keinem grösseren raum vereiniget, als gerade nötig war, um dem Auge alles unter einem einzigen Gesichtspunkte als das erhabenste Ganze darzustellen. Mir war als ob ich diese Wunder der Kunst zum erstenmal sähe, da ich sie mit Sokrates sah, wiewohl ich schon zuvor in Gesellschaft des Eurybates hier gewesen war. Am längsten verweilten wir, wie billig, unter den Propyläen, wo die schönsten Bildsäulen von Phidias, Alkamenes, Myron und Menon uns ein paar Stunden unterhielten. Sokrates, wiewohl in seiner Jugend selbst ein Bildhauer, sprach von diesen Werken mit der verständigen Bescheidenheit eines Mannes der den Meissel seit vierzig Jahren nicht geführt hatte und, seinem eigenen Urteil nach, nie weiter als in den Vorhof der Kunst gekommen war. Indessen schien er mir Bemerkungen zu machen, wovon auch ein Meister hätte Vorteil ziehen können. Ich fragte ihn, in welche Rangordnung er die genannten Künstler stelle. Frage lieber dein eigen Gefühl, war seine Antwort. – So ist Phidias der erste. – Unstreitig, erwiderte er. In Phidias findet sich alles, was den grossen Künstler macht, beisammen; er ist, so zu sagen, ein Homer, der statt in Versen, in Marmor und Elfenbein