Ich mache keinen Anspruch von einem mann wie Sokrates anders als nach seiner eigenen Weise geliebt zu werden, und es würde mir unendlichemal weniger schmeicheln, wenn ich, um sein Herz zu gewinnen, ihm vorher den Kopf verrücken müsste. Glücklicher Weise ist die Sache bereits entschieden; mein Spiel ist gewonnen, und ich bin desto besser mit mir selbst zufrieden, weil ich es ohne hetärische Winkelzüge aufrichtig und redlich gewonnen habe. Doch alles an seinem Ort und zu seiner Zeit!
Es gefällt mir hier so wohl, dass ich gute Lust habe, ein Tagebuch über meinen hiesigen Aufentalt zu schreiben, und du sollst sehen, dass der weiseste aller Menschen keine schlechte Rolle darin spielt.
Ich lebe nun vierzehn volle Tage hier, und von diesen ist kein einziger vorbeigegangen, ohne dass ich deinen Sokrates gesehen und gesprochen hätte. Allentalben, wo ich zu sehen bin, ist er auch; in der grossen Halle, in der Akademie, im Odeon, auf dem Ziegelplatz, im Piräos, unter den Propyläen, überall wo ich hingehe, find' ich ihn immer schon da, oder bin doch gewiss, dass er wie gerufen kommen wird. Du lachst, Aristipp, dass ich so einfältig bin, etwas auf meine Rechnung zu setzen, was Sokrates schon seit vierzig Jahren alle Tage zu tun pflegt. – "Man ist es, sagst du, zu Aten gewohnt, ihn aller Orten zu sehen, wo viele Menschen zusammenkommen; und er würde gar nicht mehr bemerkt werden, wenn er nicht so viel und so laut spräche, dass man ihn wohl hören muss, man wolle oder nicht." – Aber, mein schöner Herr, dass er mich in acht ganzen Tagen auch nicht ein einzigesmal verfehlt haben sollte, wenn unser Zusammentreffen blosser Zufall wäre, das sollst du mich nicht bereden! Und dass er immer nur mit mir spricht, kommt wohl auch daher, weil sonst niemand mit ihm reden mag? Und dass er, seit ich zu Aten bin, täglich ins Bad geht, und Sohlen unter die Füsse bindet, und immer in seinem besten neugewalkten Mantel prangt, hat er wohl auch seit vierzig Jahren immer so gemacht? – Höre, Aristipp! ich sage dir, verkümmere mir meine Freude nicht, oder wir bleiben nicht lange gute Freunde!
Das muss ich den Atenern nachrühmen, sie betragen sich, auch seitdem der erste Taumel vorüber ist, mit vieler Urbanität und Artigkeit gegen mich und meine Grazien. Aber freilich, immer in Ungewissheit zu schweben wie ich heisse? Wer ich bin? Wo ich herkomme? Was ich zu Aten zu suchen habe? Wie lange ich bleiben werde? Wie es mir da gefällt? – und einander über alle diese fragen keine Antwort geben zu können, ist mehr als man einem so lebhaften und wissbegierigen volk zumuten kann. über den letzten Punkt erhalten sie zwar bei jeder gelegenheit die verbindlichsten Erklärungen; aber über alles Uebrige mussten sie sich einige Tage mit der allgemeinen Nachricht, die sie von meinen Leuten in grösstem Vertrauen erhielten, behelfen: dass wir sehr weit herkämen, dass ich mich eines Gelübdes gegen die grosse Göttermutter von Berecynt99 zu entledigen hätte, und dass ich nach Aten gekommen sei, weil ja niemand sagen könnte, er habe etwas Sehenswürdiges in seinem Leben gesehen, wenn er Aten nicht gesehen hätte. Damit kamen wir nun etliche Tage so ziemlich aus: aber wie das aufsehen, das ich gegen meine Absicht erregte, immer auffallender wurde; wie man überall von nichts als der schönen Unbekannten sprach, und tausenderlei lächerliche Sagen, Vermutungen und Hypotesen über sie herumliefen, fanden endlich die Gynäkonomen100 für nötig, ihr Amt zu verrichten, und sich etwas näher, wiewohl sehr manierlich, nach meinem Namen und stand zu erkundigen. Um ihrer recht bald und mit eben so guter Manier los zu werden, fiel mir in der Eile nichts Besser's ein, als mich (mit deiner vorausgesetzten erlaubnis) für eine Cyrenerin, Namens Anaximandra, eine Verwandte von Aristipp, Aritadessohn, auszugeben, die, wegen der neulich zu Cyrene ausgebrochnen Unruhen, für gut gefunden hätte, auszuwandern, und sich bis zur Wiederherstellung der Ordnung in ihrer Vaterstadt in Griechenland aufzuhalten. Die Herren zogen sich nach Empfang dieser Auskunft mit allem möglichen Atticism wieder zurück, und seitdem begegnet mir, wie mich dünkt, jedermann mit verdoppelter Aufmerksamkeit und achtung; so gross ist der Credit, in welchen mein neuer Vetter die Stadt Cyrene bei den guten Kechenäern gesetzt hat. Du kannst dir leicht vorstellen, dass ich mich, um meinen neuen Namen und Stand gehörig zu behaupten, bei meinem Verehrer Sokrates nach dir erkundigen musste. Um dich weder zu stolz noch zu demütig zu machen, will ich dir nicht wieder sagen, was er von dir urteilt. Genug, ich sagte ihm: da du, bei vielen Fähigkeiten und guten Eigenschaften, von etwas leichtem Sinne wärest, und das Vergnügen vielleicht etwas mehr liebtest, als einem edlen emporstrebenden Jünglinge zuträglich sei, so hätte die Familie geglaubt nicht besser tun zu können, als wenn sie dir auf einige Zeit das Glück um Sokrates zu sein verschaffte; – und er versicherte mich dagegen, die Schuld werde nicht an ihm liegen, wenn die gute Absicht deiner edlen Familie verfehlt werden sollte. Das lass' dir gesagt sein, Vetter Aristipp!
Wenn ich Lust hätte, dem guten Willen der Attischen Jugend von der ersten klasse, und den übel verhehlten kleinen Entwürfen ihrer Väter, einige Aufmunterung zu geben