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Zweck meiner Reise ist sehr einfach. Ich wollte von allem, was in Aten zu sehen ist, nur einen einzigen Mann kennen lernen, und der Zufall hat mich mehr als ich hoffen durfte begünstiget. Lebet wohl!

Und so eilte ich mit der Leichtfüssigkeit einer Waldnymphe von dannen, bestieg meinen Wagen wieder, und liess meine beiden Bewunderer, vermutlich sehr ungewiss was sie aus mir machen sollten, bald so weit hinter mir, dass ich sie völlig aus den Augen verlor.

Wie gefällt dir dieser Anfang, Aristipp? Er ist, wie du nicht zweifeln wirst, mit grossen begebenheiten schwanger, und wenn du mich recht schön bittestoder auch nicht bittest, so habe ich grosse Lust, dich mit der ganzen geschichte meiner philosophischen Mystificirung in Aten zu beschenken. Ich bin nicht eitel genug mir im Ernst mit der einzigen Eroberung zu schmeicheln, die mich hoffärtig machen könnteder Mann sieht mir zu hell aus seinen DelphinsaugenAber dass er die meinige gemacht hat, es mag ihm nun schmeicheln oder nicht, das hat seine Richtigkeit.

24.

Aristipp an Lais.

Vor allen Dingen, schöne Halbgöttin, lass' dir ein kleines Abenteuer erzählen, das mir dieser Tage aufstiess, da ich den ganzen Morgen damit zugebracht hatte, die Berge um Mytilene zu durchstreichen. Du weisst, denke ich, dass die Kräuterkunde seit einiger Zeit meine Lieblingsbeschäftigung ist, als eine Art Studien, wozu ein wandernder Weltbürger, wie ich, aller Orten Stoff findet, und wovon er gelegentlich allerlei nützlichen Gebrauch machen kann. Ich hatte mich ziemlich weit ins Gebirge hinein verirrt; die Sonne wurde drückend und mein Gaumen sehr trokken, als ich endlich am Fuss eines Felsens, an welchem eine Heerde Ziegen herumkletterte, unter einem hohen Nussbaum eine Hütte, und vor der Tür der Hütte ein junges Weib erblickte, die im Schatten sitzend Wolle spann. Ich bat sie um ein wenig wasser meinen Durst zu löschen, und sie eilte mir einen Topf voll frischer Milch zu holen, und bot mir ihn freundlich hin, weigerte sich aber, beinahe beleidigt, da ich ihr ein paar Drachmen in die Hand drückte, etwas anzunehmen, weil es (sagte sie) nicht Sitte in Lesbos sei, sich für solche kleine Liebesdienste bezahlen zu lassen. – Werde nicht ungehalten, liebe Laiska! Mein Abenteuer war freilich des Erzählens nicht wert; aber es ist gerade, als ob ich dir meine geschichte mit meiner gefälligen Wirtin zu Mytilene erzählt hätte. Leider ist hier keine gelegenheit, mir aus der Treue, über die du spottest, ein Verdienst bei dir zu machen. Es ist etwas, das einem jeden ächten Sokratiker, ja dem Meister selbst, alle Tage begegnen könnte. Schwerlich gibt es eine anspruchlosere Tochter der natur als die gute Leukonoe. Was sie zu geben hat, ist in ihren eigenen Augen etwas so Unbedeutendes, dass sie sich schämen würde, einen grösseren Wert darauf zu legen, als meine Ziegenhirtin auf ihren Topf mit Milch. Meine Treue bleibt dir also auf rühmlichere Gelegenheiten vorbehalten; auch wollt' ich wetten, du bist von der Unmöglichkeit meiner Untreue so völlig überzeugt, dass es lächerlich wäre, wenn ich jemals damit gross gegen dich tun wollte. Es gibt nur Eine Lais, die alle Arten von Reizen in sich vereiniget, und auf alle mögliche Weise liebenswürdig ist. über wen wollte sie eifersüchtig sein? Das ist eine leidenschaft, die sie ihren Liebhabern überlässt. Aber wehe dem, der nicht gleich bei ihrem ersten Anblick seine Partie darüber nimmt! Ich weiss wohl, du wirst die stolze Ruhe, womit ich dich in der Welt herumschwärmen sehe, mit dem verhassten Namen Kaltsinn belegen; aber ich hülle mich in meine Unschuld. Denn ich bleibe dabei, der ruhige Liebhaber ist der einzige zuverlässige Liebhaber. Bei allem dem ist es nicht einmal wahr dass ich so ruhig bei deiner Reise nach Aten bin als ich vorgebe: nicht, weil du gerade so viel Anbeter dort zurücklassen wirst, als Männer die dich gesehen haben; und wer wird dich nicht sehen wollen? Die ganze Welt soll vor dir knien, das ist es ja eben was ich will! Was ich befürchte ist bloss, dass du gerade den Einzigen, dessen Eroberung dir schmeicheln würde, nicht erobern wirst. Denn dass du sie bereits gemacht hättest, ist doch wohl nur Scherz. arme Laiska! Ich fühl' es schon in allen Nerven, wie es dich kränken würde, vergebens nach Aten gereist zu sein! Aber ich fürchte! ich fürchte! Diesen Kopf zu verrükken, würde der Göttin selbst, deren sichtbare Stattalterin du bist, nicht möglicher sein als dir. Ich werde deinen nächsten Brief mit Zittern erbrechen, und kann ihn doch kaum erwarten.

25.

Lais an Aristipp.

Aber wer sagt dir denn, wunderlicher Mensch, dass ich mir nur im Traum einfallen lasse, den einzigen gesunden Kopf in ganz Griechenland verrücken zu wollen? – Und wenn ich es könnte, würdet ihr andern desto weiser sein? Dass ihr doch alle, ohne Ausnahme, wie es scheint, gar viel dabei zu gewinnen glaubt, wenn ihr einen grossen Menschen ein paar Stufen zu euch herunterziehen könntet; als ob er nicht immer um eben so viel grösser bliebe als ihr, wenn er auch auf derselben Fläche mit euch steht. Wie konntest du dir einbilden, ich werde nicht merken, warum du so ängstlich für den Ruhm meiner Reizungen bekümmert bist? Aber sei ohne Sorgen, mein Freund!