tun. Nun übersah er mich aus seinen grossen weit hervorstehenden Augen vom kopf bis zu den Füssen, und erwiderte in einem freundlichen Tone, wir könnten die Stadt auf keinem Wege mehr verfehlen. Dieser Ort ist so anmutig, sagte ich, dass wir uns, wenn es euch nicht zuwider ist, einen Augenblick zu euch setzen, und an euerm unterbrochnen Gespräch, wofern es keine Geheimnisse betrifft, Anteil zu nehmen wünschen. Beides, versetzte er, steht euch frei, wiewohl der Gegenstand, womit wir uns beschäftigten, wirklich eine Art von geheimnis ist. An einem den Musen geheiligten Orte wie dieser, sind Personen wie ihr nie zu viel. Nicht wahr, junger Mann? Der Jüngling errötete, sah ihn lächelnd an, und nickte Beifall. Geheimnisse, erwiderte ich, an denen man die ersten besten Anteil nehmen lassen kann, müssen wenigstens sehr unschuldig sein. Das eurige war vermutlich ein philosophisches?
D e r A l t e . Und gehört ganz besonders unter eure Gerichtsbarkeit; denn es betraf Schönheit und Liebe. Da die Liebe sich doch nur an das Schöne hält, so suchten wir dahinter zu kommen, was denn eigentlich das Schöne sei.
I c h . Und was fandet ihr?
D e r A l t e . Dass, wiewohl jedermann das Schöne liebt, doch vielleicht nicht Einer sich selbst oder andern zu sagen weiss, was es sei.
I c h . Vielleicht ist es mit dem Schönen wie mit der Farbe, die jeder Sehende kennt und unterscheidet, wiewohl er nicht sagen kann was Blau oder Grün ist.
D e r A l t e . Du meinst vermutlich, jedermann kann sagen, diess Kraut ist grün, diese Blume rot, diese blau; aber niemand kann sagen, was die Grüne, die Bläue, die Röte sei?
I c h . Es kann auch, dächte ich, niemanden viel daran gelegen sein, ob er's sagen kann oder nicht.
D e r A l t e . Mit den Farben mag es immerhin diese Bewandtniss haben: aber was das Schöne betrifft, so möchte' es wohl gut, ja sogar nötig sein, sagen zu können, was es ist, damit wir immer sicher sein könnten nichts zu lieben als was wirklich und immer schön ist.
I c h . Aber sollte diess denn auch so nötig sein als du zu glauben scheinst? Verzeih, ehrwürdiger Unbekannter, wenn ich meine Meinung zu frei sage!
D e r A l t e . Ich werde die meinige eben so frei sagen, und so sind wir quitt.
I c h . Man hat Beispiele, dass auch Gegenstände, die entweder nie schön waren oder es zu sein aufgehört hatten, leidenschaftlich geliebt wurden.
D e r A l t e . Gewiss! Aber diese Gegenstände werden dann geliebt, nicht weil sie hässlich, sondern weil sie ungeachtet ihrer Hässlichkeit dennoch liebenswürdig sind. Ich glaube nicht dass jemals ein Mensch war, dem ein Höcker etwas sehr Liebreizendes gedäucht hätte; aber dass eine höckerige person demungeachtet sehr liebenswürdig sein könne, ist wohl unläugbar.
I c h . Nicht nur das; es gibt Leute welche behaupten, ein wahrer Liebhaber finde sogar den Höcker des Geliebten schön, und es soll wirklich solche bezauberte Virtuosen in der Liebe geben.
D e r A l t e . Was dir, schöne Dame, unbegreiflich ist; nicht wahr?
D e r J ü n g l i n g . Ich bekenne dass ich einer von diesen Bezauberten bin.
D e r A l t e . Alles was du diesen Damen damit bewiesen hättest, wäre, dass es eine Liebe gibt, die eine Art von Wahnsinn ist.
I c h . Sollte nicht jede wahre Liebe eine Art von Wahnsinn sein? – Der Alte betrachtete mich, statt der Antwort, mit einem forschenden blick; aber der Jüngling platzte heraus: wenn diess ist, schöne Fremde, so brauchst du nur zu reisen, um alle unsre Städte, vom Tänaros bis zum Atos98 in lauter Irrenhäuser zu verwandeln.
I c h . Wenn es wahr wäre, dass die Wahnsinnigen die glücklichsten unter den Menschen sind, so hättest du mir etwas sehr Verbindliches gesagt. Wer wollte nicht wünschen, alle Menschen glücklich machen zu können?
D e r A l t e . Das wären sie schon lange, wenn Wahnsinn glücklich machte. Aber noch hab' ich keinen Menschen gesehen, der sich gewünscht hätte wahnsinnig zu sein.
I c h . Vermutlich auch keinen Liebhaber, der es zu sein geglaubt hätte, wiewohl sie es alle sind.
D e r A l t e . Ich hätte grosse Lust, dir zu beweisen, dass du dich sehr an der Liebe versündigest; aber der Tag neigt sich, und es ist noch eine ziemliche Strecke von hier bis zur Stadt.
I c h . Ich habe einen Wagen der auf mich wartet. Er hat viel Raum, und doch darf ich es wohl schwerlich wagen, euch einen Platz darin anzubieten?
D e r A l t e . Wenn du einen Triumpheinzug in Aten halten willst, so wäre diess das kürzeste Mittel; du würdest unfehlbar in wenig Augenblicken die ganze Stadt vor, neben und hinter dir her haben. Wir beide sind, wie du siehest, Fussgänger und ganz dazu eingerichtet. Aber, wenn die Frage nicht unbescheiden ist, gedenkst du dich in Aten zu verweilen?
I c h . Der