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, und sähe das stolze Selbstbewusstsein, womit sie, von ihren wonnetrunkenen Verwandten, Freunden und Mitbürgern umdrängt, und vom allgemeinen jubel der Zuschauer bewillkommt, sich den Kampfrichtern nahen, um die Krone zu empfangen: müsst' er nicht glauben, diese Menschen könnten nichts Geringeres getan haben, als ganz Griechenland durch einen Maratonischen20 oder Salaminischen Sieg vom Untergang gerettet, oder wenigstens jeder um seine eigene Vaterstadt sich durch irgend eine ausserordentliche Tat unendlich verdient gemacht zu haben? Aber wie erstaunt und betroffen würde dann ein solcher dastehn, wenn er hörte dass es weiter nichts ist, als dass der eine dieser gekrönten Helden am besten laufen kann, ein anderer die schnellsten Rennpferde und den geschicktesten Kutscher hat, ein dritter der grösste Meister im Faustkampf oder in der edlen Kunst seinen Gegner zu Boden zu ringen ist? Wahrlich dieser Perser oder Skyte, wiewohl die Griechen seiner Nation die Ehre erweisen sie nur für Halbmenschen anzusehen, würde sich schwerlich entalten können, das widersinnische Schauspiel für die wirkung irgend einer zürnenden Gotteit zu halten, und zu glauben, die ganze Nation müsste entweder von einem allgemeinen Wahnsinn befallen, oder, trotz ihrer übrigen Vorzüge, zu einer ewigen Kindheit der Vernunft verdammt sein. Dass ein schnellfüssiger Jüngling, ein gewandter Wagenlenker, ein nerviger Kerl der den Kampfhandschuh am kräftigsten zu gebrauchen wusste, oder um den stärksten Gegner zu überwältigen, keiner andern Waffe als seiner eigenen eisernen Faust bedurfte, in den zeiten, da der Tebanische Hercules diese feierlichen Spiele gestiftet haben soll, ein wichtiger Mann für seine kleine Vaterstadt war, ist natürlich, und aus dem rohen Zustand einer von ihrer ursprünglichen Wildheit noch langsam sich losarbeitenden Horde leicht zu erklären. Aber dass ein so gebildetes Volk, wie die Griechen dermalen sind, bei so gänzlich veränderter Lage der Sachen, noch immer ein so grosses Aufheben von Geschicklichkeiten macht, die entweder ganz unbrauchbar, oder doch verhältnissmässig von sehr geringem Nutzen geworden sind; dass der Mensch, der zu Olympia21 öffentlich dargetan hat, dass er den stiermässigsten Nacken, die stärksten Brustknochen und die derbeste Faust seiner Zeit besitze, oder mit jedem Hasen in die Wette laufen könne, für die höchste Zierde seiner Vaterstadt gehalten, im Triumph eingehohlt, über alle seine Mitbürger hinaufgesetzt, und als ein Wohltäter seines volkes öffentlich unterhalten, geehrt und nur nicht gar vergöttert wird, wiewohl die Stärke seiner Muskeln und Knochen, oder die Behendigkeit seiner Füsse vielleicht das einzige ist, was ihn von dem rohesten und verdienstlosesten seiner Mitbürger unterscheidet, – das ist doch wirklich so ungereimt, dass man es kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagt.

Damit ich mich durch diesen verwegenen Tadel eines Instituts22, das allen Hellenen so ehrwürdig und heilig ist, nicht selbst in den Verdacht einer Anmassung bei dir setze, die mich sehr übel kleiden würde, will ich dir nicht verbergen, dass ich meinem Gefühl vielleicht weniger getraut hätte, wenn ich nicht durch das Urteil eines weiseren Mannes als ich, mit welchem der Zufall mich bekannt machte, in dem meinigen bestärkt worden wäre. Er schien ein Mann von funfzig Jahren zu sein, und sein Aeusserliches zeigte eben nichts, was unter einer so grossen Menge von Menschen die Aufmerksamkeit auf ihn ziehen konnte. Er war nach Griechischer Sitte äusserst einfach, nach unsrer Cyrenischen beinahe ärmlich gekleidet, unbeschuht, von etwas finsterem Gesicht, lang, hager, und mit einem dünnhaarigen Barte geziert, der, wo nicht ihm selbst, wenigstens seinem Schatten so ziemlich die tragikomische Miene einesalten Ziegenbocks gab. Bei dem allen hatte der Mann etwas in seiner Gesichtsbildung, das mir Zutrauen zu ihm einflösste, und den Wunsch erregte bekannter mit ihm zu werden. Es traf sich, dass wir beide auf der Anhöhe, von welcher wir den Wettkämpfern zusahen, so nahe beisammen sassen, dass es nur von ihm abhing, jeden Eindruck, den diese Schauspiele auf mich machten, bemerken zu können. Er selbst zeigte bei allem was zu sehen war immer eben dieselbe Miene, die weder merkliches Wohlgefallen noch Missbelieben andeutete; nur zuweilen, wenn die Zuschauer durch irgend eine ausserordentliche probe von Stärke oder Geschicklichkeit zum Ausbruch einer gar zu unmässigen Bewunderung und Freude hingerissen wurden, verriet er durch ein leises Zucken der Lippen, dass das allgemeine Gefühl nicht das seinige war. Ich meines Orts überliess mich eine Zeit lang dem Vergnügen, welches der Anblick so vieler schönen Jünglinge, denen die Begierde des Sieges Schwingen an die Knöchel setzte, die Menge auserlesener Rennpferde und prächtiger Wagen, die Geschicklichkeit der Wagenführer, und mehr als alles andere, die unerschöpfliche Kraft und Gewandteit, womit die Ringer durch die gelehrteste Fertigkeit in ihrer Kunst den entscheidenden Augenblick aufzuhalten strebten, einem jungen Menschen, der das alles zum erstenmale sah, natürlicherweise machen mussten. Sogar das grausenhafte Schauspiel, das uns gegen die Mittagsstunde, während die Sonne über unsrer Scheitel brannte, die kaltblütige Wut der Faustkämpfer gab, und der furchtbare Handschuh, womit einige Paare neuer Eryxen23 und Herculessen einander zermalmten, erfüllte mich anfangs mit einer seltsamen Art von schauderlichem tragischen Vergnügen, indem es mich in die alte Heldenzeit zu versetzen und mir die Erzählungen der Dichter von den unglaublichsten Taten der Göttersöhne wahr zu machen schien. Ich wähnte eine Art unzerstörbarer titanischer Naturen vor mir zu sehen, die nur spielweise so grimmig auf einander losgingen, und an welchen die Wunden, die sie einander schlugen, sich ohne Zweifel eben so schnell und narbenlos wieder schliessen würden, als die Luft, die durch ihre gewaltigen Streiche zerrissen wurde. Aber die Täuschung war von