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kann, dass sie an meine Treue glaubt, so ist mir die ihrige gewisser, als wenn ich sie unter sieben Riegel im ehernen Turm der Danae eingeschlossen hielte. Sie wird sich in der seltensten aller Tugenden nicht von mir übertreffen lassen wollen, und käme auch der schönste der Götter, der ewig junge Bacchus selbst, mich aus ihrem Herzen zu vertreiben. Nicht wahr, Aristipp, ich habe dich erraten? Aber was du mit allem deinem Scharfsinn ewig nicht erraten hättest, während du dich zu Lesbos mit der schönen Leukonoein der Tugend übst, hab' ich unter dem prächtigsten Ahorn in der Welt am Quell des Ilissus, unweit Aten, eine Eroberung gemacht, die du mir nicht zugetraut hättestund nun rate!

23.

Lais an Ebendenselben.

Wenn eine Frau die Neugier eines Mannes geflissentlich erregt, so macht sie sich dadurch anheischig, sie zu befriedigen. Nicht wahr? Ihr andern nehmt das für eben so gewiss, als ob sie sich mit Brief und Siegel dazu verbindlich gemacht hätte, undihr habt Recht. Ich säume also nicht, lieber Aristipp, dir vor allen Dingen begreiflich zu machen, wie ich unter den grossen Ahorn am Quell des Ilissus geraten bin.

Meine Zurückkunft nach Korint erneuerte die Ansprüche zweier oder dreier junger Eupatriden, die keinen schlimmen Handel zu treffen glauben, wenn sie sich mit dem Eigentum meiner kleinen person ein gesetzmässiges Recht an den Nachlass meines alten Patrons erkaufen könnten, der ihnen überaus gelegen käme, die Lücken ihrer verprassten Erbgüter wieder auszufüllen. Weil ich alles gern auf eine decente Art mache, so dulde ich die Bewerbungen dieser speculativen Köpfe, ohne sie weder aufzumuntern noch abzuschrecken, und hätte sich noch ein vierter gefunden, dessen Umgang etwas mehr Interesse für mich gehabt hätte, so möchte ich den Istmus96 von acht oder neun Monaten, der mich von Aegina trennt, noch erträglich gefunden haben. – Ihr seid so eitle Geschöpfe, ihr andern, dass ich dir's vielleicht nicht gestehen sollte; aber da du es doch von selbst erraten hättest, will ich's lieber frei bekennen, dass ich dich, bevor die sieben ersten Tage vorbei waren, schon lebhafter vermisste als ich mir selbst zugetraut hätte. Meine Liebhaber hatten freilich, nach der lästigen Unverdrossenheit ihrer Aufwartungen zu urteilen, keine lange Weile bei mir; aber dafür machten sie mir deren so viel, dass ich des albernen Spiels endlich überdrüssig ward. Nein, sagte ich, es ist nicht länger auszuhalten; Aristipp lässt mich sitzen und schaukelt sich zwischen den Cykladen herum. Wie wenn ich ihm nachreis'te? – Nachreisen? – Pfui! das sähe ja gleich so aus, als ob eine verlass'ne Ariadne ihren Ungetreuen verfolgen wollte? Nein, nicht nachreisen, aber reisen will ich, und zwar nach Aten, um, während er sich auf den Schauplätzen alter Götter und Heldenmährchen herumtreibt, seine Stellebei dem weisen Sokrates einzunehmen. Gedacht, getan! Es wird eingepackt, angespannt, ich setze mich mit meinen Grazien (wie du sie zu nennen pflegtest) in den Wagen und rolle davon, von drei wohl bewehrten Dienern zu Pferde begleitet, wiewohl die Landstrasse zwischen Korint und Aten nicht mehr so unsicher ist wie zu Teseus zeiten. Ich verweile mich etliche Tage zu Megara, wo ich Geschäfte mit einem alten Gastfreund des Leontidas abzutun hatte, setze meine Reise fort, und lange an einem schönen Abend in einiger Entfernung von Aten auf einem mit Bäumen und Gebüschen bekränzten Hügel an, dessen Anmut mich und meine Nymphen zum Absteigen einladet. Ich befehle meinen Leuten langsam fortzufahren und mich bei einem gewissen Tempel, der an unserm Wege liegt, zu erwarten. Kaum sind wir auf dem weichsten Rasen ein paar hundert Schritte vorwärts gegangen, als ein prächtiger Ahorn97 von ungewöhnlicher Grösse und Schönheit unsre Augen auf sich zieht, neben welchem in kleiner Entfernung eine krystallhelle Quelle, zwischen Rosen und Lorberbüschen rieselnd, unvermerkt zu einem Bach wird, der den durchgehenden kaum die Knöchel benetzt. Ein rüstiger, wiewohl glatzköpfiger Alter, an Gestalt und Gesichtsbildung wie man die Silenen abzubilden pflegt, und ein schöner zum mann heranreifender Jüngling, beide unbeschuht, der Alte nur mit einem kurzen hier und da ausgefaserten Mantel, der andere weniger spärlich und beinahe zierlich bekleidet, sitzen auf einer Rasenbank am Fuss des Ahorns, und scheinen, in einem lebhaften gespräche begriffen, uns nicht eher gewahr zu werden, bis wir, völlig aus dem Gebüsche hervortretend, kaum noch zwanzig Schritte von ihnen entfernt sind. Jetzt erblikken sie uns, stutzen, flüstern einander etliche leise Worte zu, und sehen aus, als ob irgend eine magische Gewalt es ihnen unmöglich mache aufzustehen und sich zu entfernen. Wir waren alle vier zwar so leicht wie es die Hitze des Tages erforderte, aber (was sich ohnehin versteht) sehr sittsam und einfach gekleidet, und es begreift sich, dass der unerwartete Anblick vier solcher Figuren wie wir, an einem so einsamen und dichterischen Orte, etwas Auffallendes und beinahe Wunderbares für sie haben musste. Ich gehe langsam auf sie zu, grüsse sie, und frage, weil mir nicht gleich eine andere Einleitung beifallen will, ob diess der nächste Weg nach Aten sei? Mir däuchte als ob sie sich durch diese Frage merklich erleichtert fühlten; denn ich wollte wetten, der alte Herr, der etwas abergläubisch sein soll, würde verlegen gewesen sein, wie er uns anreden müsse, um der Sache weder zu viel noch zu wenig zu