, deine Liebhaber durch den Zauber einer sich immer annähernden und entfernenden Hoffnung bei gutem Mute und in deiner Gewalt zu erhalten, so gut als die berühmte Targelia ein Diadem verschaffen können, wofern dich je die Lust anwandelte, deine Freiheit gegen ein Diadem zu vertauschen.
S i e . So hoch fliegen meine Wünsche nicht.
I c h . In der Tat würdest du einen schlimmen Tausch treffen.
S i e . Das denke ich auch.
Diese Lais – höre ich dich sagen, Kleonidas – ist in der Tat eine Hetäre, wie vermutlich noch keine war und vielleicht in tausend Jahren keine wieder erscheinen wird; aber mit aller ihrer Philosophie doch – nur eine Hetäre, und eine um so viel gefährlichere, je mehr sie vor andern voraus hat. Nimm dich in Acht, Aristipp! – Ich bin so ziemlich deiner Meinung, Freund Kleonidas; sie ist ein gefährliches geschöpf. Sie wird manchen Kopf verrücken, der vorher recht stand, manchen Narren noch närrischer machen, und manchen vollen Beutel leeren. Was sie aus mir und dir machen wird (denn auch du wirst, wie ich hoffe, nach Korint kommen), wird die Zeit lehren.
Der Tag meiner Trennung von dieser Circe, in der ich gleichwohl mehr einen Freund als ein Weib liebe, rückt immer näher. Sie geht nach Korint zurück, und ich mache mich zu einer Reise in die Inseln fertig, von wannen ich in einigen Monaten etwas leichter an Dariken, und reicher an Kenntnissen der natur und der Kunst, nach der schönen Atenä zurückkehren werde. Bewunderst du mich nicht, dass ich mich mit so leichtem Herzen von der reizendsten aller Zaubrerinnen trennen kann?
21.
An Kritobulus.
Mein Aufentalt in Aegina hat länger gedauert als ich vorhersehen konnte, und meine Abwesenheit von Aten wird sich in eine noch grössere Länge ziehen; denn ich bin im Begriff einen Streifzug durch die merkwürdigsten Inseln des Aegeischen und Ionischen Meeres zu tun. Du hast vielleicht schon gehört, dass ich unsern Freund Kleombrotus eingeladen habe, herüber zu kommen und mich auf dieser Reise zu begleiten. Die Luftveränderung wird seiner Gesundheit zuträglich sein, und die mannichfaltige Menge neuer Gegenstände seiner allzuwirksamen Phantasie eine andere Nahrung und einen weitern Spielraum geben, und sie dadurch verhindern, sich in diejenigen, die ihn zeiter einzig beschäftigten, gar zu tief hineinzugraben. Der Kreis, den unser ehrwürdiger Meister um sich her zu sehen gewohnt ist, wird durch unsre Abwesenheit auf einige Zeit – um zwei, die man kaum vermissen wird, vermindert: und wir werden mit einer Menge neuer Ideen und praktischer Kenntnisse schwer beladen zurückkommen, die uns Stoff zum fragen, und ihm gelegenheit, unsre Begriffe zu berichtigen, geben werden. Sage ihm, es vergehe kein Tag, da ich mich nicht einer seiner weisen Lehren erinnere, oder von einer seiner Maximen Gebrauch mache – nach meiner Weise, versteht sich; denn an einer ängstlichen schülerhaften Copei würde er selbst kein Wohlgefallen haben. Wenn ich einen Weg zu machen habe, worauf man sich leicht verirren kann, bin ich froh, wenn ich einen kundigen Wegweiser finde; ich gehe neben, auch wohl zuweilen ein wenig vor oder hinter ihm, ohne meine Füsse in seine Tritte zu setzen, oder mich der Freiheit zu begeben, dann und wann einen kleinen Umweg zu nehmen, um etwa einer Nachtigall im Gebüsche zuzuhören, mich an einer schönen Ansicht zu ergötzen, oder die Aufschrift an einem verfallenden Denkmal zusammen zu buchstabiren. Es ist mit der Philosophie, denke ich, wie mit den Nasen; das, was eine Nase zur Nase macht, ist bei allen dasselbe, und doch hat jedermann seine eigene.
22.
Lais an Aristipp.
Wie, mein weiser Freund? Sollt' es wirklich dein Ernst sein? Ich soll mich von Lesbos aus so treuherzig machen lassen, nach einer Abwesenheit, binnen welcher der Mond fünfmal gewechselt hat, an – deine Treue zu glauben? Du hättest dich nur darum in einen Liebeshandel mit der reizenden Lesbierin verwickelt, um mir einen recht heroischen Beweis zu geben, dass die blosse Erinnerung an deine Anadyomene hinlänglich sei, alle Pfeile, die Eros aus den grossen schwarzen Augen der schönen Leukonoe nach deinem Busen schiesst, kalt und kraftlos abglitschen zu lassen? und dass ein Mann nichts als eine Haarlocke von Lais am Finger zu tragen brauche, um einer so warmen und verführerischen Liebhaberin, wie du mir deine Wirtin beschreibst, widerstehen zu können? Und deine freilich noch ziemlich unerfahrne Freundin sollte so gefällig sein, sich ein solches Mährchen weiss machen zu lassen? bloss weil sie gestehen muss, es wäre ganz artig, wenn es – kein Mährchen wäre? Nein, guter Aristipp! so weit geht die Liebe zum Wunderbaren nicht bei mir, und ich wollte den besten Kuss, den ich zu geben vermag, daran setzen, könnt' ich mich in diesem Augenblick (die Stunde sag' ich dir aus guten Ursachen nicht) in das zierliche kleine Cabinet, wovon du mir eine so genaue Beschreibung machst, versetzen; ich würde etwas nicht halb so Wunderbares sehen, als die Treue, woraus du dir, vermutlich um der Seltenheit der Sache willen, ein so grosses Verdienst bei mir zu machen scheinst. Aber denke nicht, mein guter Philosoph, dass ich die kleine Schlange nicht gewahr werde, die unter diesen Blumen versteckt liegt. Du hast ausfindig gemacht, dass Grossmut meine schwache Seite ist. Wenn ich sie, denkst du, nur erst so weit bringen