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Dank schuldig: wir übernahmen dagegen die Leistung der Bürgerpflichten gegen sie, und sie ist uns eben so wenig Dank dafür schuldig; jeder teil tat was ihm oblag. Der Vertrag aber, den wir darüber mit einander eingingen, war nichts weniger als unbedingt. Cyrene versprach uns zu schützen insofern sie es könnte; denn gegen den grossen König oder eine andere überlegene Macht vermag sie nichts. Wir hingegen behielten uns das Recht vor, mit allem was unser ist auszuwandern, falls wir unter einem andern Schutze sichrer und glücklicher leben zu können vermeinen würden; ein Vorbehalt, der überhaupt zu unsrer Sicherheit nötig ist, weil zwar Cyrene uns zu Erfüllung unsrer Pflichten mit Gewalt anhalten kann, wir hingegen nicht vermögend sind, sie hinwieder zu dem, was sie uns schuldig ist, zu zwingen. Was mich selbst persönlich betrifft, so sehe ich meine Menschheit, oder, was mir ebendasselbe ist, meine Weltbürgerschaft, für mein Höchstes und Alles an. Die Cyrener können mir, wenn es ihnen beliebt (was vielleicht bald genug begegnen wird) alles nehmen was ich zu Cyrene habe; so lange sie mir erlauben ein freier Mensch zu sein, werde ich mich nicht über sie beklagen. Meine guten Dienste, glaube ich, mit gehöriger Einschränkung, jeder besonderen Gesellschaft, deren Schutz ich geniesse, so wie allen Menschen mit denen ich lebe, schuldig zu sein. Träte jemals ein besonderer Fall ein, wo ich meinem vaterland nützlich sein könnte, so würde ich mich schon als Weltbürger dazu verbunden halten, insofern nicht etwa eine höhere Pflicht, z.B. nicht Unrecht zu tun, dabei ins Gedränge käme. Denn wenn etwa den Cyrenern einmal die Lust ankäme Sicilien zu erobern91, so würde ich mich eben so wenig schuldig glauben, ihnen meinen Kopf oder Arm oder auch nur eine Drachme aus meinem Beutel dazu herzugeben, als ihnen den Mond erobern zu helfen. Auch verlangt man zu Cyrene nichts dergleichen von mir. Fordert Aten von ihren Bürgern mehr, so ist das ihre Sache, und geht mich, denke ich, nichts an.

So viel über den ersten Punkt deiner Antwort, ehrenwerter Antistenes. Den zweiten, an welchem Sokrates schwerlich Anteil hat, glaube ich nur auf eine einzige anständige Art beantworten zu können, und diese ist, dass ich gar nichts darüber sage.

20.

An Kleonidas.

In der Voraussetzung dass ich dir dadurch einiges Vergnügen mache, fahre ich in meinem, wiewohl nur uneigentlich so genannten, Aeginischen Tagebuche fort: denn es wäre deiner gefälligkeit zu viel zugemutet, wenn ich dich mit den abgeschiedenen Schatten aller Tage, die ich hier verlebt habe, in Bekanntschaft setzen wollte, in der Meinung, dass sie für dich eben so viel Interesse haben müssten, als sie in ihrem Leben für mich hatten. Von meinen glücklichsten Tagen und Stunden pfleg' ich gar nicht zu sprechen; ich betrachte sie als eine Art von heiligen Dingen, auf welchen, wie auf den Körben der Kanephoren an den Eleusinien92, der Schleier des Geheimnisses liegen muss. Wird er weggezogen, so erblicken uneingeweihte Augen, wie in jenen mysteriösen Körben, nichts alsHonigkuchen, Granatkörner, Bohnen und Salz.

Skopas ist nun mit seiner Venus-Lesbia (vorerst nur aus gebranntem Ton, wie sich von selbst versteht) fertig, und hat sein Möglichstes getan, den Stolz der undankbaren Lais durch eine gefährliche Nebenbuhlerin zu kränken, die bei dem grossen Haufen der Angaffer schon allein durch ihre vollständige Nakteit keinen geringen Vorteil über sie erhält. Die junge Sklavin aus Lesbos, die ihm (nicht ungern, wie es schien) zum Modell dabei diente, ist wirklich in ihren individuellen Formen von einer so seltenen Schönheit, dass es wohl, so lange uns ein allgemein anerkannter Kanon der Schönheit fehlt, unmöglich sein dürfte, das Problem, welche von beiden Bildsäulen die schönere sei, rein aufzulösen. Meine Vorliebe für die erste beweist bloss für meinen eigenen Geschmack. Mehrere Anbeter der schönen Lais, die man in der Meinung liess, sie wäre das Modell zu beiden, streiten für die zweite, und Lais scheint sich so wenig dadurch beleidigt zu finden, dass sie, unter der Bedingung, das Exemplar, das aus Marmor gemacht werden soll, für sich zu behalten, so grossmütig gewesen ist, dem in sein eigenes Werk verliebten neuen Pygmalion ein Geschenkmit dem Urbilde zu machen. Da du dir, sagte sie scherzend zu Skopas, schwerlich Hoffnung machen darfst, dass Amor das Wunder, das er einst zu Pygmalions Gunsten tat, dir zu Liebe wiederholen werde, so nimm meine Lesbia dafür, und bilde dir ein, sie sei dein eigenes, für dich von ihm belebtes Kunstwerk selbst. – Die Wahrheit ist, dass der arme Skopas, wofern die allzureizende Sklavin nicht ein Mittel gefunden hätte, das gestörte Gleichgewicht seines äussern und inneren Menschen (nach der Sokratischen Maxime, deren du dich aus einem meiner Briefe erinnern wirst) bald möglichst wieder herzustellen, schwerlich jemals mit seiner Arbeit fertig geworden wäre; so mächtig wirkte das zauberisch anziehende Lächeln, womit die gefällige Nymphe, um die ihr aufgetragene Rolle der Göttin mit der gewissenhaftesten Treue zu spielen, ihn unter der Arbeit anzusehen für ihre Schuldigkeit hielt. Skopas arbeitete nun immer besser je ruhiger er arbeitete, und wer weiss, ob er nicht am Ende das Modell selbst für das unter seinen Händen unvermerkt zum Ideal veredelte Nachbild ohne Aufgeld zurückgegeben hätte, wenn Lais zum Tausche geneigt gewesen wäre. Man behauptet allgemein,