Völkerrecht, als ein solcher sollte jeder Mensch betrachtet und behandelt werden. Dass ich ein geborner Bürger in Cyrene bin, macht mich nicht zum Sklaven von Cyrene; ich bin auch als Bürger der allgemeinen menschlichen Gesellschaft geboren, und in dieser grossen Kosmopolis ist Cyrene nur ein einzelnes Haus. Da mir der Zufall Vermögen genug für meine Bedürfnisse zugeworfen hat, warum sollt' ich diess nicht als eine erlaubnis ansehen, in Erwählung einer Lebensart und Beschäftigung bloss meinem inneren Naturtriebe zu folgen? In meinen Augen ist es noch mehr als erlaubnis; es ist ein Wink, ein Gebot des Schicksals, mich zu der edelsten Lebensart zu bestimmen; und die edelste, für mich wenigstens (denn von mir ist jetzt bloss die Rede) ist nach meiner überzeugung, als Weltbürger zu leben, das heisst, ohne Einschränkung auf irgend eine besondere Gesellschaft, mich den Menschen bloss als Mensch so gefällig und nützlich zu machen als mir möglich ist. In dieser Gesinnung und mit diesem Zweck ging ich aus Cyrene in die weite Welt, um vor allen Dingen die Menschen kennen zu lernen, unter denen ich leben will, und mir so viele Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu meinem und ihrem Nutzen und Vergnügen zu erwerben, als Fähigkeit, Zeit und Umstände nur immer gestatten werden. Der Ruf des weisen Sokrates zog mich zuerst nach Aten; aber wahrlich nicht in der Meinung, mich einer Schule oder Secte zu verpflichten, oder einem einzelnen Menschen mehr Recht und Macht über mich einzuräumen, als ich ihm entweder freiwillig zu überlassen geneigt, oder jedem andern zuzugestehen schuldig bin. Ich kam als ein schon ziemlich gebildeter und keineswegs unwissender Jüngling nach Aten, und machte mir die erlaubnis, welche Sokrates allen gutartigen und lehrbegierigen jungen Leuten gibt, ihn zu besuchen und um ihn zu sein, so viel zu Nutze, als mir zu der Absicht, weiser und klüger in seinem Umgange zu werden, nötig schien; ohne darum andern nützlichen und angenehmen Verhältnissen auszuweichen, in welche ein junger Fremdling meiner Art in einer Stadt wie Aten zu kommen so viele gelegenheit findet. Nach einem zweijährigen ununterbrochnen Aufentalt in dieser ehmaligen Hauptstadt der gesitteten Welt, lockt mich das Bedürfniss einer kleinen Veränderung nach Aegina. Zufälligerweise treffe ich da eine junge Frau an, mit welcher ich schon vor zwei Jahren zu Korint bekannt geworden war; eine Frau, deren geringster Vorzug ist, dass Griechenland nie eine schönere gesehen hat. Sie ist die nächste Nachbarin des Landhauses, wo ich wohne. Sie versammelt öfters auserlesene Gesellschaft in dem ihrigen, und sie selbst ist die unterhaltendste Gesellschaft, die sich ein Mann, und wenn er Sokrates selbst wäre, nur immer wünschen könnte. Wir finden Geschmack an einander, wir sehen uns öfters, wir werden Freunde. Wohlgebrauchte Zeit fliegt schnell dahin. Eurybates, von dringenden Geschäften gerufen, geht nach Aten zurück; Aristipp, der keine dringenden Geschäfte hat, bleibt zu Aegina. Was ist in diesem allen Anstössiges? oder Aristipps, Aritades Sohns von Cyrene und Gesellschafters des weisen Sokrates, Unwürdiges? – "Aber diese schöne Dame, die so viel Geschmack an dir gefunden hat, und für deren Freund du dich erklärst, ist eine Hetäre." Nun ja, wie Korinne, wie Sappho, wie Aspasia von Milet, bevor Perikles sie zu seiner Gemahlin machte, eine Hetäre war; eine Gesellschafterin (das ist doch die Bedeutung des Wortes?), mit welcher euer Solon selbst, der Erfinder des Namens, den Rest seines Lebens mit Freuden ausgelebt hätte. Was kümmern mich eure Namen? Für mich ist sie das, wozu natur und Ausbildung, und die verschwenderische Gunst aller Musen und Grazien sie gemacht haben. Ihresgleichen wird selbst in dem schönen land, wo sie das Licht zuerst erblickte, nur alle tausend Jahre geboren. Und ich, dessen einziges Geschäft ist, die Menschen und sich selbst in allen Verhältnissen, die er zu ihnen und sie zu ihm haben können, zu studiren, ich sollte eine solche gelegenheit nicht benutzen? Entschuldiget mich, lieben Freunde, wenn ich diessmal viel mehr meinem Genius folge, als euerm Urteil oder Vorurteil! Es wird vermutlich nicht das letztemal sein. – Vor der Gefahr, dass mich diese Circe unauflöslich an sich fesseln, oder gar in – einen gefährten des Ulysses verwandeln werde, seid ohne Sorgen. In drei Tagen geht die schöne Lais nach Korint zurück, und Aristipp tritt seine Reise nach den Cykladen an.
18.
Antwort des Antistenes.
Nach Empfang deines Briefes, mein junger Freund, glaubte ich nicht besser tun zu können, als wenn ich ihn dem Sokrates selbst zu lesen gäbe, für welchen er doch eigentlich geschrieben zu sein schien. Nachdem er ihn, bei einigen Stellen lächelnd, bei andern den Kopf ein wenig wiegend, überlesen hatte, sagte er, indem er mir den Brief zurückgab: unser Freund Aristipp ist erstarkt, und kennt den Weg, den er gehen will, so gut, dass er weder eines Führers noch Wegweisers bedarf. Wenn Cyrene keine Ansprüche an ihn macht, wie sie wohl schwerlich machen wird, so sehe ich nicht, warum er nicht eben so wohl als ein Weltbürger sollte leben können, wie irgend ein Vogel in der Luft, der sich auf welchen Baum er will setzt, und sich übrigens nur vor Leimruten und Schlingen in Acht zu nehmen hat. Mit uns Atenern ist es ein anderes. Wir andern sind zu Bürgern von Aten geboren, und hangen nur als Atenische Bürger mit der übrigen Welt zusammen