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dass es auch brennt, bis sie mit versengten Flügeln am Boden zappelt. Lass' dich warnen, Freund Kleombrotus; und wenn du jetzt, wie ich nicht zweifeln will, mit gewarnten Augen Entdeckungen machst, die dir meine Meinung von den Absichten der weisen Dame bestätigen, so eile dich von ihr loszuwinden, und komm' zu mir herüber. Solltest du einen Vorwand dazu nötig zu haben glauben, so brauchst du ja nur ein Geschäft auf einer der Aegeischen Inseln vorzuschützen, und du begleitest mich dann auf der Reise, die ich in kurzem antreten werde, um die beträchtlichsten und berühmtesten derselben, Delos, Naxos, Samos, Chios und Lesbos zu besuchen. Fremde, wie wir, haben ohnehin den Cekropiden keine Rechenschaft zu geben, wenn wir ihr schönes, öltriefendes, veilchenbekränztes Aten wieder zu verlassen für gut finden; wiewohl sie keinen Begriff davon zu haben scheinen, wie man auch anderswo, wo man nicht um zwei oder drei Obolen von Sardellen, Gerstenbrot und Knoblauch lebt, ein menschliches Leben führen könne.

17.

An Antistenes zu Aten.88

Wie ich höre, wird die unvermutete Verlängerung meines Aufentalts zu Aegina von meinen Freunden in Aten nicht gebilliget. Man erwartete, dass ich mit Eurybates, den ich dahin begleitet hatte, wiederkommen würde, und die Auskunft, die er über die Ursache meines Zurückbleibens gab, wiewohl ich nicht zweifle, dass sie mit der Wahrheit übereinstimmt, scheint seiner Absicht, mich dadurch zu rechtfertigen, nicht entsprochen zu haben. Du hast, wie ich hoffe, nicht vergessen, Antistenes, dass die Strenge deiner Grundsätze das Zutrauen, das du mir schon in der ersten Stunde unsres Zusammentreffens zu Olympia einflösstest, seit dieser Zeit so wenig vermindern konnte, dass sie vielmehr der Grund ist, warum ich mich immer, vor allen andern Freunden des ehrwürdigen Sokrates, vorzüglich an dich angeschlossen habe. Ich weiss sehr wohl, dass meine Jugend und eine gewisse mir angeborne Sorglosigkeit, die ziemlich nahe an Leichtsinn grenzen mag, zuweilen der Zucht eines strengen Freundes bedarf: indessen, wie bescheiden einer auch von sich selbst denkt, kann es ihm doch nicht gleichgültig sein, wenn sein Charakter (vorausgesetzt er habe einen) von denen verkannt wird, mit welchen er am meisten umgeht; und ich gestehe gern, dass die Gerechtigkeit, die du mir widerfahren lässest, indem du nicht verlangst, dass ich etwas anders als das Beste wozu mich die individuelle Form meiner natur fähig macht, in meinem Leben darstelle, im grund die wahre Ursache meiner anhänglichkeit an dich ist, und dass die Strenge deiner Moral mich längst von dir entfernt hätte, wenn sie nicht durch eine billige Schätzung meines wirklichen Werts gemildert würde.

Ich weiss nicht, warum unser Meister, den ich (wie du mir bezeugen kannst) höchlich ehre und liebe, für gut befunden hat, mich immer in einer gewissen Entfernung von sich zu halten. Hat mir etwa sein Dämonion einen schlimmen Streich bei ihm gespielt? oder entdeckte sein Scharfblick einige Aehnlichkeit zwischen mir und einem seiner ehmaligen Lieblinge, von welchem er sich in seinen Erwartungen am Ende übel betrogen fand? Oder ist ihm irgend ein Zug in meiner Physiognomie zuwider? Was es auch sei, genug ich fühle mich, ohne meine Schuld, wie mich dünkt, zurückgehalten, so offen gegen ihn zu sein als ich wünschte, und wende mich daher lieber an dich, um durch deine Vermittlung bei ihm gerechtfertigt zu werden, wenn es mir gelingen sollte, mich zuvor bei dir selbst zu rechtfertigen.

Meine Sokratischen Freundeoder wie soll ich sie nennen? – scheinen, wenn sie über mich Gericht halten, zu vergessen, dass jeder Mensch, ausser dem allgemeinen Mass der Menschheit, noch sein eigenes hat, womit er gemessen werden muss, wenn man das, was sich für ihn schickt oder nicht schickt, richtig beurteilen will. Ich bin weder ein Atener, noch Tebaner, noch Megarer, weder eines Steinmetzen, noch Gerbers, noch Wurstmachers Sohn; sondern ein Cyrener aus einer Familie, die unter ihren Mitbürgern in Ansehen steht und sehr begütert ist. Ich bin, diesen Umständen gemäss, nach Cyrenischer Weise erzogen worden; und es wäre daher nicht ganz billig, eben dieselben Anlagen und Gewohnheiten in Rücksicht auf manche Dinge, die zum menschlichen Leben gehören, von mir zu fordern, als von einem in Dürftigkeit und Schmutz aufgewachsenen und an Entbehrungen aller Art gewöhnten Jüngling. Indessen habe ich zu Aten Jahre und Tage lang gezeigt, dass ich eben so gut von zwei oder drei Obolen des tages leben kann als ein anderer; nur sehe ich nicht, warum ich überall und immer so leben soll, oder warum ein kurzer Caputrock ohne Unterkleid für das einzige und ausschliessliche Costume der Philosophie gelten müsste. Ich achte mich bei Linsenbrei und Salzfisch für keinen bessern, und bei einer Mahlzeit für achtzig oder hundert Drachmen für keinen schlechtern Menschen als ich sonst bin; und wenn ich es dahin bringe, dass ich auf jede Weise leben kann, im Ueberfluss ohne Uebermut und Ausschweifung, in Einschränkung auf das Unentbehrlichste ohne Störung meiner guten Laune oder Abwürdigung meines Charakters, so denke ich, alles, was ein vernünftiger Mensch in diesem Stücke von sich selbst fordern kann, erreicht zu haben. – Doch diess ist nicht der Hauptpunkt. Die grosse Frage ist: was für einen Zweck habe ich mir überhaupt für mein künftiges Leben vorgesteckt? und hier ist meine Antwort. Ich bin ein freigeborner Mensch, und, trotz unserm barbarischen