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; ich glaube zu fühlen, dass wir dazu geboren sind Freunde zu sein. Es gibt keine ewige Liebe; aber Freundschaft ist ewig, oder verdiente diesen Namen nie. – Der Altar hier ist dieser Unsterblichen geheiligt. Hier, Aristipp, lass' uns schwören, Freunde zu bleiben so lange wir leben, und dieser erste Kuss sei das Siegel unsers schönen Bundes. –

Beneide mich nicht zu sehr, guter Kleonidas! Lais ist eine grosse Zaubrerin; sie lässt immer noch viel zu wünschen übrig, und indem wir uns trennen müssen, wundre ich mich hintennach, wie wenig das war, wodurch sie mich so glücklich wie einen Gott gemacht hatte.

16.

An Kleombrotus von Ambracien.

Ich danke dir, Lieber, für die guten Nachrichten, die du mir von unsern Freunden gibst. Mir ist angenehm dass sie die Dauer der Poseidonien zu Aegina so genau ausrechnen; ich nehme es als ein Zeichen ihrer Zuneigung auf, dass sie mich so bald zurück verlangen, wiewohl mir leid wäre, wenn sie aus meinem langen Ausbleiben (wie sie es nennen) das Gegenteil von mir vermuten wollten. Die Zeit ist vielleicht das zauberartigste Ding in der ganzen natur, wenn man anders ein Ding nennen kann, was das, was es ist, bloss durch unsre Einbildung und unsern Massstab wird. Eben dieselbe Zeit, sagt man, die dem Einen eine Stunde däucht, dünkt87 dem Andern ein Augenblick, dem Dritten ein Tag, dem Vierten ein Jahrhundert. Ich denke man könnte eben so gut sagen, sie ist es, für den nämlich, dem sie es däucht; denn dass sie einem andern mehr oder weniger ist als mir, gibt ihm kein Recht zu fordern, dass es mir auch so sein soll. Ich bin nun bereitslass sehen! – zwanzig ..... fünfundzwanzig ... achtundzwanzig ... wahrlich, beim grossen Poseidon! einunddreissig Tage hier, und ich versichre dich, heute am Morgen des zweiunddreissigsten, ist mir ich hätte die achtundzwanzig nur geträumt und sei erst vor drei Tagen in Aegina angekommen.

Was für ein Zauber kann das sein, fragst du, der den kaltblütigen Aristipp zu einem solchen Schwärmer zu machen vermag? – Komm und siehe! – Du bist zu nahe bei mir, um zu erwarten, dass ich Stunden, die ich besser anwenden kann, Stunden die für mich nur Augenblicke und gleichwohl, dem Sonnenzeiger nach, volle Stunden von dreitausend und sechshundert Pulsschlägen sind, dazu verschwenden werde, dich mit schönen Beschreibungen, wie wohl mir's hier geht, zu unterhalten. Komm herüber, lieber Kleombrotus; was hast du in Aten zu versäumen? oder kannst du nicht, wenn du es recht anfängst, für das, was du versäumst, überall Ersatz finden? Was wir in unserm Cirkel zu Aten philosophiren nennen, ist eine sehr gute Sache; nur zu viel ist nicht gut. Auch Aegina wird von den Musen besucht; du wirst sie mitten unter uns, oder uns mitten unter ihnen finden; und (was bei euch nicht immer der Fall ist) Arm in Arm mit den Grazien, und von Amorn mit Blumenketten gebunden. Du bedarfst einer kleinen Unterbrechung deiner gewöhnlichen Studien, die du mit einem so entusiastischen Eifer betreibst, dass dein Magen und Unterleib, und (unter uns gesagt) dein Kopf selbst in Gefahr dabei geraten. Auch darf ich dir nicht verhalten, dass mir vor dem feinen Netz ein wenig bange ist, womit die weise Aspasia dich zu umspinnen sucht. Fahre nicht auf, Lieber, und mache kein solches Gesicht an mich, als ob ich den Tempel zu Delphi beraubt, oder die Geheimnisse der Eleusinischen Göttinnen verraten hätte! Aspasia ist unläugbar eine Frau von vieler und langer Erfahrung; von hohem Geist, grosser Menschenkenntniss und feiner Lebensart, eine Meisterin in der Kunst zu reden und zu überreden; wahrlich, der klügste unter den dermaligen Demagogen zu Aten müsste noch lange bei ihr in die Schule gehen, bis er ihr alle die feinen Kunstgriffe abgelernt hätte, womit sie vor dreissig Jahren den Mann, der Griechenland regierte, zu regieren wusste. Kurz, ich weiss alles, was du mir zur Rechtfertigung der hohen Meinung, die du von ihr gefasst hast, sagen kannst. Aber was du nicht weisst, nicht siehst, nicht eher bis es zu spät ist sehen wirst, ist, dass die Freundschaft, die sie dir zeigt, nicht ganz so uneigennützig ist, als du dir einbildest. Denke nicht, sie habe immer so exemplarisch gelebt, wie sie jetzt zu leben scheint, da sie als witwe von zwei Atenischen Demagogen ihren sechzigsten Sommer herannahen sieht. – "Ihren sechzigsten Sommer? rufst du aus; das ist unmöglich, wenn sie nicht von Heben oder Auroren das geheimnis, niemals alt zu werden, zum Geschenk erhalten hat." – Das geheimnis liegt in einem halben Duzend Alabasterbüchschen auf ihrem Putztische, mein Freund. Glaube mir, ich kenne diesen Schlag von Weibern, und die Art, wie sie sich für die Mühe, ihre jungen Freunde zu bilden und in die Welt einzuführen, bezahlt zu machen pflegen, und ich könnte dir ein Lied davon singen, wiewohl mich keine von ihnen je gefangen hat. Mit dir ist's ein anderes, mein lieber Entusiast. Du bist (mit erlaubnis zu sagen) eine unschuldige schwärmerische Motte, die dem Lichte zufliegt, weil sie von seinem Schein entzückt ist, und nicht eher erfährt