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Kunst ist auf seiner Seite; das Ratsamste wäre, däucht mich, einen gütlichen Vergleich mit ihm zu treffen.

L a i s (in einem tragischen Ton). Auch du gegen mich, du den ich für meinen Freund hielt? Nun dann, wenn ich ja das Opfer seines Eigensinns werden soll.

S k o p a s . Um Vergebung, schöne Lais! Ich fühle dass mich das Interesse meiner Bildsäule und der Kunst über die Gebühr zudringlich gemacht hat. Ich besinne mich. Es wäre allerdings unbilligin der Tatam Ende bist auch du nur eine Sterbliche

A r i s t i p p . Mir fällt ein Ausweg ein, der, wofern er deinen Beifall hat, schöne Lais, den Künstler zufrieden stellen könnte. Wenn mich meine Augen nicht sehr getäuscht haben, so ist unter deinen Aufwärterinnen eine, welche völlig deine Grösse hat, und, die Gesichtsbildung ausgenommen, dir an Gestalt so ähnlich ist, dass sie in einiger Entfernung leicht mit dir verwechselt werden könnte. Wie wenn du diese an deiner Statt der Kunst Preis gäbest?

S k o p a s . Dem Aristipp ist's zu verzeihen, einen solchen Vorschlag getan zu haben; ich machte mich des Namens eines Künstlers auf immer unwürdig, wenn ich ihn annähme. Meine Venus muss in sich selbst vollendet, muss (so zu sagen) eine reine Auflösung des Problems der Schönheit sein; nicht das leiseste Missverhältniss darf die vollkommne Symmetrie aller Teile und die höchste Einheit des Ganzen stören.

L a i s . Dieses Unglück ist leicht zu verhüten. Wir lassen das Bild, wozu ich selbst, weil es mein ehmaliger Gebieter wollte, zum Modell dienen musste, wie es ist, wenig und leicht genug bekleidet, sollt' ich denken, um einen nicht gar zu eigensinnigen Kunstliebhaber zu befriedigen; und weil Skopas so grosse Lust hat, seine idee einer vollkommenen Schönheit in einer ganz entüllten Aphrodite darzustellen, so überlasse ich ihm meine Lesbia dazu. Ihr Gesicht mag wohl einiger Verschönerung fähig sein: aber dafür bin ich gut, dass er im ganzen Griechenland und allen seinen Inseln keinen schönern Körper finden soll.

S k o p a s . Als den, dessen Hälfte in diesem Bilde eine jede andere, als die Göttin selbst, eifersüchtig machen muss.

L a i s . Da mich Skopas aus billiger Rücksicht dass ich doch nur eine Sterbliche bin, und also meine geheimen Ursachen haben kann, ein für allemal dispensirt hat, so kann von mir nicht mehr die Rede sein.

Ungütige Lais, rief Skopas, gewiss zweifelst du nicht, dass das in einer ganz andern Absicht gesagt wurde?

Wirklich? versetzte sie mit einer naiven Miene, deren Ironie der junge Mann nur zu stark zu fühlen schien; aber was sollte man einem so heissen Liebhaber seiner Kunst nicht zu gut halten? Und wie könnt' ich dir meinen Dank für deine andere Absicht tätiger beweisen, als indem ich dir in meiner Lesbia eine so reiche Entschädigung anbiete? Diess war zu viel für die Empfindlichkeit und den Stolz eines Künstlers, der sich auf einmal, wiewohl durch seine eigene Unvorsichtigkeit, von einer schon nahe geglaubten Hoffnung herabgestürzt sah. Ich werde mein Aeusserstes tun (sagte er, sich vergeblich bemühend ihre Ironie mit einer eben so naiven Miene zu erwiedern), um dich von dem hohen Wert zu überzeugen, den ich auf die reiche Entschädigung lege, die du mir versprichst. Ich gehe mit deiner erlaubnis sogleich, um zu dem neuen Werke, das du mir aufträgst, Anstalt zu machen.

Was für ein reizbares Völkchen diese Götter- und Menschenbildner sind, sagte Lais als Skopas sich entfernt hatte. – "Du musst es ihm zu gute halten, schöne Lais; er fiel auf einmal von einer so schönen Hoffnung herab!" – Aber tat ich nicht wohl daran, fuhr sie fort, dass ich seinem grillenhaften Eigensinn nicht nachgab? – Wenn ich meine Meinung unverhohlen sagen soll, erwiderte ich, so ist die idee der Göttin der Schönheit, wie sie unter den Händen ihrer Dienerinnen, der Grazien, mit ihrem Gürtel geschmückt hervorgeht, erst lebendig in mir geworden, seitdem ich dieses Bild gesehen habe. Skopas hat unstreitig Recht, wenn er behauptet, dass die Bekleidung der Schönheit insofern nachteilig ist, als sie uns die reinen Formen der bedeckten Teile mehr oder weniger entzieht, und das Ganze mehr erraten als sehen lässt. Aber er hat Unrecht zu vergessen, dass Schönheit mit Grazie in Eins verschmolzen eine viel stärkere wirkung tut; und ich wenigstens bin überzeugt, dass eine Bekleidung wie diese hier (die Bildsäule stand uns gegenüber) gerade das ist, was jene Vereinigung bewirkt und einen grossen teil ihres Zaubers ausmacht. Während sie die Schönheit des Unverschleierten dem äussern Sinn auffallender macht, setzt sie zugleich den inneren in Bewegung, und verdoppelt das Vergnügen des Anschauers, indem sie die Einbildungskraft beschäftigt, mit leiser lüsterner Hand den neidischen Schleier von dem Verhüllten wegzuziehen.

L a i s . Das ist es eben was ich meinte.

I c h . Und was ich nicht hätte sagen sollen, denn ich rede gegen mein eigenes Interesse. Vielleicht hättest du mir erlaubt zugegen zu sein, wenn du dem Verlangen des Skopas nachgegeben hättest? – Du sollst nichts dabei verlieren, dass es nicht geschehen ist, sagte sie, indem sie mir die Hand reichte, und mich durch eine kleine Galerie in einen anmutigen, einsamen teil des Gartens führte