, und von dem was für den Menschen in beiden das Höchste ist, klärere Begriffe hat als die meisten seiner Kunstverwandten. Lais ist nicht selten die dritte person in seinem Arbeitsaale, und wenn ich zur Eifersucht geneigt wäre, so käm' es bloss auf mich an, in dieser hässlichen leidenschaft schnelle und grosse Fortschritte zu machen. Denn es ist nicht zu läugnen, dass Skopas durch seine Venus sich eine Art von Recht an sie erworben hat, und ich müsste mich sehr irren, oder er hat auf ihre Dankbarkeit um so sicherer gerechnet, da er wirklich ein liebenswürdiger junger Mann, und, dem Ansehen nach, von unverdorbenen Sitten ist. Wie ich mich in dieser Lage benehme, fragst du? – wie ein weiser Mann, Kleonidas! Ich scheine nichts zu merken, nichts zu fürchten, nichts vorauszusehen; bin offen und vertraulich gegen meinen Nebenbuhler, freundschaftlich und anspruchlos gegen die Dame des Hauses, und glaube durch dieses Betragen bei der letzteren desto mehr zu gewinnen, da der gute Skopas (wie alle Göttermacher, denke ich) ziemlich hitzig ist, und einen zu seinem Nachteil begünstigten Mitwerber nicht so leicht ertragen könnte als ich, der sich's zum Gesetz gemacht hat, den Grazien keine Gunst weder abverdienen, noch viel weniger abnötigen zu wollen. Dass wirkliche Gleichgültigkeit die Quelle meiner anscheinenden Ruhe sein könnte, ist ein Gedanke, der ihr gar nicht in den Sinn kommt.
Gestern traf Lais die Einrichtung, dass wir den ganzen Tag ungestört allein beisammen sein konnten, weil Skopas noch eine Sitzung nötig fand, um den Kopf seiner Venus zu vollenden. Gleichwohl schien er selbst nicht recht zu wissen, was noch fehlen sollte, und begnügte sich indessen, hier und da mit leisen Schlägen an den Haarlocken herum zu spielen. In der Tat hatte er etwas ganz anderes auf dem Herzen, und weil ihm vermutlich keine feinere Wendung, um die Sache einzuleiten, beifallen wollte, fing er zuletzt an, eine Art von missmütiger Laune zu zeigen, zu welcher nirgends ein sichtbarer Grund vorhanden war. Was fehlt dir, Skopas? fragte ihn Lais endlich in einem so sanften Ton, als ein übellauniger Ehemann von der geduldigsten Gattin nur immer verlangen könnte. – "Ich kann es nicht länger verbergen, ich bin ärgerlich, dass einem Bilde wie diess etwas fehlen soll." – Und was fehlt ihm denn noch? fragte ich so bescheiden als einem in den Mysterien der Kunst Uneingeweihten gebührt. – Alles, antwortete Skopas. – Alles ist viel, sagte Lais mit einem komischen Zucken der Augenbrauen und Lippen: arme Aphrodite! da müssten wir dich ja gar in irgend einen unzugangbaren Gartenwinkel verbannen?
S k o p a s . Genug, es fehlt ihr dass sie nicht so schön ist als sie sein könnte; ich nenne diess Alles.
L a i s . Erkläre dich, lieber Skopas. Du siehest mehr als wir andern. Glaubst du noch etwas verbessern zu können? Bricht sich vielleicht irgend eine Falte nicht zierlich genug? Ich will dir gern noch stehen, so oft und lange du es nötig findest.
Eine Falte? sagte Skopas mit einem schweren Seufzer; die Falten sind es eben was mich ärgert; die Göttin der Schönheit sollte gar keine Falten haben!
L a i s . Also ein nasses Gewand, meinst du?
S k o p a s . Wozu überall ein Gewand? Kann das verwünschte Gewand, wie leicht es auch geworfen ist, etwas anders tun als die Schönheit umwölken, die, vermöge ihrer natur, nichts, was nicht wesentlich zu ihr gehört, an sich dulden kann?
L a i s . Kommst du wieder auf deine alte Grille?
S k o p a s . Verzeih', schöne Lais! dass die Göttin der Schönheit auch durch die zierlichste Bekleidung verliert, ist natur der Sache; das Grillenhafte – es muss nun einmal heraus – ist die falsche Scham, die eines edlen und freidenkenden Wesens unwürdig ist. Dass ein einfältiges Ding von einem Attischen Bürgermädchen, wiewohl es sich den Augen der Künstler ohne Bedenken stückweise vermietet, sich mit Zähnen und Klauen wehrt, wenn es sein letztes Gewand fallen lassen soll, begreift sich und hat immer seine guten Ursachen. Aber was für einen Grund könnte eine untadelige Schönheit haben, sich verbergen zu wollen? Ohne Verschleierung gesehen zu werden, ist ja ihr höchster Triumph.
L a i s . Und wenn sie nun keine Lust hätte sich dem möglichen Fall auszusetzen, von lüsternen Augen entweiht zu werden?
S k o p a s . Das ist als wenn die Sonne nicht leuchten wollte, um ihr Licht zu keinen schlechten Handlungen herzugeben. Vollkommene Schönheit ist das Göttlichste in der natur; so betrachtet sie das reine Auge des wahren Künstlers, so jeder Mensch von Gefühl; für beide ist sie ein Gegenstand der Anbetung, nicht der Begierde.
L a i s . Das mag von der Göttin selbst gelten, Skopas; aber welche Sterbliche dürfte sich ohne Uebermut einer vollkommenen Schönheit vermessen?
S k o p a s . Wenn diess deine einzige Bedenklichkeit ist, so hab' ich gesiegt. Ich nehme die Verantwortung bei der furchtbaren Nemesis auf meinen Kopf.
L a i s . Komm mir zu hülfe, Aristipp! du siehst mit was für einem verwegenen Menschen ich zu kämpfen habe.
A r i s t i p p . Ich fürchte sehr, du wirst einen schwachen Beschützer an mir haben. Der Genius der