meines Aufentalts in Aegina vermutlich noch begegnen wird, für dich zu halten. Freilich werde' ich wenig Zeit zum Schreiben haben, und grosse Arbeitsamkeit ist leider auch keine meiner glänzendsten Tugenden. Ich will mich also zu nichts anheischig gemacht haben. Ich überlasse mich, wie du weisst, am liebsten den Eingebungen des Augenblicks, und so tue ich oft mehr als ich mir selbst zugetraut hatte.
Mein Wirt Eurybates, der sonst mit Sokratischen Tugenden eben nicht schwer beladen ist, besitzt wenigstens Eine, und gerade die, wodurch er sich jetzt am meisten um mich verdient machen kann, in einem hohen Grade; und das ist die edle Tugend, seinen Freunden nicht durch übermässige Dienstgeflissenheit lästig zu sein, und sie ihrer Wege gehen zu lassen, wenn er merkt dass ihnen ein Gefallen damit geschieht. Ich gestehe dass mir anfangs ein wenig bange war, ich möchte ihn bei der schönen Lais in meinem Wege finden. Aber nichts weniger! man sieht ihn nie in ihrem haus als wenn sie grosse Gesellschaft hat, und auch dann ist er eine ziemlich seltene Erscheinung, und oft schon wieder verschwunden, ehe man seine Gegenwart recht gewahr wurde. Auch zeigt er nicht die geringste Neugier, von meinem verhältnis gegen sie mehr zu wissen als andere. Kurz, es ist etwas ganz Exemplarisches, wie wenig wir einander mit unsrer Freundschaft beschwerlich sind. – Ohne Zweifel wundert dich eine solche Gleichgültigkeit gegen eine Nachbarin, wie es keine andere in der Welt gibt? Es ging mir wie dir; ich erkundigte mich unter der Hand ein wenig nach seinem Tun und Lassen, und es entdeckte sich, als ein neues Beispiel der Unlauterkeit aller menschlichen Tugenden, dass – mein Freund Eurybates bis über die Ohren in Liebe zu einer – Dame in Aegina, der Frau eines dasigen Ratsherrn, befangen ist, die ihn so künstlich bei der Nase herumzuführen weiss, dass er sich ihr für das Opfer ihrer Tugend zu gränzenloser Erkenntlichkeit verbunden glaubt, während die gleissnerische Spitzbübin einen geheimen Plan mit ihrem ehrenfesten und wohlweisen Gemahl angelegt hat, ihm ihre besagte Tugend so teuer zu verkaufen, dass er sich für das, was sie ihn kostet, das schönste Haus, die schönsten Gemälde und Statuen, die schönsten Pferde und Hunde, und ein Halbduzend der schönsten Tänzerinnen und Flötenspielerinnen im ganzen Achaja hätte anschaffen können; wiewohl noch viel fehlt, dass sie die schönste Frau auch nur in Aegina wäre. So spielt "der Götter und der Menschen Herrscher Amor" einem Abkömmling des grossen Kodrus mit, mein Freund.
15.
An Kleonidas.
Vor einigen Tagen langte ein junger Künstler aus Paros auf dem Landsitze der schönen Lais an, um ihr eine beinahe vollendete Venus von Parischem Marmor zu überbringen, welche Leontides, kurz vor seiner Reise in das Land, aus welchem man nicht wiederkommt, bei ihm bestellt hatte. Sie war für einen kleinen Tempel in dem Myrtenwäldchen bestimmt, das einen teil der weitläufigen Gärten dieser schönen Villa ausmacht; und Lais hatte auf Verlangen ihres Patrons zum Modell dazu dienen müssen. Es versteht sich, dass diese Venus – zwar nur hier und da von einem nebelartigen Gewand umflossen, aber doch nicht gewandlos ist; denn zu einer noch grösseren gefälligkeit hatte sich die junge Dame schlechterdings nicht bequemen wollen. Die Stellung, die der Eupatride selbst gewählt hat, und die dir keine schlechte Meinung von seinem Geschmack geben wird, ist der Augenblick, da die junge Göttin zum erstenmal in der Olympischen Götterversammlung erscheint. Die Ausführung lässt von dem jungen Künstler, der sich Skopas86 nennt, noch viel Schönes und Grosses erwarten; aber schwerlich wird er jemals etwas Vollkommneres aufstellen, als der Kopf und der halb entblösste Oberleib dieser Liebesgöttin ist. – "Man verlangt von uns," sagte mir Skopas, dass wir göttliche Naturen nach einem höhern Ideal bilden sollen als was die menschliche im Einzelnen darstellt: aber hier war die Rede nicht davon mein Modell zu verschönern; mir war nur bange dass ich es nicht würde erreichen können, und in der Tat bin ich noch nicht mit mir selbst zufrieden. – Ich der das Werk freilich mit keinem Künstlerauge ansah, wusste, sogar wenn Lais dabei stand, nichts zu finden, worin es dem Urbilde noch ähnlicher sein könnte. Selbst den Geist, der die Beschauer anzusprechen scheint, ein wundervolles unbeschreibliches Gemische von jungfräulicher Befangenheit und innigem Selbstbewusstsein dessen was sie ist, hat er aus dem Zaubergesichte meiner schönen Freundin herausgestohlen; gleich beneidenswürdig, es mag Geschicklichkeit oder Glück sein, wodurch es ihm gelang. Fühlt ihr's, scheint sie den um sie her sich drängenden Göttern zu sagen, dass ich die Göttin der Schönheit bin?
Dieser Skopas ist ein sehr interessantes Wesen für mich, und wiewohl viel fehlt, dass ich es auch für ihn sein müsste, so scheint er doch einiges Belieben an meiner Unterhaltung zu finden, und ich bringe täglich etliche Stunden in seiner Werkstatt zu. Denn ausser der besagten Venus hat er noch eine Gruppe des Eros und Anteros, und einige Stücke in halberhabener Arbeit zu fertigen, die für den kleinen Tempel bestimmt sind. Er ist ein helldenkender Kopf, und hat (wie ich sehe) ohne es von Sokrates gelernt zu haben, ausfindig gemacht, dass ein Bild eben so wohl seine eigene Seele zu haben und dessen was es vorstellen soll, sich bewusst zu sein, als Leben zu atmen, scheinen müsse. Seiner Versicherung nach, hat er es dem berühmten Sophisten Prodikus zu danken, dass er von natur und Kunst