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für die erlaubnis ihre Schönheiten in einen so genauen Augenschein zu nehmen, oder Teodota nicht vielmehr uns für die Beschauung, Dank schuldig sei? und entschied sie, nach Massgabe des ihr oder ihnen wahrscheinlich daraus zuwachsenden Vorteils oder Nachteils, zu Gunsten der Zuschauer. Immittelst hatte er, seiner Gewohnheit nach, mit seinen weit hervorragenden scharf blickenden Augen das Innere des ganzen Hauswesens ausgekundschaftet; und als Teodota wieder sichtbar ward, machte er ihr sein Compliment über den reichen und glänzenden Fuss, auf welchem alles bei ihr eingerichtet sei. Das alles setzte er hinzu, muss dich viel Geld kosten, und ein so grosser Aufwand setzt ein grosses Vermögen voraus. Du hast ohne Zweifel ein schönes Landgut? – Keine Erdscholle, antwortete Teodota etwas schnippisch. – "Also vermutlich ein Haus, das dir ansehnliche Renten abwirft?" – Auch das nicht, erwiderte sie, indem sie ein paar grosse Augen an den Mann machte, der einer Unbekannten so sonderbare fragen vorlegte, und ihr dennoch, seines schlechten Aufzugs ungeachtet, Ehrfurcht und Zutrauen einzuflössen schien. – "Aha! Nun verstehe ich; du bist Eigentümerin einer grossen Fabrik, worin eine Menge geschickter Arbeiter Geld für dich verdienen?" – Ich? ich besitze nichts dergleichen. – "Wovon kannst du denn einen solchen Aufwand machen?" – Die Freigebigkeit meiner guten Freunde, erwiderte sie errötend, und hielt inne – "Gute Freunde? Das gesteh' ich! Da hast du allerdings ein grosses Besitztum. Ein Rudel Freunde ist freilich ein ganz andrer Reichtum als eine Heerde Rinder, Schafe und Ziegen! Aber wie fängst du es an, schöne Teodota, dass du so gute Freunde bekommst? Lässt du es auf den Zufall ankommen, ob sich so ein Freund, wie eine Fliege, von ungefähr an dich setzt, oder gebrauchst du etwas Kunst dazu?" – Ich verstehe dich nicht; wie käme ich zu einer solchen Kunst? "Wenigstens so leicht als eine Spinne. Du weisst doch wie sie es machen, um sich ihren Unterhalt zu verschaffen? Sie weben eine Art feiner Netze; die Mükken verfangen sich darin, und dienen ihnen zur Speise." – Ich soll also auch so ein Netz weben, meinst du? – "Warum nicht? Du wirst dir doch nicht einbilden, dass ein so köstliches Wildbret, als gute Freunde sind, dir so ohne alle List und Mühe, mir nichts dir nichts, in die Küche laufen werde? Siehst du nicht, wie mancherlei Anstalten die Jäger machen, um nur einen schlechten Hasen zu erhaschen? Weil der Hase immer bei Nacht auf die Weide geht, schaffen sie sich Hunde an, die bei Nacht jagen; und weil er ihnen bei Tage entlaufen würde, halten sie Spürhunde, die, wenn er von der Atzung in sein Lager zurückgeht, seiner Fährte folgen und ihn dort zu fangen wissen. Weil er so schnellfüssig ist, dass er ihnen im Freien gar bald aus den Augen kommt, haben sie Windspiele bei der Hand, die ihn im Laufen fangen; und da er ihnen auch so vielleicht noch entrinnen könnte, stellen sie überall, wohin er seinen Lauf nehmen könnte, Jagdnetze auf, worein er sich verwickeln muss." – Das alles mag zur Hasenjagd sehr dienlich sein, sagte Teodota mit einem kleinen spöttischen Naserümpfen; nur sehe ich nicht, welches von diesen Mitteln mir dienen könnte um Freunde zu erjagen. – "Was meinst du, Teodota, wenn du dir statt eines Spürhundes jemand anschaffen könntest, der die Gabe hätte dir die reichen Dilettanten auszuriechen und in deine Netze zu jagen?" – In meine Netze? Was für Netze hätte ich denn? – "Das fragst du, schöne Teodota? Eines wenigstens gewiss, das auf alle Fälle schon weit reicht, und von der natur selbst gar zierlich gestrickt wurde; und wie kannst du vergessen, dass du in diesem schönen leib eine Seele hast, die dich lehren könnte, wie du die Augen brauchen musst um die Männer durch deine Blicke zu bezaubern; was du reden musst um sie aufgeräumt und fröhlich zu machen; wie du den, der dich ernstlich liebt, durch die Anmut deines Betragens fest halten, und den Lüstling, der nur in deinen Reizen schwelgen will, abschrecken und entfernen sollst. Und hast du nicht auch ein Gemüt, das dich an deinem Freunde Anteil nehmen macht? Das dich antreibt die zärtlichste Sorgfalt an ihn zu verschwenden wenn er krank ist; ihm die lebhafteste Teilnehmung zu zeigen wenn er irgend etwas Rühmliches getan hat, und mit ganzer Seele an ihm zu hangen, wenn er dir Beweise gibt, dass auch er es recht herzlich mit dir meine? Ich zweifle nicht, du kannst mehr als nur liebkosen, du kannst auch lieben; und du machst dir ein Geschäft daraus, die Gewalt, die du über die Gemüter deiner Freunde hast, dazu anzuwenden, sie zu den edelsten und besten Menschen zu machen." – Ich versichre dich (sagte Teodota, indem sie den Mund mehr als nötig war auftat, um uns zwei Reihen der schönsten Perlenzähne zu weisen), von dem allen ist mir nie etwas in den Sinn gekommen. – "Das ist mir leid für dich; denn es ist nichts weniger als gleichgültig, ob man den Menschen gehörig und seiner natur gemäss behandelt, oder nicht. Mit Gewalt wirst du wahrlich keinen Freund weder bekommen noch behalten; das ist ein wild, das sich nicht anders fangen und