jeder andern Torheit so sicher zu sein, als vor dem lyrischen Einfall, aus Liebe zu irgend einem Phaon der schönen Sappho den Sprung vom Leukadischen Felsen nachzutun. Bei allem dem gestehe ich gern, dass ich den Umgang mit Männern eben so sehr liebe, als mir die Unterhaltung mit den Griechischen Frauen vom gewöhnlichen Schlage unerträglich ist. Du weisst vermutlich, wie wenig bei der Erziehung der Griechischen Töchter in Betrachtung kommt, dass sie auch eine Seele haben, und dass die Seele kein Geschlecht hat. Sie werden erzogen um so bald als möglich Ehfrauen zu werden; und der Grieche verlangt von seiner ehlichen Bettgenossin nicht mehr Geist, Talente und Kenntnisse, als sie nötig hat, um (wo möglich) schöne Kinder zu gebären, ihre Mägde in der Zucht zu halten, und die Geschäfte des Spinnrockens und Webestuhls zu besorgen. Ist sie überdiess sanft, keusch und eingezogen, trägt sie wie die Schnecke ihr Gynäceon83 immer auf dem rücken, und verlangt von keinem andern mann gesehen zu werden als von ihm, lässt sich an und von ihm alles gefallen, und glaubt in Demut, dass es keinen schönern, klügern und bravern Mann in der Welt gebe als den ihrigen: so dankt er den Göttern, die ihn mit einem so frommen tugendsamen weib beschenkt haben, ist höchlich zufrieden, und hat wahrlich Ursache es zu sein. Vor der langen Weile, die ihm eine so fromme und tugendreiche Hausfrau machen könnte, weiss er sich schon zu verwahren. Er sieht sie so wenig als möglich: und verlangt er einen angenehmern weiblichen Umgang, so hält er sich irgend eine liebenswürdige Gesellschafterin auf seinen eigenen Leib, oder bringt von Zeit zu Zeit einen Abend mit seinen Freunden in Gesellschaft von Hetären zu. Und wie könnt' es anders sein, da unsre ehrbaren Frauen, von aller männlichen Gesellschaft zeitlebens ausgeschlossen und auf den Umgang mit ihren Mägden, Schwestern, Basen und Nachbarinnen eingeschränkt, aller gelegenheit sich zu entwickeln, und die Eigenschaften, wodurch man gefällt und interessant wird, zu erwerben schlechterdings beraubt sind? – Was bleibt also einer jungen person meines Geschlechts, wenn sie mit der Gabe zu gefallen und einem geist, der sich nicht in den engen Raum eines Frauengemachs einzwängen lassen will, von Mutter natur ausgestattet worden ist, was bleibt ihr anders übrig, als entweder sich selbst und das ganze Glück ihres Lebens der leidigen Landessitte aufzuopfern; oder die Freiheit mit allen Arten gebildeter und liebenswürdiger Männer Umgang zu haben (als das einzige Mittel wie sie selbst entwickelt und gebildet werden kann), dadurch zu erkaufen, dass sie sich gefallen lässt – zu einer klasse gerechnet zu werden, die der weise Solon zwar durch einen schonenden Namen gewissermassen zu Ehren gezogen hat, die aber doch sowohl durch ihre Bestimmung als den Charakter und die Sitten des grössten Teils ihrer Mitglieder von einem unheilbaren Vorurteil gedrückt wird, und mit einem Flecken behaftet ist, den alle Vorzüge einer Korinna, Sappho und Aspasia nicht auszulöschen vermögen. Oder könntest du mir einen andern Weg, dem gemeinen Schicksal der frommen und tugendhaften Frauen und – der tödlichen Langweile ihres Umgangs zu entgehen, zeigen, Aristipp?
I c h . Wo wolltest du einen Gemahl finden, der dich für das unendliche Opfer, das du ihm bringen müsstest, entschädigen könnte, wenn er auch wollte, und von dem du gewiss wärest, er werde es immer wollen?
S i e . Wenigstens wirst du mir zugeben, dass ich einiges Recht hätte, auch von ihm ein grösseres Gegenopfer zu verlangen, als er mir vermutlich zu bringen geneigt wäre. Und gesetzt er wär' es, glaubst du wohl, selbst ein Gott und eine Göttin könnten, von jeder andern Gesellschaft entfernt, einander lange alles sein? Ich wenigstens bin mir meines Unvermögens, eine solche Zweisiedlerei in die Länge auszuhalten, vollkommen bewusst. Gute Gesellschaft, oder was in Griechenland wenigstens eben so viel ist, Männergesellschaft, ist für mich ein unentbehrliches Bedürfniss. Ich habe zu wohl erfahren, was es ist, mit einem einzigen mann und mit lauter Weibern zu leben, um das Experiment zum zweitenmale zu machen! – Es ist also fest beschlossen, Aristipp, ich werde meine Freiheit behalten, und mein Haus wird allen offen stehen, die durch persönliche Eigenschaften oder Talente berechtigt sind eine gute Aufnahme zu erwarten.
I c h . Gegen diesen heroischen Entschluss kann niemand weniger einzuwenden haben als ich. Aber – freilich wirst du – wie du selbst sagtest – in der Welt –
S i e . Nur heraus mit dem Worte! – Für eine Hetäre passiren? Vermutlich. Aber warum sollt' ich mich über das Vorurteil, das auf diesem Namen liegt, nicht hinwegsetzen? Jeder Stand in der Gesellschaft hat gewisse Vorurteile gegen sich. Unsre ehrbaren Matronen passiren, im Durchschnitt genommen, für Gänse und Elstern, oder, falls sie Verstand genug dazu haben, für Heuchlerinnen, die Tag und Nacht auf nichts als Ränke sinnen, wie sie ihre Männer hintergehen, und die Vorteile des Hetärenstandes mit der achtung, die dem Frauenstande gebührt, zugleich nutzniessen wollen; und wenn man die Komödiendichter hört, so ist noch die Frage, ob eine person von Geist und feinem Gefühl nicht mehr Ehre davon habe, eine so seltne Hetäre wie Aspasia oder Targelia84 zu sein als eine Matrone, wie unter jedem Hundert, nach der gemeinen Meinung, wenigstens drei Fünftel sind. Hier oder nirgends tritt der Fall ein, mein Freund, wo ich sehr Unrecht hätte, meine Entschliessung