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damals wenig mehr an ihren Sitten zu verderben war) so übel, dass sie ein Decret (welches uns Boëtius in seinem buch de Musica aufbehalten hat) abfasste, des Inhalts: "Demnach ein gewisser Timoteus (oder Timoteor, wie man in Sparta zu sprechen pflegte) von Milet in ihrer Stadt angekommen, und durch sein Spiel öffentlich bewiesen habe, dass er die alte Musik und die alte Lyra verachte, indem er die Zahl der Töne und der saiten über alle Gebühr vermehrt, der alten einfachen Art zu singen eine viel zusammengesetztere chromatische untergeschoben, auch in seinem Gedicht über die Niederkunft der Semele die geziemende AnständigkeitA1 gröblich verletzt habe: als hätten die Könige und Ephoren, in Erwägung dass solche Neuerungen nicht anders als den guten Sitten sehr nachteilig sein könnten, und zu Verhütung der davon zu besorgenden Folgen, besagtem Timoteor einen öffentlichen Verweis gegeben, und befohlen, dass seine Lyra auf sieben saiten zurückgesetzt und die übrigen ausgerissen werden sollten." – Dass Atenäus (im 10. Kap. des XIV. B.) diese Anekdote nach andern Autoren anders erzählt, beweiset eben so wenig gegen sie, als das Ansehen des edlen und für sein Zeitalter gelehrten Boëtius die Aechteit des Decrets, nach Verfluss von 1000 Jahren, verbürgen kann. Ich kenne nicht eine einzige Griechische Anekdote dieser Art, die nicht von andern anders erzählt würde. Gewiss ist indessen, dass das Decret ganz im geist der Spartanischen Aristokratie, die in allem streng über die alten Formen hielt, und ihrem Geschmack in der Musik gemäss, abgefasst ist. W. 19 Tempern ist ein wenig mehr üblicher Kunstausdruck der Maler, und bedeutet so viel als dämpfen, mildern. 20 Dass Plato durch dieses Vorgehen seinem Mährchen eine Art von Beglaubigung geben wolle, ist klar genug: aber worauf er die Phönicische Abkunft desselben gründet, und wer die Dichter sind, welche versichern, es habe sich an vielen Orten zugetragen, weiss ich nicht. Denn dass er auf die bewaffneten Männer anspiele, die aus der Erde hervorgesprungen sein sollen, als der Phönicier Kadmus die Zähne des von ihm erlegten Castalischen Drachen in die Erde säete, oder auf die goldnen, silbernen, ehernen, heroischen und eisernen Menschen des Hesiodus, die nicht zugleich, sondern in aufeinander folgenden Generationen, nicht aus dem Schooss der Erde hervorsprangen, sondern von den Göttern gebildet und zum teil gezeugt wurden, – ist mir nicht wahrscheinlich. Doch vielleicht will er mit dieser anscheinenden Beglaubigung seines in der Tat gar zu abgeschmackten Mährchens nicht mehr sagen, als mit dem etwas plattscherzhaften Zweifel seines Sokrates: "ob es sich künftig jemals wieder zutragen dürfte." W. 21 Nach der alten Vorstellung der Griechen von der Erdscheibe war Delphi der Mittelpunkt derselben, und wurde darum der Nabel der Erde genannt. Apollon sollte gerade desshalb sein Orakel daselbst gestiftet haben.

6. Brief.

22 Praxilla, eine zu ihrer Zeit berühmte Skoliendichterin aus Sicyon, hatte ein Lied verfertiget, worin Adonis, den sie so eben im Reich der Schatten anlangen lässt, auf die Frage: was von allem, so er auf der Oberwelt habe zurücklassen müssen, das Schönste sei? zur Antwort gibt: "Sonne, Mond, Gurken und Aepfel." Man fand diese Antwort so albern naiv, dass die Redensart, einfältiger als Praxillens Adonis, zum Sprüchwort wurde. W. 23 Dass Platon hiemit hinstrebte nach der Unterscheidung des erkenntnis-, Begehrungs- und Gefühls-Vermögens, unterliegt so wenig einem Zweifel als das grosse Verdienst, welches er sich um Psychologie erworben hat. Am zweckmässigsten wird man mit dieser Stelle vergleichen Carus geschichte der Psychologie S. 301–306.

7. Brief.

24 Sind ein Paar Zauberworte von denen, die bei den Griechen Ephesia grammata hiessen, womit von Betrügern und abergläubischen Leuten allerlei Alfanzerei getrieben wurde, und über deren Abstammung und Bedeutung viel Vergebliches philologisirt worden ist. W. 25 Platon sagt im fünften buch seiner Republik: welche manches schön finden, das Schöne selbst aber nicht sehen, noch zu dessen Anschauung sich zu erheben vermögend sind; welche im Einzelnen manches gerecht finden, das Gerechte selbst aber nicht begreifen: werden wir von solchen nicht sagen, dass sie nur meinen, nicht aber wahrhaft erkennen? Und wie, werwie es ewig auf dieselbe Weise ist, nicht sagen, dass sie erkennen, nicht aber meinen? Und werden wir solchen nicht Liebe für das zuschreiben, was der erkenntnis, den andern aber nur Liebe für das, was der Meinung angehört? Nicht mit Unrecht werden wir daher diese als Philodoxen, jene hergegen als Philosophen bezeichnen. Die nur, welche jedes in seinem Wesen, in seinem wahren Sein umfassen, verdienen den Namen Philosophen. 26 Noësis und Dianoia, sind bei Platon eben so unterschieden wie bei uns Vernunft- und Verstandeserkenntniss.

8. Brief.

27 Des Tantalus Schicksal bereiten, dem ewig ein brennendes Verlangen erregt und nie befriedigt wurde. 28 Ist bei Platon in der hier beurteilten Stelle die philosphische überhaupt, und von der dialektischen Metode wird diesem gemäss behauptet, dass sie zur erkenntnis des Wesens führe. Platon selbst nimmt anderwärts Dialektik nicht in dieser Bedeutung. 29 Aestetisch steht hier, so wie späterhin, in seiner ursprünglichen Bedeutung für wahrnehmbar durch die Sinne. 30 Die sogenannte Platonische Zahl, wovon Aristipp hier mit einer Art von Unwillen spricht, der ihm zu gut zu halten ist, hat von alten zeiten her vielen bene und male feriatis unter Philologen, Matematikern und Philosophen, manche saure Stunde gemacht