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, erst die vielen widersprechenden Nachrichten von Lais durch Auffindung ihres wahrscheinlichen Charakters und glaublicher Umstände in einen solchen Zusammenhang zu bringen, dass die Widersprüche gelöst würden, wobei denn das ganz Unstattafte stillschweigend verworfen werden musste, und dann zu zeigen, von welcher Art eine Liebe habe sein müssen, deren ein weibliches Wesen von diesem Charakter empfänglich war. Vor allen Dingen hat nun wohl Wieland darin Recht, dass er einer, nach allgemeinem zeugnis, so schwer zugänglichen, geistreichen Frau wenig Temperament, und um ein gutes teil mehr Kopf als Herz gab, so dass sie dessen, was man Liebe nennt, nicht sonderlich empfänglich sein musste. Gleichwohl wurde nun von ihr berichtet, dass sie einmal in ihrem Leben sogar eine leidenschaftliche Liebe gefühlt habe, denn auch von der ältern Lais erzählt man dieses. Es kam darauf an zu bestimmen, in welche Periode ihres Lebens diese Liebe mit Wahrscheinlichkeit zu setzen sei. Historisch wahrscheinlich fiele diess bei der einen und der andern Lais freilich in ihre Blütenzeit, allein daran glaubte Wieland sich nicht binden zu müssen, zumal da nur Anekdoten Bürgschaft leisteten, und grösseren Unwahrscheinlichkeiten aus dem Wege zu gehen war, teils nämlich denen, welche das Alter der einen Lais zu Korint, teils jenen, welche die Sage von der zweiten Lais in Tessalien betreffen. Er zog es daher vor, die Liebe seiner Lais so nahe an das Ende ihrer Blütenzeit zu rücken, dass es einerseits eben so glaublich wird, verschmähte Liebhaber, beleidigter Stolz und Neid hätten wohl gewisse beissende Epigramme auf sie in Umlauf bringen können, als von der andern, dass eben jetzt in einer solchen Frau eine solche Liebe undgerade zu einem solchen mann entstehen konnte. Wer die Weiber kennt und nicht ohne Welterfahrungen ist, wird gestehen müssen, dass hier alles dem natürlichen Laufe der Dinge gemäss ist, und Wieland, dem Lais für seine Darstellung so viele Dienste geleistet hatte als nur irgend möglich war, tat wohl, lieber dem natürlichen Laufe der Dinge als widersprechenden Sagen voller Unwahrscheinlichkeit zu folgen. Habe er nun weder in der einen noch der andern Lais die griechische dargestellt, so ist seine Lais doch ein in sich vollendetes Wesen, und die Zeichnung ihres Charakters, die Motivirung der begebenheiten, und die Schilderung der Art von Liebe, zu welcher diese Lais allein kommen konnte, und die vielleicht nirgend so entwickelt ist als hier, sind ein dieses Meisters so würdiges Werk, dass man selbst dann über den Mangel an Aehnlichkeit mit dem Original hinwegsehen könnte, wenn er auch noch grösser wäre als er es in der Tat doch nicht ist.

4. Brief.

9 Der Hafen Piräeus bei Aten. 10 Diana bei den Traciern, deren fest, Bendideia, seit der 88sten Olympiade auch in Aten gefeiert wurde, wo ihr Tempel im Hafen, nicht weit von dem der Artemis Munychia stand. 11 Sind hier wohl bloss in dem Sinne von Regelwidrigkeiten genommen; gewöhnlich: Widerspruch eines Gesetzes mit dem andern. 12 Ein solcher, dessen Charakter Ironie ist. 13 Gyges, wurde, nach Platon, zufolge des Gebrauches eines magischen, unsichtbar machenden Ringes, zum König von Lydien (vergl. Cic. de offic. 3, 9.), nach Herodot aber (1, 8. fgg.) dadurch, dass der König Kandaules ihn genötigt hatte, seine Gemahlin im Versteck entkleidet zu sehen, worüber diese, die den Gyges entdeckt hatte, entrüstet, ihm nur die Wahl zwischen dem eignen oder des Königs tod liess. Gyges brachte den König um, und erhielt mit dessen Gemahlin auch sein Reich.

5. Brief.

14 Buch 3, Cap. 6. 15 (Nodum in scirpo quaerere) sprüchwörtliche Redensart für: auch da Schwierigkeiten finden, wo keine sind; denn die Binsen haben keine Knoten. 16 Dogge. Die Landschaft Molossis in Epirus war wegen ihrer starken und mutigen Hunde, die auch zur Jagd trefflich zu gebrauchen waren, berühmt. 17 Muskenkünste, mit Inbegriff aller der Wissenschaften, die zu einer wahrhaft menschlichen Bildung wesentlich gehören. 18 Der Timoteus, von welchem hier die Rede ist, war einer der berühmtesten Tonkünstler und musikalischen Dichter der Zeit, in welcher die sämmtlichen in diesen Briefen vorkommenden Personen gelebt haben. Er wurde, zum Dank dass er den Gesang und die Saitenmusik seiner Zeit (nach unsrer gewöhnlichen Vorstellung) zu einer weit höhern Vollkommenheit gebracht als worin er beide gefunden, von den strengern Anhängern der alten, äusserst einfachen, an wenige Formen gebundenen, feierlich ernsten Musik für einen ihrer grössten Verderber erklärt, und unter andern von dem komischen Dichter Pherecydes, seinem Zeitgenossen, in einem von Plutarch aufbehaltenen beträchtlichen Bruchstück seines Chirons, sehr übel mitgenommen. Indessen war nicht er, wie spätere Compilatoren sagen, sondern (laut des besagten Fragments) ein gewisser Melanippides derjenige, der die Saitenzahl der Lyra, welche schon sein Meister Phrynis, zum grössten Aergerniss der Eiferer für die gute alte Sitte (S. die Anklagsrede des dikaios Logos in den Wolken des Aristophanes) bis auf sieben gebracht hatte, noch mit fünf neuen vermehrte. Wie dem aber sein mochte, genug Timoteus war, wie es scheint, der erste, der mit einer elf- oder zwölfsaitigen Magadis (einer Art von Citer, auf deren saiten ohne Plektron mit den blossen Fingern geklimpert wurde) zu Sparta erschien, und sich unter andern mit einem dityrambischen Gesang über die bekannte Fabel von Jupiter und Semele hören liess. Aber die Spartanische Regierung nahm diese sittenverderbliche Neuerung (wiewohl