1800_Wieland_111_333.txt

Brief.

1 In der Macedonischen Landschaft, wo der Berg Atos liegt, zwischen zwei Meerbusen, hatten Griechen aus Chalkis in Euböa, wovon die ganze Landschaft den Namen erhielt, die Stadt Olyntus erbaut, welche zu einer so ansehnlichen Grösse empor wuchs, dass die zehntausend Krieger, worunter tausend Reiter, ins Feld stellen konnte. Der Krieg, den das, nach dem Frieden des Antalcidas mehr als je stolze, Sparta mit Olympus führte, wurde die Veranlassung zu einer ganz neuen Umgestaltung der Dinge in Griechenland, wobei Teben, eben durch jenen Frieden zu einer Stadt zweiten Ranges herabgedrückt, sich siegreich und glänzend erhob. 2 Tyrann von Pherä in Tessalien, erhob gegen 380 v. Chr. seinen kleinen Staat zu einer solchen Macht, dass er ein Heer von 20,000 Fussvolk und 3000 Reitern, ohne die leichten Truppen, unterhielt. Er hatte den Plan, den späterhin Alexander ausführte, wurde aber, auf Anstiften seiner Brüder, gemeuchelmordet. 3 Anspielung auf die Stelle der Ilias 2, 204. 4 Göttin der notwendigkeit.

2. Brief.

5 Auch Eurybates, wie man sieht, gehört zu denen, welche den Platon missverstehen. Sein Urteil über dessen Philosophie im Allgemeinen ist das Urteil einesGeschäftsmannes, und man darf sich nicht verwundern, wenn es über Gegenstände dieser Art ein wenig seicht und voreilig ist: weit mehr dürfte man sich verwundern, dass er nicht einmal für den Menon den richtigen Gesichtspunkt ausgefunden hat, auf welchen doch Anfang und Ende des Dialogs hinweisen. Indess muss ihm auch diess wohl zu Gute gehalten werden, da es vielen gelehrten Leuten nicht besser damit ergangen ist. Auch hier muss Schleiermachers Einleitung nachgesehen werden. 6 Parzen, Göttinnen des Schicksals. 7 Residenz der Könige von Macedonien.

3. Brief.

8 Da ihrer hier zum letztenmale gedacht wird, so ist eine Mitteilung von ihrem letzten Schicksal, nebst einigen Bemerkungen, wohl auch hier an ihrer rechten Stelle. In einer Lobrede auf die Liebe sagt Plutarch (nach der Uebersetzung von Jacobs a.a.O.): "Mit der Liebe ist so viel Entaltsamkeit, Zucht und Redlichkeit verbunden, dass sie auch ein zügelloses Gemüt durch ihre Berührung von andern Liebschaften abziehen kann. Denn sie rottet die Frechheit in demselben aus, drückt den Uebermut nieder, impft ihm Schamhaftigkeit, Stillschweigen und Ruhe ein, umhüllt es mit dem Gewande der Ehrbarkeit, und macht es Einem Liebhaber untertan. Ihr habt ohne Zweifel von der Lais, jener berühmten und vielgeliebten Hetäre gehört, wie sie ganz Hellas mit Verlangen entzündete, ja, wie zwei Meere um sie gestritten haben. Als aber die Liebe zum Hippolochus, dem Tessalier, ihr Gemüt ergriff, verliess sie das von den grünlichen Wellen bespülte Akrokorintos, entfloh heimlich der Schaar ihrer übrigen Liebhaber, und lebte ehrbar mit ihm. Aber dort in Tessalien lockten sie die Weiber, aus Neid und Eifersucht über ihre Schönheit, in den Tempel der Venus, steinigten und verstümmelten sie. Daher wird, wie es scheint, dieser Tempel auch noch jetzt der Tempel der mörderischen Aphrodite genennt." Nach der Ermordung, am Feste der Aphrodite, wobei keine Männer gegenwärtig waren, heisst es anderwärts, brach eine Pest in Tessalien aus, die nur endete, als man jenen Tempel erbaut hatte. Der Lais wurde an den Ufern des Peneus ein Grabmal errichtet, worauf folgende Inschrift stand: Das mit Ruhm gekrönte, im Kampfe nimmer besiegte Hellas beugte der Macht göttlicher Schönheit sein

Haupt,

Lais Schönheit! die Tochter des Amor näherte

Korintos,

In Tessaliens Flur ruht der Entschlummerten

Staub.

Die Lais nun, welche dieses Schicksal traf, hält Jacobs für die jüngere Lais, eine Tochter der Timandra; die ältere Lais, Aristipps Geliebte, scheint zu Korint gestorben zu sein, wo die Korintier ihr ein Denkmal im Kraneion errichteten, – obgleich sie, wenn man den Epigrammendichtern, unter denen hier auch Platon mit seinem Epigramm auf den Spiegel der Lais genannt wird, trauen darf, ihre Reize überlebt hatte, womit sich freilich die ihr nachgesagte Art des Todes, den sie auch Heinse in seiner Laidion sterben lässt, nämlichim Arm der Liebe, schwer will vereinigen lassen. Glaubte nun Wieland, auf alle diese Anekdoten nicht mehr Gewicht legen zu dürfen als auf die Ausfälle des Epikrates? Es scheint so, und man kann ihm darin wohl nicht ganz Unrecht geben. Mit mehr Grund als Heinse aus Pausanias und Hippolochus zwei Geliebten der Lais gemacht hatte, verschweigt Wieland den Unterschied zwischen der älteren und jüngeren Lais, den er sehr wohl kannte und behält nur eine einzige bei. Indem er aber aus dem Leben der älteren so viel wegschneidet, dass sie nicht zu dem Gemeinen, oder wie Aristipp sagt, zur Schmach einer gewöhnlichen Hetäre, herabsinkt, und lieber, mit Uebergehung der ganzen chronique scandaleuse aus dem Leben dieser älteren Lais, zu dem Zeitpunkte, wo nur eben die Vergänglichkeit des Jugendreizes sich vom weiten mutmassen lässt, in die Lebensgeschichte der jüngeren einbiegt, raubt er dieser doch wieder, was sie nach Plutarchs Berichte vielleicht sehr vielen Lesern erst würde empfohlen haben. Was mag er also mit seiner Lais gewollt haben, da er, anstatt sie nun zuletzt mit Pausanias ein ehrbares Leben führen zu lassen, diesem Pausanias vielmehr, ohne irgend eine historische Verbürgung, einen solchen Charakter gegeben hat, der es unmöglich machte, dass Lais solch ein Leben mit ihm hätte führen können? Wie es scheint, hatte Wieland sich die doppelte Aufgabe gemacht