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Tyrannen mutmassen lässt, scheint keine grosse Hoffnung zu sein, dass er die unruhigen und schwer zu zügelnden Syrakusaner mit der unbeschränkten Regierung eines Einzigen gründlich aussöhnen werde. Nur allzu wahrscheinlich kann man sich zu ihm aller Ausschweifungen versehen, zu welchen ein feuriges Temperament einen im Frauengemach und unter Sklaven aufgewachsenen Jüngling hinzureissen pflegt, der sich aus dem stärksten Druck plötzlich auf den Königsstuhl erhoben, im Besitz eines von seinem Vorfahrer vierzig Jahre lang zusammengehäuften Schatzes, und von Schmeichlern und Parasiten umschwärmt sieht, deren Interesse ist, unter der Larve einer gränzenlosen anhänglichkeit an seine person, seine unaufhörlich von ihnen gereizten und befriedigten Leidenschaften zu Werkzeugen der ihrigen zu machen. Unter einem schwachen Fürsten regieren gewöhnlich die schlechtesten Menschen; und dass Dionysius, trotz seiner körperlichen Stärke ein sehr schwacher König sein werde, davon sind bereits Vorbedeutungen genug vorhanden. Der einzige, den er scheut und der ihn, eine Zeitlang wenigstens, zurückhalten wird, ist sein Oheim und Schwager Dion, bekanntlich ein schwärmerischer Verehrer Platons, der keine grosse Mühe gebraucht haben mag, ihn zu überzeugen, dass Syrakus nicht eher wohl regiert sein werde, bis es einen Philosophen zum Regenten habe. Zum Unglück fehlt es diesem Dion, bei allem Schein von Weisheit und Tugend den er von sich wirft, gar sehr an allen Eigenschaften, wodurch man sich andern, zumal einem jungen König der das Vergnügen und die Freude liebt, angenehm und liebenswürdig machen kann; und, was noch schlimmer ist, ich fürchte sehr, dass er selbst etwas mehr Tyrannenblut in den Adern hat, als seine Lobredner in der Akademie sich gern gestehen mögen. Wie dem auch sei, der junge Fürst befindet sich dermalen zwischen dem strengen, Ehrfurcht gebietenden und scharf über den grundsätzen der Platonischen Republik haltenden Dion, und dem schlauen, gewandten, allgefälligen Gesindel seines Hofes in einer zwang- und peinvollen Klemme. Diese sehen, dass er nicht Mut genug hat, das Joch, das ihm jener über die jungen Hörner geworfen, abzuschütteln; und das dringende Bedürfniss, dem majestätischen Dion einen Mann von Gewicht entgegen zu stellen, ist es ganz allein, was sie genötiget hat, mit vereinten Kräften auf die schleunigste Zurückberufung des Philistus anzutragen.

Dass diess die wahre Lage der Sachen am Syrakusischen hof sei, habe ich aus den unvollständigen Nachrichten, die mir Philist von Zeit zu Zeit mitteilte, nach und nach herausgebracht. Denn er selbst treibt, wie es scheint, die Freundschaft gegen keinen Sterblichen so weit, dass er sich ihm ganz offen und ohne alle Zurückhaltung entdecken sollte. Da er ein Mann von grosser Weltkenntniss und Erfahrenheit ist, die Syrakusischen und Sicilischen Staatsverhältnisse vollkommen inne hat, dabei (worauf hier alles ankommt) eine sehr einnehmende Aussenseite besitzt, und an Feinheit, Geschmeidigkeit und Besonnenheit es mit dem ausgelerntesten Hofmann aufnehmen kann: so ist nicht schwer vorauszusehen was der Erfolg sein müsse, und dass Dion bald genug den Rat erhalten werde, eine kleine Gesundheitsreise zu seinem ehrwürdigen Freund Plato vorzunehmen.

Uebrigens scheint Philist darauf zu rechnen, dass Korint, als die Mutterstadt von Syrakus, es seinem staates- und Handelsinteresse gemäss finden werde, mit dem Tronfolger des alten Dionys in gutem Vernehmen zu bleiben. Auch zweifle ich nicht, dass er sich in dieser Rücksicht unter der Hand mit Nachdruck für den edlen Timophanes47 verwenden wird, welcher (wie ich höre) grosse Anstalten macht, sich mit guter Art der Alleinherrschaft über euch zu bemächtigen.

Auch an unserm Himmel, der während der letzten dreissig Jahre so heiter war, steigen, seit dem tod meines guten Bruders Aristagoras, bereits einige trübe Wolken auf, die uns mit Sturm und Ungewitter zu bedrohen scheinen. Sein ganzes tätiges Leben war der Wohlfahrt von Cyrene gewidmet; sein Tod wird uns, wie ich grosse Ursache habe zu befürchten, eben so nachteilig sein als sein Leben wohltätig war. Er war, wiewohl seine Bescheidenheit und Klugheit es immer zu verbergen suchte, der wahre Urheber und die stärkste Stütze unsrer dermaligen Verfassung. Unglücklicherweise ist noch keine Staatsverfassung erfunden worden, die durch sich selbst bestünde; und da sogar Platons Republik (seiner eigenen Versicherung nach) nur unter einer unmöglichen Bedingung von Dauer sein könnte, von welchem andern Menschenwerk dürften wir uns mehr versprechen? Seit der Mann nicht mehr ist, der allein Ansehen und Weisheit genug besass, dem Ehrgeiz des mächtigen Demokles und seiner Söhne das Gegengewicht zu halten, sehe ich einer Abspannung der Springfedern unsrer Staatsmaschine entgegen, wodurch sie nur zu bald ins Stokken geraten wird. Wir werden in unsre alten Missbräuche, Parteien und Erschütterungen zurückfallen, und was sollte mir dann ein längerer Aufentalt in Cyrene? Doch diess, bester Learch, ist weder das einzige, noch das Aergste, was mir bevorsteht und das häusliche Glück, dessen ich seit meiner Verbindung mit der liebenswürdigen Schwester unsers Kleonidas genoss, auf immer zu zerstören droht. Möge mein guter Genius den Unfall noch lange von uns entfernt halten, dessen langsame Annäherung ich mir selbst vergebens zu verbergen suche! – Trifft er mich, so ist Aten und Korintdoch weg mit dem unglückweissagenden Gedanken! Noch ist Hoffnung. Die ärzte haben zu einer Luftveränderung, wovon sie uns die beste wirkung versprechen, eine Reise nach Rhodus vorgeschlagen, welche ich mit Kleonen und unsrer Tochter Arete, von Kleonidas, Musarion und dem jungen Kallias, ihrem Sohne, begleitet, zu unternehmen im Begriff bin. Rufe Hygieien mit mir an, mein Freund, dass der Erfolg unsre Wünsche begünstige!

Anmerkungen zum dritten Band.

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