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sehen. Alle diese Verschiedenheiten sind in der Ordnung, so lange die Leute keine Secten stiften wollen. Jeder hat für seine eigene person Recht; aber sobald sie mit einander hadern, und sich um den ausschliesslichen Besitz der Wahrheit, wie Hunde um einen fetten Knochen, herum beissen, dann haben sie alle Unrecht; – und in diesem einzigen Punkt wenigstens ist Diogenes, der mit niemand um Meinungen hadert, vollkommen gewiss dass er Recht hat.

Indessen ist am Ende die Anzahl der Philosophen, denen dieser Name in der eigentlichsten Bedeutung zukommt, so klein, dass wahrscheinlich unter der ganzen übrigen Menschenmasse manche sein müssen, die an Sinnesart, Gemütsbeschaffenheit und äusserlichen Umständen mit irgend einem von jenen mehr oder weniger übereinstimmen. Ich betrachte daher jeden unsrer Philosophen gleichsam als den Repräsentanten einer ganzen Gattung46, und indem ich annehme, dass seine Philosophie einer Anzahl ihm ähnlicher Menschen als Ideal oder Kanon ihrer Denkart und ihres Verhaltens brauchbar sein könne, berechne und schätze ich hiernach ungefähr den verhältnissmässigen Nutzen, den sie der Menschheit etwa schaffen könnte. So kann z.B. meiner demütigen Meinung nach, die Platonische Philosophie nur solchen Menschen verständlich sein und wohl bekommen, denen zu einem schwarz gallichten Temperament ein hoher Grad von Einbildungskraft und Scharfsinn und eine nicht gemeine kultur mit völliger Freiheit von Geschäften zu teil wurde, d.i. sehr wenigen. Die Aristippische scheint auf den ersten Anblick weit mehrern angemessen zu sein: aber sie macht aus dem Wohl leben (aus dem, was sie Hedone nennt und worüber ich deinen Freund nie anfechten werde) eine so schöne und zugleich so schwere Kunst, dass, meines Bedünkens, nur ein besonders begünstigter Liebling der natur, der Musen und des Glücks (schier hätte ich auch noch die schöne Lais hinzugesetzt) es darin zu einiger Vollkommenheit zu bringen hoffen darf. Wie die Platonische die Philosophie oder Religion der edelsten Art von Schwärmern ist, so sollte Aristipp das Muster und seine Hedonik die Lebensweisheit aller Eupatriden und Begüterten sein; auf diese Weise würde die Schwärmerei unschädlich, Geburtsadel und Reichtum sogar liebenswürdig werden. Aristipps Philosophie, zum Niessbrauch solcher Leute, die das Glück vergessen oder übel behandelt hat, herabgestimmt, würde sich der Cynischen nähern, nach deren Vorschriften jeder glücklich leben kann, der in einem Staat, wo er als Bürger keinen Anspruch an die höhern und eigentlichen Vorteile des politischen Vereins machen will oder zu machen hat, wenigstens den Genuss seiner Menschheitsrechte in Sicherheit bringen möchte. Um ein Cyniker zu sein, braucht man nichts als ein blosser Mensch zu sein; mit so wenig Zutaten und Anhängseln als möglich, aber freilich ein edler und guter Mensch; und eben darum wird unser Orden, dem ersten Anschein zu Trotz, immer nur zwei oder drei Mitglieder auf einmal zählen. Sollte er (was die Götter verhüten mögen!) jemals zahlreich werden, so könnt' es nur dadurch möglich sein, dass seine Glieder den Geist desselben gänzlich verlören, und bloss das Costum, die Sprache und die übrigen Formen des Cynism zur Hülle und Larve der verächtlichsten Art von Schmarotzerei und Müssiggang herabwürdigten. Ein ächter Cyniker kann, vermöge der natur der Sache, nicht anders, als eine Seltenheit sein; und von einem Cyniker wie Krates wird schwerlich jemals ein zweites Exemplar erscheinen.

Die rein Sokratische Philosophie, welche, allen Ständen, Lagen und Verhältnissen gleich angemessen, dem Staat edle Menschen und gute Bürger bildet, wird also, die Wahrheit zu sagen, immer die gemeinnützigste unter allen, die aus ihr hervor gegangen, bleiben; und wehe der, die sich's nicht zur Ehre schätzt ihre Tochter zu heissen, und einer solchen Mutter würdig zu sein! So viel, Freund Antipater, auf deine eigene Veranlassung davon, wie ich über Aristipp und seine Philosophie und die andern Masken denke, in welchen sich die menschenfreundlichste aller Himmlischen unter den Griechen sehen lässt. Lebe wohl, und sorge ja dafür, dass keine Abschriften von diesem langen Briefe genommen werden. Die Leute könnten sonst denken, ich habe ein Buch schreiben wollen, und das möchte sich Diogenes nicht gerne nachsagen lassen.

18.

Aristipp an Learchus.

Wiewohl ein Mann wie Philistus keiner Empfehlung an dich bedarf, so halte ich mich doch versichert, dass der Titel meines Freundes, den er von Cyrene mit sich nimmt, ihm in den Augen meines Learchs ein Recht zu einer desto gefälligern Aufnahme geben werde, da er auf seiner Rückreise nach Syrakus etliche Tage zu Korint auszurasten gesonnen ist.

Was du, dem seine Verhältnisse bekannt sind, vorausgesehen hast, ist durch das endlich erfolgte Ableben des alten Dionysius eingetroffen. Es war eine der ersten Handlungen seines Nachfolgers, den so lange aus seinem vaterland verbannten Gemahl der Nichte seines Vaters zurück zu berufen, und ihn um so dringender zu Beschleunigung seiner Reise einzuladen, je unentbehrlicher ihm, wie er in seinem Schreiben sagt, die Gegenwart und Unterstützung eines so verdienstvollen und so nahe mit ihm verbundenen Mannes in seiner neuen Lage sei. Es wäre kein schlimmes Zeichen dass es dem jungen Dionysius, seiner sehr vernachlässigten Erziehung ungeachtet, nicht ganz an Anlage zu einem guten Fürsten fehle, wenn er die notwendigkeit, sich der Leitung eines weisen Ratgebers zu übergeben, wirklich so lebhaft fühlte, als er in seinem sehr wohl gesetzten Schreiben ausdrückt; es ist aber ziemlich klar, dass ihm ein anderer bei dieser gelegenheit seinen Kopf und seine Hand geliehen hat. So viel sich aus einzelnen, wiewohl nicht immer zuverlässigen Nachrichten von diesem Sohn und Erben des sogenannten