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beträchtlichen Summe an baarem Gelde und dem zierlichen Landsitz zu Aegina, der zwar von keinem grossen Ertrag, aber durch seine reizende Lage und die Schönheit der Gebäude und Gärten beinahe so einzig in seiner Art ist, als seine Besitzerin in der ihrigen.

Die schöne witwe des Korintischen Eupatriden befindet sich nun, wie du siehest, in einer Lage, die derjenigen ziemlich ähnlich ist, in welche Prodikus seinen jungen Hercules auf dem Scheidewege80 setzt. Zwei Lebenswege liegen vor ihr, zwischen welchen sie, wie sie selbst glaubt, wählen muss. Soll sie, kann sie, bei diesem lebhaften Bewusstsein einer Schönheit und einer Zaubermacht, die ihr, sobald sie will, alle Herzen und alle Begierden unterwirft, bei solchen Talenten und einem Triebe zur Unabhängigkeit, dessen ganze Stärke sie in ihrer vorigen Lage kennen zu lernen gelegenheit hatte, sich entschliessen, mit Aufopferung ihrer Freiheit und ihres ganzen Selbst an einen Einzigen, das ist, mit Gefahr einer ewigen Reue, sich in die venerable Gilde der Matronen einzukaufen? – oder soll sie, mit Verzicht auf diesen ehrenvollen Titel, sich auf immer der reizenden Freiheit versichern, nach ihrem eignen Gefallen glücklich zu sein, und glücklich zu machen wen sie will.

Es müsste einem Paar hochweiser Zottelbärte komisch genug vorgekommen sein, wenn sie, hinter unsrer Myrtenlaube verborgen, eine junge Dame wie Lais, und einen schwarzlockigen wohlgenährten Philosophen von zweiundzwanzig Jahren, mit einer zwischen Pytagorischer Sophrosyne81, Sokratischer Ironie, und Aristophanischer Leichfertigkeit leise hin und her schwebenden Miene, in der ernstlichsten Conferenz über diese Frage hätten behorchen können. Nichts müsste ihnen lustiger vorgekommen sein, als das anscheinende Vertrauen der jungen Schönen zu der Weisheit eines beinahe eben so jungen Freundes, dessen eigenes Interesse bei der Sache stark genug in die Augen fiel, um ihr seinen Rat auf jeden Fall verdächtig zu machen.

Das Wahrste bei dieser Beratschlagung war indessen, dass die schöne Lais recht gut wusste, wozu sie sich bereits entschlossen hatte. Vermutlich war es ihr mehr darum zu tun, mir ihre eigene Art über diese Dinge zu denken mitzuteilen, als sich in der Meinung, dass ich sie nicht anders als billigen könne, zu bestärken. Diess glaubte ich in ihren Augen zu lesen, da sie, nachdem sie das Problem besagtermassen gestellt hatte, sich auf einmal mit der treuherzigen Frage an mich wandte: was rätst du mir nun, Aristipp? – Sage mir deine Meinung ohne Zurückhaltung, und, wenn du die Forderung nicht unbillig findest, so unbefangen, als ob du der Mann im mond wärest, und einer Bewohnerin des Hesperus raten solltest.

Was du von mir verlangst, schöne Lais (antwortete ich ihr), ist eben nicht ganz so leicht als du zu glauben scheinst. Indessen wär' es mir wenig rühmlich, wenn ich schon zwei Jahre um den weisesten aller Menschen (mit der Delphischen Priesterin zu reden) gewesen wäre, und nicht wenigstens eine Hand voll brauchbarer Maximen auf die Seite gebracht hätte, womit ich mir und andern bei gelegenheit aushelfen könnte. Eine dieser Maximen ist: wenn ich um Rat gefragt werde, immer zu raten was mir wirklich für die fragende person das Beste scheint; aber zugleich ehrlich zu gestehen, dass, wofern ich selbst auf irgend eine Art dabei betroffen bin, immer auch, mit oder ohne klares Bewusstsein, einige Rücksicht auf meine eigene Wenigkeit dabei genommen wird. So würde ich z.B. wenn ich dächte, dass eine geheime Vorliebe zu dem ehrsamen Matronenstande in deinem schönen Busen schlummere, und ich selbst etwa der glückliche sei, mit dem du deine Freiheit in die Schanze zu schlagen Lust hättest, nicht umhin können dich vor mir zu warnen, weil in diesem Falle Zehn gegen Eins zu wetten wäre, dass es uns beide gereuen würde, mich dir geraten, dich mir gefolgt zu haben. Eine andere meiner Lebensmaximen ist, meine Handlungen so wenig als möglich von den Meinungen andrer Leute abhangen zu lassen. Ich müsste mich sehr irren, wenn diese Regel nicht auch für dich gemacht wäre. Endlich ist auch bei mir festgesetzt, dass die person den Stand, nicht der Stand die person adeln muss. Ich sehe keine Unmöglichkeit, warum ein junges Frauenzimmer von deinen seltenen Vorzügen, in der unabhängigen Lage worein dich dein alter Patron gesetzt hat, unter dem Schutz der Grazien nicht so viel Freiheit, als ihr selbst zuträglich ist, mit einem gehörigen Betragen, dem die Welt ihren Beifall nie versagt, sollte vereinigen können. Mein Rat, schöne Freundin, wäre alsomit mehr oder weniger Rücksicht auf meine Maximen, wenn du willst, zu tun was dir dein Herz und deine Klugheit eingeben.

Ich bin mit deinem Rat vollkommen zufrieden, weiser Aristipp, versetzte sie mit einem Lächeln, wie die Augen der Liebesgöttin lächeln mögen, wenn ihr blick von ungefähr in einen Spiegel fällt. Höre mich also an, mein Freund; denn ich will mich dir so unzurückhaltend erklären, wie Personen meines Geschlechts kaum mit sich selbst zu reden pflegen. Ich habe noch so wenig gelegenheit gehabt die Stärke oder Schwäche meines Herzens aus Erfahrung kennen zu lernen, dass es Vermessenheit wäre, wenn ich, wie der Sohn der Amazone82 beim Euripides Amorn und seiner Mutter Trotz bieten wollte. So weit ich mich indessen kenne, scheint es nicht als ob die leidenschaft, die der besagte Dichter an seiner Phädra so unübertrefflich schildert, jemals mehr Gewalt über mich erhalten werde, als ich ihr freiwillig einzuräumen für gut finde; und ich wünsche vor