aus Gehorsam gegen einen beinahe achtzigjährigen Vater, – der zwar noch immer wachend und schlafend auf seinen Geldsäcken zählt und rechnet, aber nicht Kräfte genug übrig hat, seinen Geschäften ausser dem haus nachzugehen – unterzieht er sich den Aufträgen, womit ihn der Alte überhäuft, um ihm keine Zeit zu solchen Beschäftigungen zu lassen, die in seinen Augen nichts als zeitverderbender Müssiggang sind. Der Auftrag, eine alte Schuld zu Korint einzufordern, gab indessen gelegenheit zu unsrer Bekanntschaft, welche Krates als den einzigen wahren Gewinn betrachtete, den er von dieser Reise mit nach haus bringe. Wirklich fühlte er sich stark versucht die Rückreise gar einzustellen, und ich musste alle meine Macht über sein Gemüt aufbieten, um ihn zu bewegen, dass er die Ausführung seines neuen Lebensplans wenigstens nur so lange aufschieben möchte, als sie mit der Pflicht gegen seinen alten Vater unvereinbar war. Vor kurzem berichtete mich mein junger Freund, dass der Tod des Alten ihm endlich die Freiheit gegeben habe, seiner Neigung zu folgen, und seinen Geist aller der schweren Gewichte zu entledigen, die ihm, so lange er sie an sich hangen hätte, den reinen Genuss seines Daseins unmöglich machten. Er habe, um der verhassten Last je eher je lieber los zu werden, bereits seine ganze Erbschaft, die sich auf nicht weniger als dreihundert Talente belaufe, mit Vorbehalt dessen, was er etwa selbst zu Bestreitung des Unentbehrlichsten nötig haben könnte, unter seine Verwandten und Mitbürger ausgeteilt, und sei nun im Begriff, Aten – wofern ich mich entschliessen würde, es mit dem üppigen und geräuschvollen Korint zu vertauschen – oder, widrigenfalls, das letztere, wiewohl ungern, zu seinem künftigen Aufentalt zu wählen.
Was dünkt dich von diesem jungen Menschen, Antipater? Hier ist mehr als Antistenes und Diogenes, mehr als Plato und Aristipp, nicht wahr? – Ich gestehe dir unverhohlen, hätte mich die wackelköpfige Göttin Tyche nicht, sehr gegen meinen Willen, um mein väterliches Erbgut betrogen, ich würde so wenig als Aristipp daran gedacht haben, mir diese Last, die mir ehemals sehr erträglich vorkam, vom Halse zu schaffen. Wir wollen es indessen einem weisen Mann eben nicht übel nehmen, wenn er von den Gütern, die ihm das Glück freiwillig zuwirft, einen zugleich so edlen und so angenehmen Gebrauch macht, wie Aristipp. Eben so wenig soll es dem von Kindheit an zur Dürftigkeit gewohnten Antistenes, oder dem Sinopenser, den der Zufall um sein Vermögen brachte, zu einem grossen Verdienst angerechnet werden, dass sie lieber von Wurzeln und Wolfsbohnen leben, als Karren schieben, rudern, oder das schmähliche ParasitenHandwerk treiben wollten. Auch Plato hat sich wenig auf eine Genügsamkeit einzubilden, die ihm das Glück, unabhängig in seinem eigenen Ideenlande zu schweben, und die erste Stelle unter den Philosophen seiner Zeit in der öffentlichen Meinung verschafft hat. Aber, wie Krates, in dem Alter, wo alle Sinnen nach Genuss dürsten, die Mittel zu ihrer vollständigsten Befriedigung, die uns das Glück mit Verschwendung aufgedrungen hat, von sich werfen, und jedem Anspruch an alles, was dem grossen Haufen der Menschen das Begehrenswürdigste scheint, von freien Stücken entsagen, um sich mit völliger Freiheit der Liebe der Weisheit zu ergeben: diess, dünkt mich, ist etwas bis jetzt noch nie Erhörtes, und setzt einen Grad von Heldenmut und Stärke der Seele voraus, den ich um so bewundernswürdiger finde, da derjenige, der sich zu einem solchen Opfer entschliesst, zum voraus gewiss sein kann, von der ganzen Welt (den Diogenes vielleicht allein ausgenommen) für den König aller Narren erklärt zu werden. – Und das mit Recht, höre ich dich sagen; denn was sollte aus den Menschen werden, wenn der Geist, der diesen jungen Schwärmer so weit aus dem gewöhnlichen Gleise treibt, in alle Köpfe führe, und die Begriffe und Grundsätze, nach welchen er handelt, allgemein würden? – Auf alle Fälle etwas Besseres als sie jetzt sind, antworte ich, und getraue mir's von Punkt zu Punkt mit wenigstens eben so stattlichen Gründen zu behaupten, als die, womit uns Plato beweiset, dass ein Staat nicht eher gedeihen könne, bis er von lauter Philosophen regiert werde. Leider hat die natur selbst dafür gesorgt, dass es mit den Menschen nie so weit kommen wird, und die Freunde des dermaligen Weltlaufs können sich, der Gefahr halben die von der ansteckenden Kraft des Beispiels meines jungen Freundes zu besorgen ist, ruhig auf die Ohren legen. Sie ist desto geringer, da du ihm wirklich grosses Unrecht tust, wenn du ihn für einen Schwärmer hältst. Er ist vielmehr der ruhigste, besonnenste, heiterste Sterbliche, der mir je vorgekommen ist; und wie ausserordentlich sein Verfahren auch immer sein mag, so fällt wenigstens das Wunderbare weg, wenn ich dir sage, dass nebst einem sehr kalten Temperament, die von Kindheit her gewohnte beinahe dürftige Lebensart im väterlichen haus, eine durch beides ihm zur andern natur gewordene Gleichgültigkeit gegen alle Vergnügungen der Sinne, und eine noch tiefer liegende Verachtung der Urteile des grossen Haufens, der einen Menschen nicht nach seinem persönlichen Gehalt, sondern nach dem Gewichte der Attischen Talente, die er wert ist, zu schätzen pflegt, – dass, sage ich, das alles nicht wenig zu der Entschliessung beigetragen habe, sich eines ihm wirklich mehr überlästigen als brauchbaren Erbgutes zu entschlagen. Denn was hätte er, der von drei oder vier Obolen zu leben gewohnt war, mit dreihundert Talenten anfangen sollen, da es