über ihre gute oder böse Meinung von ihm nicht so ganz gleichgültig sein lässt als er das Ansehen haben will. Zuweilen wenn die Rede von den Albernheiten, Unarten und Verkehrteiten ist, wodurch sie ehemals dem Witz ihres Aristophanes so reichen Stoff zu unerschöpflichen Spöttereien und Neckereien gegeben haben, sollte man zwar meinen, er denke nicht gut genug von ihnen, um sich viel aus ihrem Urteil zu machen: aber im Grund entspringt sein bitterster Tadel bloss aus dem Unmut eines Liebhabers, der sich wider seinen Willen gestehen muss, dass seine Geliebte mit Mängeln und Untugenden behaftet ist, die es ihm unmöglich machen sie hoch zu achten, und worin sie sich selbst so wohl gefällt, dass keine Besserung zu hoffen ist.
Ich höre, dass du seit dem tod des alten Antistenes nach Aten zurückgekehrt seiest, um, wie man sagt, von seiner Schule im Cynosarges Besitz zu nehmen, da du jetzt als das Haupt der von ihm gestifteten Secte betrachtet werdest. Ich kenne dich zu gut, Freund Diogenes, um nicht zu wissen, wie diess zu verstehen ist. Du wirst so wenig als Sokrates und Aristipp in dem gewöhnlichen Sinn des Worts, an der Spitze einer Schule oder Secte stehen wollen, und deine Philosophie lässt sich so wenig als die ihrige durch Unterweisung lernen. Aber die Atener bedürfen deines scherzenden und spottenden Sittenrichteramts mehr als jemals; und wenn gleich wenig Hoffnung ist, dass du sie weiser und besser machen werdest, so kann es ihnen doch nicht schaden, einen freien Mann, dessen sämmtliche Bedürfnisse auf einen Stecken in der Hand und eine tasche voll Wolfsbohnen am Gürtel eingeschränkt sind, unter sich herum gehen zu sehen, der sie alle Augenblicke in den Spiegel der Wahrheit zu sehen nötigt, und ihnen wenigstens das täuschende Vergnügen des Wohlgefallens an ihrer eignen – Hässlichkeit möglichst zu verkümmern sucht. Wenn deine Gegenwart endlich ihnen, oder ihre unheilbare Narrheit dir, gar zu lästig fiele, so wirst du die arme deiner Freunde in Korint immer wieder offen finden; und sollte dich zuletzt die ganze Hellas nicht mehr ertragen können, so lass' dich irgend eine freundliche Nereide an die Küste Libyens zu deinem Antipater geleiten, der die Tage, die er in seiner Jugend mit dir verlebte, und die traulichen Wallfahrten nach dem Eselsberg, und die Schwimmpartien nach dem Inselchen Psyttalia, immer unter seine angenehmsten Erinnerungen zählen wird.
17.
Diogenes an Antipater.
Weder der hoffärtige Gedanke meinen alten Meister ersetzen zu wollen, noch ein Cynischer Trieb die Laster und Torheiten der edlen Teseiden anzubellen, hat mich von Korint nach Aten zurückgerufen, Freund Antipater. Die blosse Neigung zur Veränderung, die dem Menschen so natürlich ist – wär' es nur um sich selbst eine probe seiner Freiheit zu geben – ist allein schon hinlänglich eine so unbedeutende Begebenheit zu erklären; wenn auch der Reiz, womit Pallas Atene ihren Lieblingssitz vor allen andern Städten der Welt so reichlich begabt hat, für einen Weltbürger meiner Art weniger Anziehendes hätte als für andre Menschen. Indessen kam doch noch ein anderer Bewegungsgrund hinzu, ohne welchen ich mich vielleicht dennoch nicht entschlossen hätte, meinem lieben Müssiggang zu Korint – wo sich, Dank sei den Göttern! schon lange niemand mehr um mich bekümmert, und meinem kleinen sonnichten Winzerhüttchen (seines Umfangs wegen mein Fass genannt), aus blossem Mutwillen zu entsagen.
Wisse also, mein Lieber, dass ich vor einiger Zeit, zufälligerweise, mit einem jungen Tebaner in Bekanntschaft geriet, der mit der vollständigsten Aussenseite des Homerischen Tersites eine so schöne Seele und eine so frohsinnige Unbefangenheit verbindet, dass der tugendhafteste aller Päderasten, Sokrates selbst, seinem bekannten Vorurteil für die körperliche Schönheit zu Trotz, sich in ihn verliebt hätte, wenn er dreissig bis vierzig Jahre früher zur Welt gekommen wäre. Schwerlich ist dir jemals eine so possierlich hässliche Missgestalt vor die Augen gekommen, und es sollte sogar dem sauertöpfischen Heraklites kaum möglich gewesen sein, über den komischen Ausdruck, womit alle Teile seines Gesichts einander anzustaunen scheinen, nicht zum erstenmal in seinem Leben zu lächeln. Glücklicherweise für den Inhaber dieser seltsamen Larve leuchtet dem, der ihm herzhaft ins Gesicht schaut, ich weiss nicht was für ein unnennbares Etwas entgegen, welches zugleich Ernst gebietet und Zuneigung einflösst, und einen jeden, dem es nicht gänzlich an Sinn für die energische Sprache, worin eine Seele die andere anspricht, fehlt, in wenig Augenblicken mit der Ungereimteit seiner Gestalt und Gesichtsbildung aussöhnt.
Ich weiss nicht wie es zuging, dass er, ohne an den Fransen meines ziemlich abgelebten Mantels Anstoss zu nehmen, nicht weniger Geschmack an meiner person zu finden schien als ich an der seinigen. Genug, wir fühlten uns gegenseitig von einander angezogen, und in wenigen Stunden war der Grund zu einer Freundschaft gelegt, welche vermutlich länger dauern wird als unsre Mäntel. Krates (so nennt sich mein junger Böotier) ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes, der sein Leben unter rastlosen Anstrengungen, Sorgen und Entbehrungen mit der edlen Beschäftigung zugebracht hat, sein Vermögen alle zehn Jahre zu verdoppeln; und der nun, da ihm nächst seinem Geldkasten nichts so sehr am Herzen liegt als das Glück seines Sohnes, alles Mögliche tut, um diesen zu eben derselben Lebensweise, in welcher er das seinige gefunden, anzuhalten. Zu grossem Schmerz des alten Harpagons zeigt der junge Mensch so wenig Lust und Anlage dazu, dass, im Gegenteil, unter allen möglichen Dingen, womit der menschliche Geist sich befassen kann, die Rechentafel ihm gerade das verhassteste ist; und nur