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einigen Liebhabern, die sich schlechterdings nicht abweisen lassen wollten, zu grossem Aergerniss der übrigen Sokratiker, um baare Bezahlung, unverändert und ohne etwas von dem Seinigen hinzuzutun, vorgetragen, gehört nicht hierher. Er tat damit nichts anders, als was ein Maler tut, wenn er eine mit allem Fleiss gearbeitete Copei eines berühmten Gemäldes eines ältern Meisters, nicht für das Urbild selbst, sondern für das was es ist, für ein Nachbild verhandelt. Das, was man seine eigene Philosophie nennen kann, stellt er weniger in mündlichen und schriftlichen Unterweisungen als in seinem Leben dar; ob er gleich kein Bedenken trägt, seine Art über die menschlichen Dinge zu denken. und die Gründe, die sein Urteil, es sei nun zum Entscheiden oder zum Zweifeln, bestimmen, bei gelegenheit an den Tag zu geben, zumal in Gesellschaften, die zu einer freien und muntern Unterhaltung geeignet sind. Unter vertrautern und kampflustigen Freunden lässt er sich auch wohl in dialektische Gefechte ein, wo es oft zwischen Scherz und Ernst so hitzig zugeht, als ob um einen Olympischen Siegeskranz gerungen würde; aber auch diese Spiegelgefechte endigen sich doch immer, wie alle Kämpfe dieser Art billig endigen sollten: nämlich dass die Ermüdung der Kämpfer dem Spiel ein Ende macht, und jeder mit heiler Haut, d.i. mit seiner eigenen unverletzten Meinung davon geht, zufrieden sich wie ein Meister der Kunst gewehrt zu haben, und die Zuhörer ungewiss zu lassen, welcher von beiden der Sieger oder der Besiegte sei. Ich will damit keinesweges sagen, dass Aristipp von seinem System, in wiefern es ihm selbst zum Kanon seiner Vorstellungsart und seines praktischen Lebens dient, nicht wenigstens eben so gut überzeugt sei als Plato von dem seinigen; nur glaubt er nicht, dass eine ihm selbst angemessene Denkweise und Lebensordnung sich darum auch für alle andern schicken, oder was ihm als wahr erscheint, auch von allen andern für wahr erkannt werden müsse.

Gestehe, Diogenes, dass man mit einem so anspruchlosen Geistescharakter eher alles andere als ein Sectenstifter sein wird, und dass es sogar widersinnisch ist, denjenigen dazu machen zu wollen, der eben darum, weil er seine Art zu denken und zu leben unter seine persönlichen und eigentümlichen Besitztümer rechnet, andern nur so viel davon mitteilt, als sie selbst urteilen, dass ihnen ihrer inneren Verfassung und ihren äusserlichen Umständen nach zuträglich sein könne.

Uebrigens sehe ich nicht, warum er nicht eben so gut als andere berechtigt wäre, seine Grundbegriffe für allgemein wahr und brauchbar zu geben. Was er unter jener, seinen Tadlern so unbillig verhassten Hedone (welche, nach ihm, das Wesen der menschlichen Glückseligkeit ausmacht) versteht, ist nicht Genuss wollüstiger Augenblicke, sondern dauernder Zustand eines angenehmen Selbstgefühls, worin Zufriedenheit und Wohlgefallen am Gegenwärtigen mit angenehmer Erinnerung des Vergangenen und heiterer Aussicht in die Zukunft ein so harmonisches Ganzes ausmacht, als das gemeine los der Sterblichen, das Schicksal, über welches wir gar nichtsund der Zufall, über den wir nur wenig vermögen, nur immer gestatten will. Ist etwa die Eudämonie der andern Sokratiker im grund etwas anders als ein solcher Zustand? Warum hält man sich, anstatt sich um Worte und Formeln zu entzweien, nicht lieber an das, worin alle übereinkommen? Wer wünscht nicht so glücklich zu sein als nur immer möglich ist? Und, wie verschieden auch die Quellen sind, woraus die Menschen ihr Vergnügen schöpfen, ist das Vergnügen an sich selbst nicht bei allen eben dasselbe? Warum soll es Aristippen nicht eben so wohl als andern erlaubt sein, Worte, die der gemeine Gebrauch unvermerkt abgewürdigt hat, wieder zu Ehren zu ziehen und z.B. die schuldlose Hedone, wiewohl sie gewöhnlich nur von den angenehmen Gefühlen der Sinne gebraucht wird, zu Bezeichnung eines Begriffs, der alle Arten zusammenfasst, zu erheben? Dass durch einen weisen Genuss alle unsrer natur gemässen Vergnügungen, sinnliche und geistige, sich nicht nur im Begriff, sondern im Leben selbst sehr schön und harmonisch vereinigen lassen, hat Aristipp noch mehr an seinem Beispiel als durch seine Lehre dargetan. Seine Philosophie ist eine Kunst des Lebens unter allen Umständen froh zu werden, und bloss zu diesem Ende, sich von Schicksal und Zufall, und überhaupt von aller fremden Einwirkung so unabhängig zu machen als möglich. Nicht wer alles entbehren, sondern wer alles geniessen könnte, wär' ein Gott; und nur, weil die Götter das letztere sich selbst vorbehalten, den armen Sterblichen hingegen über alle die Uebel, welche sie sich selbst zuziehen, noch so viel Not und Elend von aussen aufgeladen haben als sie nur immer tragen können, nur aus diesem Grund ist es notwendig, dass der Mensch entbehren lerne was er entweder gar nicht erreichen kann, oder nur durch Aufopferung eines grösseren Gutes sich verschaffen könnte.

Doch ich sehe, dass ich mich unvermerkt in Erörterungen einlasse, die zu meiner Absicht sehr entbehrlich sind. Denn es versteht sich, dass ich dich nicht zur Philosophie Aristipps bekehren, sondern nur geneigt machen möchte, dich des Charakters eines Mannes, den ich als einen der edelsten und liebenswürdigsten Sterblichen kenne, bei gelegenheit mit so viel Wärme, als deiner wohlbekannten Kaltblütigkeit zuzumuten ist, gegen seine unbilligen Verächter anzunehmen. Ich befriedige dadurch bloss mein eigenes Herz; Aristipp weiss nichts von diesem Briefe, und scheint sich überhaupt um alles, was seine ehemaligen Mitschüler von ihm sagen und schreiben, wenig zu bekümmern. Indessen nährt er doch für die Atener noch immer eine Art von Vorliebe, die ihn