, die ihm seine bittersten Feinde selbst kaum streitig machen können, so stark hervorstechen, dass sie eine dem Ganzen vorteilhafte wirkung tun. Was ich tadeln möchte, ist bloss, dass er diese seine Absicht nicht besser zu verbergen gewusst hat. Gern will ich ihm zugeben, dass derjenige, der eine gänzliche Unparteilichkeit für etwas Unmögliches hält, nicht verbunden ist, ganz unparteiisch zu sein; aber es zu scheinen, liegt allerdings jedem Geschichtschreiber ob, dem es Ernst ist, die Leser für seinen Helden zu gewinnen. Diess weiss Philistus so gut als ich, und da er demungeachtet den Schein der Parteilichkeit nicht vermieden hat, so ist ziemlich klar, dass er bei Abfassung seiner geschichte mehr an Dionysen als an die Leser dachte, und sich lieber bei diesen in den Verdacht der Schmeichelei setzen, als etwas, das jenem missfallen könnte, schreiben wollte. Gegen diesen Vorwurf wird er sich schwerlich rechtfertigen können, und was daraus zum Nachteil seiner geschichte und seines Helden gefolgert wird, brauche ich dir nicht erst zu sagen.
16.
Antipater an Diogenes.
Mehr als zehn Jahre sind schon verflossen, seit ich mit Aristipp bekannt wurde, und das Glück hatte, seines Umgangs während eines grossen Teils dieser Zeit täglich zu geniessen. Ich habe ihn in mancherlei Lagen und Verhältnissen gesehen und beobachtet; oder, richtiger zu reden, er zeigte sich mir immer so offen, unzurückhaltend und anspruchlos, dass ich, um ihn kennen zu lernen, nichts als das Paar gesunde Augen brauchte, womit mich die natur ausgestattet hat. Es müsste also nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich von den grundsätzen, die er in seinem Leben befolgt (und er hat keine andern) nicht besser unterrichtet sein sollte, als Leute die ihn bloss von Hörensagen kennen, oder aus einem zufälligen Umgang und im Flug aufgeschnappten einzelnen Worten über ihn abzusprechen sich vermessen.
Du wirst dich daher nicht wundern, Freund Diogenes, wenn ich dir sage, dass ich nicht ohne Unwillen hören kann, mit welcher Dreistigkeit er noch immer von einigen Sokratikern, besonders von den eifrigsten Anhängern der Akademie, öffentlich beschuldigt wird, dass er die Grundsätze des gemeinschaftlichen Meisters der Atenischen Schule nicht nur verfälsche, sondern sogar das förmliche Gegenteil derselben lehre und ausübe, indem er die Wollust, und zwar bloss die körperliche oder den groben tierischen Sinnenkitzel, für das höchste Gut des Menschen erkläre, ausdrücklich behauptend: es gebe kein anderes Vergnügen als die Sinnenlust, und alles übrige bestehe bloss in leeren Einbildungen, womit nur Leute sich zu täuschen suchten, denen es an den Mitteln fehle, sich den wirklichen Genuss aller Arten von sinnlichen Vergnügungen zu verschaffen.
Ich gestehe dir, Diogenes, meine Geduld reisst, wenn ich diese alten abgeschmackten Verleumdungen noch immer von Männern, denen der Name Sokratiker zur Beglaubigung dient, erneuern, und, auf deren Verantwortung, aus so manchen schnatternden Gänsehälsen und gähnenden Eselskinnladen widerhallen höre; und mehr als einmal bin ich schon im Begriff gewesen, nach der Aristophanischen Geissel zu langen und die Toren öffentlich dafür zu züchtigen, wenn mich nicht die achtung für Aristippen, der keiner Rechtfertigung bedarf, und die Verachtung seiner Verleumder, die der Züchtigung nicht wert sind, jedesmal zurückgehalten hätte. Indessen kann ich mir doch die Befriedigung nicht versagen, wenigstens dir, mein alter Freund, wiewohl du es (denke ich) nicht schlechterdings vonnöten hast, einen Aufschluss über diese Sache zu geben, der dir begreiflich machen wird, wie eine so alberne Sage unter den morosophirenden43 Müssiggängern und Schwätzern zu Aten entstehen konnte.
Den ersten Anlass mag wohl der starke Abstich gegeben haben, den die verhältnissmässig etwas üppige Lebensweise Aristipps mit dem schlechten Aufzug und der sehr magern Diät der meisten Sokratiker und des Meisters selbst machte, und der jenen um so anstössiger sein mochte, weil er im ersten Jahre seines Umgangs mit Sokrates sich ihnen in allem ziemlich gleich gestellt hatte. Indessen war Aristipp nicht der einzige, der sich auf diese Art auszeichnete; mehrere begüterte Freunde des Weisen lebten auf einem ihrem Vermögen angemessenen Fuss, und er selbst (sagt man) war weit entfernt mit seiner Armut zu prunken, und diejenigen mit stolzer Verachtung anzusehen, die nicht, wie er, von einem Triobolon des Tages leben wollten, weil sie wollen mussten. Warum wurde denn Aristippen allein so übel genommen, was man an andern nicht ungehörig fand? Ohne Zweifel lag der wahre Grund darin, dass Aristipp überhaupt nicht recht zu den meisten Sokratikern passte, und da er diess bald genug gewahr wurde, von Zeit zu Zeit aus ihrem Kreise heraustrat und sich auch mit andern, die nicht zu ihnen gehörten, sogar mit einem Hippias und Aristophanes, in freundschaftliche Verhältnisse setzte. Hierzu kam noch, dass er, bei aller seiner Verehrung für den Geist und Charakter des Sokrates, eben so wenig zum Nachtreter und Widerhall desselben geboren war als Plato, und sich eben so wenig verbunden hielt über alle Dinge einerlei Meinung mit ihm zu sein, als sich ihm in seiner absichtlichen Beschränkung auf das Unentbehrliche gleich zu stellen. So reizten z.B. eine Menge wissenschaftlicher Gegenstände seine Neugier, welche Sokrates für unnütze Grübeleien erklärte; und so machte er auch kein geheimnis daraus, dass der Attische Weise ihm die eigentliche Lebensphilosophie zu sehr in den engen Kreis des bürgerlichen Lebens und auf das Bedürfniss eines Attischen Bürgers einzuschränken scheine; da er selbst hingegen schon damals Trieb und Kraft in sich fühlte, einen freiern Schwung zu nehmen, und die Verhältnisse des Bürgers von Cyrene den