an eine ganz unparteiische und durchaus wahre geschichte von begebenheiten deren Augenzeugen wir gewesen sind und an denen wir selbst unmittelbaren Anteil genommen haben? Ich nicht. Gesetzt auch, was doch selten der Fall ist, der Erzähler habe von Verschweigung oder Verfälschung der Wahrheit weder Vorteil zu hoffen noch Schaden zu befürchten, und sei fest entschlossen alle Wahrheit und nichts als Wahrheit zu schreiben; gesetzt (was wenigstens eben so selten ist) er habe alles, was er erzählt, selbst gesehen oder selbst getan und gelitten, oder doch von vollkommen glaubwürdigen Personen (dergleichen es vielleicht noch nie gegeben hat) selbst aufs genaueste erkundiget; gesetzt endlich er sei (was ich geradezu für unmöglich erkläre) in dem, was er von sich selbst zu berichten hat, von allem Einfluss der Eigenliebe und Eitelkeit so frei und rein wie ein noch ungebornes Kind – alle diese unerlässlichen und doch kaum irgend einem Sterblichen zugeständlichen Voraussetzungen als richtig angenommen, stehen uns doch noch zwei schlechterdings nicht wegzuräumende Hindernisse im Wege, um derentwillen es ewig unmöglich bleiben wird, eine ganz wahre, ganz zuverlässige geschichte einer Reihe von begebenheiten und Handlungen, die wir selbst gesehen haben, zu schreiben. Das erste dieser Hindernisse ist, dass es kein Mittel gibt, unmittelbar in das Innerste der Menschen zu schauen, und die Entstehung ihrer Gesinnungen und Leidenschaften, Entwürfe und Absichten, und alles was sie sich selbst von den Beweggründen und Tendenzen ihrer Handlungen bewusst sind, ohne ein verfälschendes Medium in ihrer Seele zu lesen. Aus Mangel eines solchen Sinnes bleiben die wahren Ursachen der begebenheiten in ihren reinen Verhältnissen mit den Wirkungen immer zweideutig und ungewiss; das äusserlich Geschehene liegt wie ein unaufgelöstes Rätsel vor uns, und der Geschichtschreiber, der den Verstand seiner Leser zu befriedigen wünscht, sieht sich genötigt zu den Künsten des Wahrsagers, Dichters und Malers seine Zuflucht zu nehmen. Aber auch ohne dieses Hinderniss wird es ihm schon allein dadurch unmöglich ganz wahr zu sein, dass er, unvermögend sich selbst aus dem festen Punkt seiner Individualität herauszurücken, Personen, Handlungen und Ereignisse niemals sehen kann wie sie sind, sondern nur wie sie ihm, aus dem Gesichtspunkt woraus er sie ansieht, erscheinen. Ueberzeugt von allem diesem, sagte ich, als ich mich entschloss die geschichte des Dionysius zu schreiben, zu mir selbst: da du keine Milesische Fabel, sondern Dinge, die unter deinen Augen geschahen und bei denen du selbst keine unbedeutende Rolle spieltest, erzählen willst, so ist es allerdings deine Pflicht, so wahrhaft zu sein als dir nur immer möglich ist; aber zum Unmöglichen bist du nicht verbunden. Du konntest nicht alles sehen, nicht allentalben sein; und wie ernstlich du auch unparteiisch sein wolltest, du kannst es nicht sein! Du bist weder ein Gott noch ein Platonischer Mensch, sondern Philistus, Archomenides Sohn, ein Verwandter, Freund und Gehülfe des Mannes, dessen geschichte du erzählen willst, und es geziemt dir, die Personen und begebenheiten so darzustellen, wie sie dir unter allen den Verhältnissen, worin du mit ihnen standest, erschienen und erscheinen mussten. Nur so kannst du wahr und mit dir selbst einig sein, gesetzt auch dass du öfters getäuscht wurdest. Der unfehlbarste Weg, die Welt mit einer ungetreuen und verschrobenen Erzählung zu belügen, wäre, wenn du aus dir selbst herausgehen, und, unter dem Vorwand desto unparteiischer zu sein, einen Gesichtspunkt, aus welchem du die Dinge nicht gesehen hättest, aber gesehen zu haben schienest, erdichten wolltest. Diess, Aristipp, ist der Kanon, nach welchem ich die geschichte, über die so viel Schiefes und Leidenschaftliches zu Syrakus und Aten gesprochen wird, gearbeitet habe, und nach welchem allein ich mit Billigkeit beurteilt werden kann. Auch keiner meiner Richter ist unparteiisch; er ist, seiner eignen Sinnesart und Vorstellung zufolge, mehr oder weniger geneigt, den Dionysius und seinen Geschichtschreiber in einem günstigen oder ungünstigen Lichte zu sehen; und diese uns selbst oft verborgene, von den Sachen ganz unabhängige Zu- oder Abneigung besticht unser Urteil viel öfter als der grosse Haufe glaubt. Mein Wille war, gerecht gegen Dionysius zu sein; aber da ich ihn liebte und seine Erhebung zum teil mein Werk war, so wär' es Vermessenheit, wenn ich läugnen wollte, dass dieser zweifache Umstand gar keinen Einfluss auf die Zeichnung, Färbung und Haltung meines Gemäldes gehabt habe: denn wenn ich alles, was in seinem Charakter und in seinen Handlungen zweideutig ist, zu seinem Vorteil deutete, glaubte ich auch hierin bloss gerecht zu sein. Uebrigens gestehe ich zwar, dass mir im Schreiben der Gedanke öfters kam: 'Dionysius, wenn er in meiner geschichte auch nicht die leiseste Spur einer durch sein hartes Verfahren gegen mich gereizten Empfindlichkeit entdecken könnte, würde sich desto eher bewogen finden, mir seine Gunst und sein Vertrauen wieder zu schenken:' aber wenn ich das Gegenteil auch vorausgesehen hätte, würde ich doch, um meiner selbst willen, nicht das Geringste geändert oder weggelassen haben."
Mich däucht, Learch, es ist in dieser Erklärung Philists etwas Offenherziges, das für eine Art Ersatz dessen, was seiner Rechtfertigung abgehen mag, gelten kann. Uebrigens ist, wie gesagt, sein ganzes Betragen so beschaffen, dass ich nichts zu wagen glaube, wenn ich mich, falls es gefordert würde, dafür verbürgte, dass er mit nichts umgeht, was zu dem mindesten Argwohn Ursache geben könnte. Wär' es anders, so hätte er zu Bearbeitung irgend eines dem Dionysius unangenehmen Anschlags keinen ungeschicktern