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die erstern Vorwürfe weniger Unrecht als durch die letzteren. Wenn ich nicht irre, so hat er in den sieben ersten Büchern, worin er das Denkwürdigste der geschichte Siciliens von der fabelhaften und heroischen Zeit an bis auf die Regierung Gelons und die Wiederherstellung der Oligarchie zusammenfasst, mehr den Herodot, in der Erzählung der begebenheiten und Taten des Dionysius hingegen mehr den Tucydides zum Muster genommen: da er aber keinen von beiden zu erreichen vermochte, hätte er allerdings besser für seinen Ruhm gesorgt, wenn er alles, was ihm das auffallende Ansehen eines Nachahmers gibt, vermieden, und falls er nicht Kunst genug besass, Herodots naive und angenehm unterhaltende Darstellungsgabe mit dem tiefblickenden Verstand und der scharfen Urteilskraft des Tucydides auf eine ungezwungene, ihm eigentümlich scheinende Art zu vermählen, sich lieber begnügt hätte, uns seine Geschichten mit Ordnung, klarheit und möglichster Anspruchlosigkeit zu erzählen. Aber um diess zu können, ja, um es nur zu wollen, hätte Philistder auch als Geschichtschreiber glänzen und mit den ersten in diesem Fache wetteifern wolltenicht Philist sein müssen. Wir wollen ihm diess nicht zumuten: aber dafür mag er auch für alles büssen, was er als Philist sündiget. Leichter und (meiner überzeugung nach) mit besserm grund wird er von dir und mir von dem, was in den Beschuldigungen der Platoniker das Verhassteste ist, losgesprochen werden; denn, so viel ich weiss, sind wir beide über das, was an dem alten Dionysius zu loben und zu tadeln ist, ziemlich einverstanden. Der Tyrann (wie er sich nun einmal schelten lassen muss, da seine Feinde die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu bringen gewusst haben) hat vor vielen Jahren das ungeheure Verbrechen begangen, sich über den göttlichen Plato, der ihn auf eine etwas linkische Art zu seiner Philosophie bekehren wollte, in seiner mitunter ziemlich sarkastischen Manier lustig zu machen, und, da sein sauertöpfischer Verehrer Dion durch eine übelverstandene Zudringlichkeit aus Uebel Aerger machte, den Philosophen allerdings unsanfter als recht war nach haus zu schicken. Das konnte freilich nie verziehen noch vergessen werden! Einer solchen Untat war nur ein Abschaum der unmenschlichsten Laster fähig! Die Feinde des Tyrannen konnten ihm nun nachsagen was sie wollten, das Aergste schien immer das Glaublichste. Mit Einem Worte, Dionysius wurde in der Akademie zu Aten zum Ideal eines Tyrannen erhoben, und es ist kein Zweifel, dass Plato, indem er im neunten Buch seiner Republik den vollständigen Tyrannen mit den hässlichsten Zügen und Farben eines moralischen Ungeheuers darstellt, ein getreues Bild des Dionysius aufgestellt zu haben glaubt. Wir beide, und viele andre, die, wie wir, weder Böses noch Gutes von diesem Fürsten empfangen haben, wissen indessen sehr gut, wie übertrieben und unbillig der schlimme Ruf ist, den ihm seine Sicilischen Feinde und die allzuheissen Anhänger des göttlichen Plato unter den übrigen Griechen gemacht haben, und um so leichter machen konnten, da der grosse Haufe schon voraus geneigt ist, von jedem, der sich der Alleinherrschaft über einen oligarchischen oder demokratischen Staat zu bemächtigen weiss, das Schlimmste zu denken und zu glauben. Dionysius kämpfte lange gegen dieses allgemeine, und (insofern ein Vorurteil gerecht genannt werden kann) nicht ganz ungerechte Vorurteil. Da aber weder die Befreiung Siciliens von dem Joch und den Verheerungen der Karchedonier, noch der Wohlstand, worin sich diese Insel unter seiner Oberherrschaft befindet, und sein Bestreben jede wesentliche Pflicht eines klugen und tätigen Regenten zu erfüllen, vermögend war, den Mangel eines unbestrittnen Rechtes an die eigenmächtig aufgesetzte Krone in den Augen der Menge zu rechtfertigen; da ihm alle seine Verdienste, alle seine Bemühungen, das Vertrauen und die Liebe der Syrakusier zu gewinnen, nichts halfen, und eine Strenge, die nicht in seinem natürlichen Charakter ist, endlich das einzige Mittel war, ihm vor den unermüdeten Anfechtungen seiner heimlichen und erklärten Feinde Ruhe zu verschaffen, kurz da man ihn wider seinen Willen nötigte, seinen bösen Ruf gewissermassen zu rechtfertigen, und er gern oder ungern den Tyrannen spielen musste, weil man ihm nicht erlauben wollte ein guter Völkerhirt zu sein: ist der Geschichtschreiber, der seinen Talenten und Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren lässt, nicht vielmehr Lobes als Tadels wert? Und wenn er auch das volle Licht nur auf die schöne Seite seines Helden fallen lässt, wenn er dem Zweideutigen die vorteilhafteste Wendung gibt, und wie ein geschickter Bildnissmaler, alles was sein Bild nur verunzieren würde, entweder ganz verbirgt, oder wenigstens nach den Regeln seiner Kunst mit schwächern oder stärkern Schatten bedeckt: kann man dem Bildniss darum alle Aehnlichkeit absprechen? und hat der Geschichtschreiber darum allen Glauben verwirkt, weil er uns von einem der merkwürdigsten Männer unsrer Zeit, von welchem seine Feinde lauter grausenhafte und mit der schwärzesten Galle übersudelte Zerrbilder in der Welt verbreitet haben, bloss die glänzende Seite zeigt? Eine vollkommen unparteiische, weder verschönerte noch absichtlich oder leidenschaftlich verfälschte geschichte dieses Mannes dürfen wir von keinem Zeitgenossen erwarten: aber die Nachwelt wird das Wahre (wenn es ihr anders darum zu tun ist) desto gewisser zwischen dem, der zu viel Gutes, und denen, die zu viel Böses von ihm gesagt, in der Mitte finden können.

Da Philist mir von Zeit zu Zeit ein Stück der Fortsetzung, an welcher er arbeitet, vorliest, so fehlte es nicht an gelegenheit, aus seinem eignen mund zu hören, was er zu seiner Rechtfertigung gegen die ihm sehr wohl bekannten Vorwürfe, die man seiner geschichte macht, vorzubringen hat.

"Glaubst du (sagte er mir einsmals)