gar nicht um sie angesucht, kann ihm nicht zum Vorwurf gereichen: denn der Ort, wo er während seiner Verweisung aus Sicilien leben wolle, war in sein Belieben gestellt; und so gut als er von Turium, wo er sich anfangs einige Jahre aufhielt, eigenmächtig nach Adria ziehen konnte, stand es ihm frei, von Adria nach Rhodus, Cyrene oder Gades zu gehen, wenn er Lust dazu hatte. Er hat sich selbst dadurch um einige Tausend Stadien weiter von Syrakus verbannt, aber doch nicht weit genug, dass ihn Dionys nicht finden könnte, wenn er ihn wieder bei sich haben wollte; und ich sehe nicht, warum sein Besuch bei einem alten Bekannten (der überdiess noch von seiner Jugend her ein erklärter Verehrer der Regierungstalente dieses Fürsten ist) ihm den mindesten Verdacht zuziehen könnte. Möge Dionysius noch lange vor allen andern Anschlägen so sicher sein, als vor denen, die in Aristipps haus gegen ihn geschmiedet werden!
Es sind nun über fünfundzwanzig Jahre, dass ich mit Philisten zu Syrakus (wohin ich, wie du weisst, den Sophisten Hippias begleitete) zufälligerweise bekannt wurde. Damals stand er bei dem sogenannten Tyrannen noch in Gunsten, und schien Geschmack an mir zu finden: aber weder meine Absichten noch die Kürze meines Aufentalts gestatteten mir ein näheres verhältnis mit ihm anzuknüpfen, und ich gestehe dass ich ihn in der Folge gänzlich aus meinem Gesichtskreis verlor. Demungeachtet erkannten wir einander wieder, als er vor einigen Monaten ohne alle Vorbereitung bei mir erschien, und sich mir, unter dem Titel eines alten Bekannten, als Philistus des Archomenides Sohn von Syrakus ankündigte. Da er überall im Ruf eines Mannes von Geist und Talenten steht, und unläugbar einer der vorzüglichsten und gebildetsten unsrer Zeitgenossen ist, so wirst du dich eben so wenig wundern, dass er hier allgemeinen Beifall findet, als dass sich nach und nach eine Art von Freundschaft zwischen ihm und mir entsponnen hat, so vertraut als sie zwischen dem planlosen Weltbürger Aristipp und einem ehrgeizigen Syrakusischen Eupatriden möglich ist, der (wie es scheint) nie vergessen wird, dass seine Geburt, sein Vermögen, die wesentlichen Dienste, die er dem Dionysius geleistet und seine Verbindung mit einer Bruderstochter desselben, ihn zu Erwartungen berechtigten, die mit seiner schon so lange dauernden Verbannung in einem sehr unangenehmen Missverhältniss stehen. Bei allem dem hat er sich selbst so sehr in seiner Gewalt, dass diese unfreiwillige Auswanderung das Werk seiner eigenen Wahl zu sein scheint; und allentalben, wo die Rede von dem Zustand seines Vaterlandes und der Regierung des Dionysius ist, spricht er darüber so unbefangen mit, dass niemand, der von seinen Verhältnissen nicht genau unterrichtet ist, weder in seinem Ton, noch in seiner Miene das geringste, was einen Missvergnügten verriete, gewahr werden kann. Dass er sich gegen mich, wenn wir ohne Zeugen von diesen Dingen sprechen, für jenen Zwang ein wenig entschädigt, ist natürlich; indessen kann ich dich versichern, er müsste entweder der verdeckteste und undurchdringlichste aller Menschen sein (was von einem so feuervollen Sicilier kaum zu glauben steht), oder er ist fest entschlossen, da alle bisherigen Versuche, den nichts verzeihenden Herrn zu seiner Zurückberufung zu bewegen, fruchtlos abgelaufen sind, sich nun vollkommen leidend zu verhalten, und den Zeitpunkt ruhig abzuwarten, der seinem Schicksal vermutlich eine andere Wendung geben wird.
Philist ist ein so angenehmer Gesellschafter, dass es nur von ihm abhinge, zu Cyrene ein so müssiges und üppiges Leben zu führen als eure ausgemachtesten Sardanapale zu Korint und Syrakus. Er hat aber in seiner Jugend schneller gelebt als ratsam ist, und scheint nun mit seinem Rest etwas behutsamer haushalten zu wollen. Er teilt sich nur gerade so viel mit, als nötig ist sich bei meinen gastfreundlichen Mitbürgern von der ersten klasse in Credit zu erhalten, und hat die Uebereinkunft mit ihnen getroffen, sich monatlich nicht mehr als sechsmal einladen zu lassen; so dass er, wenn jeder einmal an die Reihe kommt, gerade ein volles Jahr braucht, um bei allen herumzuzechen. Seine meiste Zeit bringt er in meiner Akademie zu, wo ich ein eigenes Cabinet für ihn habe zubereiten lassen, um in der Nähe der Bibliotek ungestört an der Fortsetzung seiner geschichte von Sicilien arbeiten zu können, die seit zwanzig Jahren seine Lieblingsbeschäftigung ist, wiewohl wir sie mehr seiner Verbannung aus dem schönsten land der Welt, als seiner Liebe zur historischen Muse zu danken haben mögen. Vermutlich kennst du die neun Bücher dieses Werkes, welche bereits in den Händen der Bibliopolen sind, und wovon die beiden letzten die geschichte der Regierung des Dionysius von der dreiundneunzigsten bis zur hundertsten Olympiade entalten. Man findet, wie ich höre, zu Aten lächerlich, dass Philistus, ohne den Geist, den Scharfblick und die Stärke des Tucydides zu besitzen, sich vermesse, seinen Styl, seine scharfen Umrisse, seine Trockenheit und nervige Kürze, und, wo es ihm damit nicht recht gelingen wolle, wenigstens seine Dunkelheit nachzuäffen. In der Akademie aber soll ihm hauptsächlich zum Verbrechen gemacht werden, dass er, wenigstens in den Büchern die den Dionysius betreffen, die Heiligkeit der geschichte durch eine vorsetzlich verfälschte Darstellung der begebenheiten verletzt und allen parasitischen Kunstgriffen aufgeboten habe, den Lastern des Tyrannen die Farbe der Tugend anzustreichen, seinen schlechtesten und grausamsten Handlungen edle Beweggründe und Absichten unterzulegen, und, kurz, den hassenswürdigsten Unterdrücker seines Vaterlandes der Nachwelt (wenn anders sein Buch so lange leben könnte) für das Modell eines vortrefflichen Fürsten aufzuschwatzen. Meiner Meinung nach geschieht Philisten durch