ihren Kreis aufgenommen, die Harmonie, die das Glück ihres Lebens macht, durch irgend einen vorsetzlichen Missklang zu unterbrechen fähig wäre!
Ich kann es mir nicht versagen, liebe Mutter, noch einmal zu Kleonen zurückzukommen; dieser Einzigen, in welcher alles was ich für eine Schwester und Freundin, für die Gattin des würdigsten Mannes, und selbst für eine Mutter fühlen kann, mit dem, was eine noch junge Frau, die von Aphroditen mit jedem Reiz und von den Musen mit ihren schönsten Gaben ausgestattet wurde, einem empfänglichen, aber nicht unbescheidenen Jüngling einzuflössen vermag, in einer mir selbst beinahe wunderbaren Mischung zusammenfliesst. Zu dem allem kommt noch zuweilen eine Art von heiligem, ich möchte sagen religiösem Gefühl, wie ich glaube dass mir zu Mute wäre, wenn ein überirdisches Wesen in aller Glorie, die ein irdisches auge' ertragen kann, aber mit dem Ausdruck von Huld und Wohlwollen, plötzlich vor mir stände. Wie oft ist mir in solchen Augenblicken eingefallen, was Plato in einem seiner Dialogen von der unaussprechlichen Liebe sagt, welche die Tugend in uns entzünden würde, wenn sie uns in ihrer eigenen Gestalt sichtbar werden könnte!
Einer der schönsten und seltensten Züge im Charakter dieses vortrefflichen Weibes ist die Vereinigung einer immer gleichen Heiterkeit, welche nah an Frohsinn, selten an Fröhlichkeit gränzt, mit einem sanften Ernst, der über dem reinen Himmel ihrer Augen wie ein durchsichtiges Silberwölkchen schwebt. Seit einiger Zeit scheint dieser Ernst zuweilen (doch nur wenn sie unbemerkt zu sein glaubt) in ein stilles Brüten über düstern Gedanken übergegangen zu sein; auch haben Musarion und ich einander die Wahrnehmung mitgeteilt, dass sie, wiewohl in kaum merklichen Graden, blässer und magerer wird, von den zahlreichen rauschenden Gesellschaften (die in diesem gastfreien haus nicht selten sind) mehr als sonst ermüdet scheint, und überhaupt, wo sie kein aufsehen zu erregen befürchtet, sich gern ins Einsame zurückzieht. Musarion glaubt in diesen und andern kleinen Umständen Zeichen einer langsam abnehmenden Gesundheit wahrzunehmen, und verdoppelt daher ihre Aufmerksamkeit und Sorgfalt für die geliebte Schwester, ohne jedoch weder Aristipp noch Kleonidas in Unruhe zu setzen, welche, von Kleonens gewohnter Heiterkeit und Munterkeit getäuscht, von allem dem nichts gewahr werden, worüber wir selbst uns vielleicht aus allzu sorglicher Liebe täuschen. Denn manches kann vorübergehende Ursachen haben; und besonders scheint ihre Liebe zur Einsamkeit eine natürliche Folge davon zu sein, dass sie sich aus der Bildung der jungen Arete das angelegenste ihrer Geschäfte macht; denn selten oder nie findet man sie ohne ihre Tochter allein.
Dieser Tage machte mich ein Zufall zum unbemerkten Zeugen einer Scene, die ein unauslöschliches Bild in meiner Seele zurückgelassen hat. Es traf sich dass Aristipp mit einem merkwürdigen Fremden, der sich seit kurzem hier aufhält, einen kleinen Abstecher ins Land machte. Da jedes im haus seinen Geschäften oder Erholungen nachging, lockte mich die Schönheit des Abends bei halb vollem Mondschein in eine abgelegnere Gegend der Gärten die das Landhaus, wo wir uns aufhalten, umkränzt. Unvermerkt führte mich ein schmaler Pfad in die Nähe eines kleinen von Cypressen und duftreichen Gebüschen eingeschloss'nen, mit Moos bewachs'nen Platzes, den die elterliche Liebe dem Andenken ihres in der Kindheit verstorbenen einzigen Sohnes widmete. Selbst ungesehen erblicke ich hier Kleonen, an den Aschenkrug des kleinen Klearists zurückgelehnt, auf einer Stufe des marmornen Denkmals sitzen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, die Augen mit sanft traurigem Lächeln auf den Mond, der so eben über den Cypressen aufging, wie auf die Scene einer himmlischen Erscheinung geheftet. Ihr bis zu den Füssen herabgefloss'nes weisses Gewand, die Blässe ihres schönen Gesichts, und die kalte Marmorweisse des Arms, worauf sie sich stützte, das Unvermutete des Anblicks, und die schauerliche Stille des Orts, alles vereinigte sich meine Besonnenheit zu überraschen. Ich glaubte Kleonens Schatten zu sehen und schauderte zusammen; aber zu allem Glück blieb mir der unfreiwillige Ausruf, der mir entfahren wollte, in der Kehle stekken. Einen Augenblick darauf hört' ich ein Rascheln durchs Gebüsch, und die kleine Arete an der Hand ihres vermeinten Bruders Kallias kam von der andern Seite, mit lautem Rufen, da ist sie! das ist sie! auf die geliebte Mutter zugeflogen, welche sie schon lange im ganzen Garten gesucht hatten. Es war ein entzückender Anblick für mich, wie sie die holden Kinder, jedes mit Einem Arm umschlingend, an ihren Busen drückte, und wie schnell das süsse Muttergefühl für die Lebenden die kurz zuvor so bleichen Lilienwangen mit warmen Blut aus dem überwallenden Herzen durchströmte. Eine heilige Ehrfurcht hielt mich in den Boden gewurzelt und band meine Zunge. Kleone stand ohne mich entdeckt zu haben auf, nahm die fröhlich hüpfenden Kinder an beide hände, und verschwand in wenig Augenblicken.
Ich werde zwar frei zu dir zurückkehren, liebe Mutter; aber du wirst Mühe haben in Aten eine Jungfrau zu finden, die mich meiner lieben, wiewohl leider! nicht für mich gebornen, Cyrenerinnen vergessen machen könnte.
14.
Aristipp an Learchus von Korint.
Der Syrakusier, der sich seit einiger Zeit bei uns aufhält, edler Learch, ist wirklich der nämliche identische Philistus42, von welchem Kundschaft einzuziehen du von einem Freund in Syrakus ersucht worden bist. Er macht kein geheimnis daraus; zumal da er nicht unterlassen hatte dem Dionysius schriftlich anzuzeigen, dass er seiner Gesundheit wegen eine Reise nach Rhodus und Kreta, und von da vielleicht nach Cyrene unternehmen würde. Dass er die Einwilligung des alten Fürsten nicht abgewartet oder vielmehr