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geboren zu sein, Aristipp. Wer hätte gedacht, dass wir uns in weniger als zwei Jahren zu Aegina wiedersehen würden? – Und das in einem so reizend aufblühenden Rosengebüsche, setzte dein Freund hinzu. – "Glaubst du auch an Vorbedeutungen?" – Wenn sie meinen Wünschen entgegenkommen, ja. – "Da du dich nun einmal (versetzte sie lächelnd) eben so unschuldig, wie ich glauben will, als ehmals zu Korint, in mein Gebiet verirrt hast, würde mir's übel ziemen dich unbewirtet zu entlassen. Ich will das Frühstück in die Myrtenlaube dort bringen lassen, und wir setzen uns zusammen und schwatzen die Morgenstunden vorbei, wenn du nichts Angenehmeres zu versäumen hast."

Meine Antwort kannst du leicht erraten, Kleonidas; aber was du vielleicht nicht erraten hättest, war, dass es unvermerkt Mittag und Abend wurde, ohne dass wir eher ans Abschiednehmen dachten, bis uns die untergehende Sonne daran erinnerte. Das Benehmen meiner schönen Wirtin war munter, offen und absichtlos, immer anständig und edel, ohne Ziererei und Ansprüche, und doch zugleich so traulich, als ob wir nicht anders als Freunde sein könnten. Mit Einem Worte, du kannst dir nichts Liebenswürdigeres denken als sie, und keinen glücklichern Sterblichen als mich, der, im Genuss des Gegenwärtigen gänzlich befriedigt, keinen Augenblick Zeit hatte zu denken dass noch viel zu wünschen übrig sei, und (was dir vielleicht unglaublich scheinen mag) auch nicht durch die leiseste Begierde daran erinnert wurde. Diess ist, denke ich, die natürliche wirkung der vollkommenen Schönheit, wenigstens auf einen Menschen meiner Sinnesart; und hätten die Grazien nicht so viel Reiz und Anmutendes über alles was sie sagt und tut, bis auf die leiseste Bewegung der Falten an ihrem Gewand, ausgegossen, ich glaube ich könnte Jahre lang täglich um Lais gewesen sein, ohne jemals aus dem süssen Schlummer, worin ihr Anschauen meine Sinne liess, aufzuwachen. Seltsam wirst du sagen; aber so ist's! Oder vielmehr, so war und blieb esrate wie lange? – Beim Poseidon! Vier ganzer Sommertage lang; und ohne einen zufälligen Umstand, der dir die Sache zu gehöriger Zeit begreiflich machen wird, dürften es vielleicht, Amor und Aphrodite verzeihen mir's! eben so viele Wochen oder Monate gewesen sein.

Dass neu angehende Freunde, wovon der eine aus Cyrene und der andere aus der Pelopsinsel kommt, einander ihre geschichte erzählen, versteht sich von selbst. Die meinige war bald abgetan, wiewohl Lais nicht glauben wollte, dass ich noch so sehr Neuling sei, als ich, mit völliger Wahrheit wie dir bekannt ist, zu sein vorgab, oder vielmehr mit Bescheidenheit andeutete. Die ihrige war indessen nicht viel reicher an Abenteuern; und da du das Beste an ihrer Erzählung, den Zauberklang ihrer stimme und den Geist ihrer Augen entbehren musst, so will ich sie so kurz als möglich zusammenfassen.

Lais wurde zu Hykkara in Sicilien geboren. Sie erinnerte sich, dass sie in einem grossen haus auferzogen wurde, und dass ihr zwei Sklavinnen zu ihrer Besorgung zugegeben waren. Sie war ungefähr sieben Jahr alt, als sie das Unglück hatte (ich nenn' es Glück, und du wirst mir's nicht verdenken), bei Eroberung und Zerstörung ihrer Vaterstadt durch den bekannten Atenischen Feldherrn Nikias, vermöge des barbarischen Rechts des Sieges, das unter unsern Völkern zu ihrer Schande noch immer gilt, in die Sklaverei zu geraten, und mit andern Kindern ihres Alters an den Meistbietenden verkauft zu werden. Leontides, ein reicher Korintischer Eupatride, kaufte sie, und bezahlte sie beinahe so teuer, als ein marmornes Mädchen von einem Polyklet oder Alkamenes. Dieser Leontides war immer ein grosser Liebhaber aller schönen Dinge gewesen; und wiewohl er im Dienste der Paphischen Göttin bereits grau zu werden begann, oder vielmehr eben desswegen, kam er auf den Gedanken, sich an der kleinen Laidion Trost und Zeitvertreib für seine alten Tage zu erziehen. Er liess ihr also Unterricht in allen Musenkünsten und überhaupt eine so liberale Erziehung geben, als ob sie seine Tochter gewesen wäre, ergötzte sich in der Stille an ihren schnellen Fortschritten, und belohnte sich selbst zu rechter Zeit für alles, was er auf sie gewandt hatte, so gut als Gicht, Podagra und Hüftweh es erlauben wollten. Dagegen betrug auch sie sich so gefällig und dankbar gegen ihn, und leistete ihm die Dienste einer Krankenwärterin etliche Jahre lang mit so viel Sorgfalt, Geschicklichkeit und gutem Willen, dass er ihr seine Erkenntlichkeit nicht stark genug beweisen zu können glaubte. Sie lebte in seinem haus als ob sie seine Gemahlin wäre, schaltete nach Belieben über sein Vermögen, und durfte sich der Freiheit, die er ihr geschenkt hatte, um so unbeschränkter bedienen, da er Ursache zu haben glaubte, sich auf ihre Klugheit und Bescheidenheit zu verlassen. In dieser Lage befand sie sich, als ich, durch den bewussten Zufall, eine Art von Aktäon (wiewohl mit besserm Glück) bei ihr zu spielen berufen wurde; und der plötzliche Einfall, sich auf Unkosten eines zudringlichen Unbekannten eine kleine Lust zu machen, wobei sie selbst nichts zu wagen sicher war, hätte einer lebhaften jungen Sicilianerin, welche die schönste Blumenzeit ihres Lebens einem abgelebten gichtbrüchigen Liebhaber aufzuopfern sich gefallen liess, von meinem runzligen Freunde Antistenes selbst nicht übel gedeutet werden können. Bald nach dieser Begebenheit starb der alte Leontides, und hinterliess seiner schönen Wärterin die Freiheit zu leben wie und wo sie wollte, nebst einer