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jede von ihnen, hätte ich sie allein gekannt, unfehlbar (wiewohl gewiss wider ihren Willen) angezaubert hätte. Du wirst über mich lächeln, gute Mutter; aber, wie wunderlich es auch klingen mag, ich schwöre dir bei allen Göttern, ich könnte sie nicht reiner und heiliger lieben, wenn sie meine leiblichen Schwestern wären; und doch fühle ich zuweilen, dass ich in Kleonen, wenn keine Musarion, und in Musarion, wenn keine Kleone wäre, bis zum Wahnsinn verliebt werden könnte. Bloss dadurch, dass beide zugleich so stark auf mich wirken, erhalten sie mein Gemüt in einer Art von leiser Schwebung zwischen ihnen, die ich beinahe Gleichgewicht nennen möchte. Kurz, weil ich beide liebe, soliebst du keine, wirst du sagen; und im grund glaube ich selbst, dass für diese seltsame Art von Liebe ein eigenes Wort, das unsrer Sprache fehlt, erfunden werden müsste. Was mich auf alle Fälle beruhigt, ist, dass ich Aristipp und Kleonidas zu meinen Vertrauten gemacht habe. Diesem sage ich alles was ich für seine Schwester, jenem alles was ich für Musarion empfinde. Beide sind mit mir zufrieden; sie selbst sowohl als ihre Frauen gehen mit mir wie mit einem jüngern Bruder um, so unbefangen, so traulich und herzlich, dass sie mich unvermerkt gewöhnt haben, mich dafür zu halten. Darf ich dir alles gestehen, meine Mutter? – und warum sollt' ich nicht, da ich nichts zu bekennen habe, worüber ich erröten müsste? Jede der beiden Frauen hat eine Tochter, die ich, wenn sie auch an sich selbst weniger reizend wären, um der Mutter willen lieben würde. Aber hier bedarf es keines solchen Beweggrundes; die Töchter sind in einem so hohen Grade liebenswürdig, dass sogar ihre Mütter (wenigstens in meinen Augen) durch sie verschönert werden. Melissa, Musarions Tochter, soll an Gestalt und Gesichtsbildung der berühmten Lais ähnlich sein; und wirklich besitzt Kleone ein Bild der letzteren, worin alle, die es zum erstenmal sehen, Melissen zu erkennen glauben. Ich selbst wurde beim ersten Anblick getäuscht; aber als ich das Bild genauer mit ihr verglich, sah ich, dass Melissavielleicht nicht ganz so schön ist, aber etwas noch sanfter Anziehendes und, wenn ich so sagen kann, dem Herzen sich Einschmeichelndes hat, welches sie ihrer Mutter ähnlicher machen würde, wenn es nicht mit den Zügen der schönen Lais so zart verschmolzen wäre. Diese wunderbare Vermischung, wodurch sie, je nachdem man sie von einer Seite ansieht, bald Musarion bald Lais scheint, gibt ihr etwas so Eigenes, dass ihr jede Vergleichung Unrecht tut; einen Zauber, der mich unwiderstehlich an sie fesseln würde, wenn nicht Kleonens leibhaftes Ebenbild, ihre einzige Tochter (einen holden dreijährigen Knaben hat ihr Aurora entführt41) die liebliche Arete, neben ihr stände, und durch die zierlichste Nymphengestalt, und die Vereinigung aller Grazien der holdesten Weiblichkeit mit dem stillen Ausdruck eines edlen Selbstgefühls mich etwas empfinden liesse, wofür ich keinen Namen habe; eine Art von Anmutung, die nichts Leidenschaftliches, aber etwas unbeschreiblich Inniges hat, und die Gewalt der magischen Reize ihrer schwesterlichen Gespielin so lieblich dämpftdass ich (wiewohl ohne mein Verdienst) bis jetzt noch immer Herr von mir selbst geblieben bin, und zwischen Arete und Melissa ungefähr eben so in der Mitte schwebe, wie zwischen Kleone und Musarion.

Ich bin es zu sehr gewohnt, nichts Geheimes vor einer so gütigen und nachsichtvollen Mutter zu haben, als dass ich meine Bekenntnisse nicht vollständig machen sollte. Da ich die Freundschaft kannte, die schon so lange zwischen meinem Vater und Aristipp, so wie zwischen dir und Musarion besteht, so musste der Gedanke an die Möglichkeit einer engern Verbindung unsrer Familien um so natürlicher in mir entstehen, da ich in den äussern Umständen kein erhebliches Hinderniss sehen konnte. Es zeigte sich aber bald nach meinem Eintritt in das Aristippische Haus, dass Melissa, welche bereits das dreizehnte Jahr zurückgelegt hat, meinem neuen Freund Kratippus, Aristipps Brudersohne, und die holdselige Arete, welche vier Jahre weniger als ihre Base hat, von der Wiege an einem Sohne des Kleonidas zugedacht ist. Ein Glück für mich, dass mir dieses verhältnis, welches für die beiden Kinder selbst noch ein geheimnis ist, bei zeiten entdeckt wurde. Indessen hätte ich die Tochter Kleonens jedem andern streitig gemacht, als einem Sohn von Musarion und Kleonidas. Ueberdiess zeigten mir beide Mütter so viele Freude an dem Gelingen ihres Plans und an der täglich sichtbarer werdenden Sympatie ihrer Kinder, dass ich eher einen Tempel zu berauben oder mein Vaterland zu verraten, als das häusliche Glück dieser schönen Seelen zu stören vermöchte. Glaube nicht, ich dünke mir dieser Selbstbezähmung wegen ein grosser Tugendheld; dazu kommt sie mich in der Tat zu leicht an. Eine Familie wie diese, worin Männer, Frauen und Kinder, jedes in seiner Art so äusserst liebenswürdig, alle wie von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt, so zufrieden, so einmütig, so glücklich in sich selbst und eines in dem andern sind, werde ich in meinem Leben schwerlich wieder finden. Mir ist ich lebe in einer kleinen idealischen Republik, worin ich durch den blossen Geist der Liebe diese reine Zusammenstimmung realisirt sehe, welche Plato in der seinigen vergebens durch die mühsamsten Anstalten und die unnatürlichsten gesetz zu erzwingen hofft. Der müsste ein Ungeheuer sein, der, in der Mitte so edler und guter Menschen lebend, und so freundlich von ihnen in