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sie anders werden sollen, und auch diess erwartet sie nur von solchen inneren und äussern Veranstaltungen, wodurch die Verbesserung möglich wird: denn sie verlangt nicht (mit dem Sprüchwort zu reden), dass das Böckchen im hof herum springe bevor die Ziege geworfen hat.

Ich hätte noch mancherlei zu bemerken, wenn ich ins Besondere gehen, und diese reichhaltige Ader erschöpfen wollte. Ich glaube aber meine Gedanken hinlänglich dargelegt zu haben, um dir klar zu machen, dass ich durch meine Art die Dinge zu sehen hauptsächlich den schiefen und unbilligen Urteilen (wenigstens bei mir selbst) zuvorkommen möchte, die man täglich über Personen, Sachen und Handlungen von Leuten aussprechen hört, denen nichts recht ist wie es ist, wiewohl der Fehler bloss daran liegt, dass sie selbst nicht sind, wie sie sein müssten, um über irgend etwas ein unbefangenes Urteil fällen zu können.

13.

Lysanias von Aten an Droso, seine Mutter.

Wenn ein Jüngling, der so glücklich ist ein Atener und dein Sohn zu sein, an irgend einem Ort in der Welt in Gefahr kommen könnte, zu erfahren was den gefährten des edlen Laertiaden39 bei den Lotophagen begegnete,

Lotos pflückend zu bleiben und abzusagen der Heimat,

so müsst' es, denke ich, zu Cyrene im haus unsers edlen Gastfreundes Aristippus sein, wo ich bereits vom dritten Frühling überrascht werde, ohne recht zu wissen, wie mir so viele Zeit zwischen den Fingern, so zu sagen, durchgeschlüpft ist. Nicht als ob ich mir selbst so Unrecht tun wollte, liebe Mutter, die Besorgniss bei dir zu erregen, dass ich sie übel angewandt hätte; was freilich bei den Menschen, mit welchen ich lebe, nicht wohl möglich gewesen wäre: aber gewiss ist, ich befand mich von allen Seiten so wohl, hatte so viel zu sehen, zu hören, zu lernen, zu üben, zu schikken und zu schaffen, und das alles unter dem mannichfaltigsten Genuss immer abwechselnder Vergnügungen, dass ich mich auch nicht eines einzigen Tages

Cyrene ist in der Tat eine Stadt, die selbst ein geborner Atener schön finden muss; nicht ganz so gross noch so volkreich als Aten, aber doch beides genug, um nach Karchedon40 die ansehnlichste Stadt an den Küsten Libyens zu sein. Ihre Lage ist sehr anmutig, noch mehr durch den Fleiss und Geschmack der Einwohner als von natur; denn die Stadt scheint in einem einzigen unübersehbaren, trefflich angebauten Garten zu liegen. Nichts übertrifft die Fruchtbarkeit des Bodens; alle Arten von Früchten gelangen hier zu einem Grad von Vollkommenheit, wovon man in unserm rauhern Attika keinen Begriff hat.

Die Bürger von Cyrene sind überhaupt ein guter Schlag Menschen; eben nicht so fein geschliffen und abgeglättet als unsre Atener, aber auch nicht so hart, um so vieler Politur nötig zu haben. Gutmütigkeit, gefälligkeit und Frohsinn sind ziemlich allgemeine Züge im Charakter dieses Volkes; sie lieben (wie alle Menschen) das Vergnügen, aber mit einer eigenen, in ihrer Sinnesart liegenden Mässigung; sie wollen lieber weniger auf einmal geniessen, um desto länger geniessen zu können; und diess ist vermutlich die Ursache, warum ich hier so viele Greise gesehen habe, die mir das Bild des weisen Anakreons, so wie er sich selbst in seinen kleinen Liedern darstellt, vor die Augen brachten.

Aristipp und Kleonidas haben unvermerkt auf den Geist und Geschmack ihrer Mitbürger eine wirkung gemacht, deren Einfluss auf das gesellige Leben, die öffentlichen Vergnügungen und vielleicht selbst auf die bisherige Ruhe dieses kleinen staates nicht zu verkennen ist. Auch geniessen beide die allgemeine achtung ihrer Mitbürger so sehr, dass selbst auf mich eine Art von Glanz davon zurückfällt, und mir als ihrem Freund und Hausgenossen überall mit Auszeichnung begegnet wird. Ich hoffe mich keiner allzu grossen Selbstschmeichelei bei dir verdächtig zu machen, wenn ich hinzu setze, dass die Grazien (denen ich, nach Platons Rat, fleissig opfre) auch den Cyrenerinnen günstige Gesinnungen für mich eingeflösst zu haben scheinen. Man sieht zwar hier, wie zu Aten, die Frauen und Jungfrauen der höhern Classen nur bei öffentlichen religiösen Feierlichkeiten in grosser Anzahl beisammen; aber sobald jemand in einem guten haus auf dem Fuss eines Freundes steht, erhält er dadurch auch die Vorrechte eines Anverwandten, und wird, insofern sein Betragen die von ihm gefasste günstige Meinung rechtfertigt, von dem weiblichen teil der Familie eben so frei und vertraut behandelt als ob er selbst zu ihr gehörte.

Du zweifelst wohl nicht, liebe Mutter, dass ich mir diese Cyrenische Sitte in dem haus, worin ich das Glück habe zu leben, aufs beste zu Nutze zu machen suche, und ich hoffe du wirst dereinst finden, dass mir der freie Zutritt, den ich bei Kleonen und Musarion habe, für die Ausbildung meines Geistes und mein Wachstum in der Kalokagatie, in welcher ich erzogen bin, wenigstens eben so vorteilhaft gewesen ist, als der tägliche Umgang mit den vortrefflichen Männern, an welche mich mein Vater empfohlen hat. Unläugbar sind diese beiden Frauen unter den liebenswürdigsten, deren Cyrene sich rühmen kann, eben so ausgezeichnet als es ihre Männer unter ihren Mitbürgern sind; und ich gestehe dir offenherzig, es ist ein Glück für mich, dass ich beide zu gleicher Zeit kennen gelernt habe, und, da sie beinahe unzertrennlich sind, beide immer beisammen sehe. Ohne diesen Umstand würde es mir, glaube ich, kaum möglich gewesen sein, ungeachtet sie die Blütenzeit des Lebens bereits überschritten haben, von der leidenschaft nicht überwältiget zu werden, welche mir