1800_Wieland_111_315.txt

Weiberschatten auf diese Unterwelt herabzuwerfen; eine Verrichtung, wobei die Dame, wie gross ihre Selbstgenügsamkeit auch sein mag, endlich doch ziemlich Langeweile haben dürfte, wenn anders ihr präsumtiver Gesellschafter und Liebhaber, der idealische Urmann, neben seinem eignen gleichen Tagewerk, nicht noch Mittel und Wege findet, ihr auf eine uns Sterblichen unbegreifliche Weise die Zeit zu kürzen.

Ich gestehe dir, lieber Speusipp, dass ich grosse Lust hätte, diesen platten Scherz, seines ächten Atticismus ungeachtet, wieder auszustreichen, wenn ich nicht eine geheime Hoffnung nährte, dass er deinem erhabenen Oheim vielleicht Anlass geben könnte, sich über die zur Zeit noch unbegreifliche natur seiner Ideen etwas deutlicher zu erklären. Denn in der Tat, wenn er uns nicht mehr Licht über diese wunderbaren Wesen zukommen lassen wollte als bisher, hätte er besser getan, uns gar nichts davon zu offenbaren.

12.

Aristipp an Eurybates.

Der angeborne Trieb der streitlustigen Atener für und wider jede Sache zu sprechen, und von allem, was ein anderer sagt, stehendes Fusses das Gegenteil zu behaupten, ist durch die berühmten Sophisten, die ehmals eine so gute Aufnahme bei euch fanden, und seitdem durch Antistenes, Platon und die übrigen Sokratiker, bei Alten und Jungen aus den höhern Classen euerer Bürger dermassen geübt und in Atem erhalten worden, dass es mich nicht wundert, edler Eurybates, wenn Platons neuester Dialog noch immer, wie du mir schreibst, den meisten Anlass zu den dialektischen Kampfübungen gibt, womit eure vornehmern Müssiggänger, während des dermaligen Stillstands kriegerischer und politischer Neuigkeiten, sich einige Unterhaltung zu verschaffen suchen. Dass meine Briefe (die nun einmal, beliebter Kürze und Bequemlichkeit halben, Platonisch oder Antiplatonisch heissen müssen) Oel ins Feuer gegossen haben, würde mir, als einem der friedfertigsten Menschen unter der Sonne, beinahe leid sein, wenn du nicht zu gleicher Zeit den Trost hinzu fügtest, dass sie auf der andern Seite nicht wenig dazu beitragen, die Nachfrage nach dem wundervollsten Werke unsrer oder vielmehr jeder Zeit allgemein zu machen, und manchen einseitigen Tadler zu Anerkennung des vielfältigen Verdienstes zu vermögen, welches der Urheber desselben sich um Aten und die ganze Hellas, ja ich darf wohl sagen, um das ganze Menschengeschlecht dadurch erworben hat. Denn ich zweifle keinen Augenblick, es wird so lange leben, als unsre Sprache das Mittel bleiben wird, die kultur, die uns so weit über alle andern Völker erhebt, nach und nach über die ganze bewohnte Erde auszubreiten.

Ausserdem gesteh' ich dir gern, dass ich mich nicht wenig geschmeichelt finde, auch in so grosser Entfernung von der schönen Minervenstadt eine Art geistiger Gemeinschaft mit ihren Bewohnern zu unterhalten, und mich meinen ehmaligen Freunden und Gesellschaftern zu vergegenwärtigen, indem ich ihnen gelegenheit gegeben habe meinen Namen zu nennen und sich so mancher schönen, mir selbst unvergesslichen Stunden zu erinnern, die wir unter dem freiesten Umtausch unsrer Gedanken und Gefühle, in euern prächtigen Hallen und anmutigen Spaziergängen, oder beim fröhlichen Mahl und bei tauenden Sokratischen Bechern, so vergnüglich zugebracht haben. Je glücklicher das Gegenwärtige, worin wir leben, ist, um so angenehmer ist es, den Genuss desselben durch die ihm so schön sich anschmiegenden und darin verschmelzenden Erinnerungen des Vergangenen zu erhöhen, und uns dadurch dem Wonneleben der seligen Götter zu nähern, deren Dasein ein immer währender Augenblick ist. Warum, ach! warum muss unsre liebenswürdige Freundin zu Aeginanicht mehr sein! Welchen Genuss, welche Unterhaltungen würden alle diese neuen Erscheinungen, die so viel Reiz für diese vorwitzige aber schwer zu täuschende Psyche hatten, ihr und uns durch sie verschafft haben!

Unter den vielerlei Problemen, die, wie du sagst, aus Veranlassung meiner Briefe, eure Philodoxen (wie Plato sie benamset) unter den Propyläen oder in den Schattengängen der Akademie in Bewegung setzen, ist diejenige Frage, worüber du eine nähere Erklärung von mir verlangst, vielleicht die wichtigste, weil sie auf das praktische Leben mehr Einfluss als irgend eine andere zu haben scheint. Du weisst dass ich kein Freund von unfruchtbaren Grübeleien bin; aber gewiss gehört die Streitfrage: "wie sich das was ist, zu dem was sein soll, verhalte?" oder, "ob und inwiefern man sagen könne, dass das was ist, anders sein sollte?" nicht unter die Processe um des Esels Schatten; es ist nichts weniger als gleichgültig für den sittlichen Menschen, wie sie entschieden wird. Ich bin so weit entfernt meine Meinung für entscheidend zu geben, dass ich vielmehr überzeugt bin, dieses Problem könne niemals rein aufgelöst werden. Indessen sehe ich nicht, warum ich Bedenken tragen sollte, dir die Antwort mitzuteilen, die ich mir selbst auf jene fragen gebe.

Dass im blossen Sein (dem ewigen Gegenteil des ewig unmöglichen Nichtseins) alles Mögliche entalten sei, ist für mich etwas Ausgemachtes, an sich Klares und keines Erweises Bedürftiges. Das was ist, im unbeschränktesten Sinn des Worts, ist also das Unendliche selbst, und umfasst, nach unsrer Vorstellungsart, alles was möglich ist, war, und sein wird. Ich sage nach unsrer Vorstellungsart; denn im Unendlichen selbst ist weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern ewige Gegenwart; und eben darum ist es uns unbegreiflich. In dieser Rücksicht kann man also nicht sagen, dass was nicht ist, sein sollte; denn alles was sein soll, muss sein können; und alles was sein kann, ist.

Aber wie bringe ich diese unläugbaren Grundsätze in Uebereinstimmung mit der stimme meiner Vernunft und meines Herzens, die