es vielleicht blosser Naturtrieb, ihre Macht zu versuchen, sein mag. Sie schiesst ihre Strahlen umher, wie die Sonne die ihrigen ergiesst, unbekümmert wohin sie fallen und wie sie wirken, ob sie erwärmen und beleben, oder auftrocknen, versengen und zerstören. Dass die Sprache der Griechen keinen Namen für diesen gefährlichen Charakter hat, beweiset vermutlich, dass die schöne Lais in ihrer Art die erste ist.
Ich sehe dich für die Freiheit und Ruhe deines Aristipp zittern; aber sei unbesorgt, mein Freund! Der Salamander, sagt man, befindet sich sehr wohl in eben dem Feuer, worin andre lebendige Wesen verzehrt werden. Ich schwöre dir, dass ich in meinem Leben nie freier, heitrer und aufgeräumter war als diesen Abend. Nicht als ob ich mich einer Gleichgültigkeit rühmen wolle, die mir im grund wenig Ehre machen würde; genug, Lais selbst scheint zu merken, dass sie an einen jungen Mann geraten ist, den Hermes mit dem berühmten Kräutchen Moly78, das alle Bezauberung unkräftig macht, bewaffnet hat, und ich denke wir wollen noch sehr gute Freunde werden. Ueberdiess war auch hier keine Ursache zur Eifersucht; ich sah keinen Begünstigten; und wie hätte ich mich darüber ärgern sollen, gerade so viele Nebenbuhler zu sehen als Personen zugegen waren? Das wird nun einmal in den nächsten zehen oder zwanzig Jahren nicht anders sein. Alles kommt darauf an, nicht ob man ihr gefallen will (wer wollte das nicht?), sondern ob man ihr gefällt, und das muss man den Göttern und ihrer Laune anheimstellen. Ausschliessliche Anmassungen an ein solches Wesen machen zu wollen, wäre, nach meiner Vorstellungsart, als wenn Einer Sonne und Mond für sich allein behalten wollte. Wenn ich auch die Macht des grossen Königs79 besässe, ich würde schwerlich töricht genug sein, ein solches Unrecht an ihr und an mir selbst zu begehen. Wer wäre berechtigt frei zu sein, wenn ein so hoch von der natur begünstigtes Weib es nicht sein sollte? Und wie wenig müsste der seinen eigenen Vorteil kennen, der, wenn er es auch vermöchte, die Liebesgöttin zu seiner Sklavin machen wollte?
Wir brachten einen teil der Nacht mit den gewöhnlichen Ergötzlichkeiten zu, womit die Griechen ihre Symposien zu würzen pflegen. Die schöne Lais hat verschiedene niedliche junge Sklavinnen, die mit Fertigkeit tanzen, singen und auf allen Arten von besaiteten Instrumenten spielen. Die Unterhaltung wechselte bald mit muntern Gesprächen, bald mit Musik und mimischen Tänzen ab, und die Dame des Hauses selbst war so gefällig, oder (wie es einige von uns nannten) so grausam, uns zum Abschied mit einer wahren Sirenenstimme ein süsses Liedchen von Anakreon zu singen, wobei vermutlich jedermann eben dasselbe fühlte, was Odysseus als der einladende Zaubergesang der Töchter des Achelous über die Wellen zu ihm herüber schallte; und im Weggehen versicherte mehr als Einer, dass er die erlaubnis zu bleiben mit dem Schicksal der Unglücklichen, die in die Klauen jener mörderischen Sängerinnen gerieten, nicht zu teuer erkauft gehalten hätte. Dass ich keiner von diesen war, kannst du mir auf mein Wort glauben.
Es hatte sich zufälligerweise gefügt, dass ich an diesem Tage den Ring am Finger trug, in welchen ich die Haare meiner Korintischen Unbekannten hatte fassen lassen; und so konnte' es nicht wohl fehlen, dass ich gelegenheit fand, ihr meine Hand, als wie von ungefähr, nahe genug zu bringen, dass sie ihr durch den Druck einer Feder aus dem Kasten des Rings heraufgebrachtes Geschenk erkennen konnte. Ein leises Erröten und ein lächelnder blick, der unsre alte Bekanntschaft zu gestehen schien, versicherte mich dessen, und mehr verlangte ich für diessmal nicht.
14.
An Ebendenselben.
Diesen Morgen zog mich, ich weiss nicht was – oder vielmehr, ich wusste sehr wohl was – in das anmutige Platanenwäldchen, das die Gränze zwischen dem Landgute meines Wirts und den Gärten der schönen Lais zieht. Es stände jetzt nur bei mir, lieber Kleonidas, dir weiss zu machen, dass ich so gut wie mein alter Sokrates einen kleinen Dämon in meinen Diensten habe, und das noch dazu mit dem Vorzuge, dass der meinige, anstatt mich (wie der Sokratische) bloss abzumahnen wenn ich etwas nicht tun soll, mir z.B. ganz vernehmlich zuflüsterte: wenn du in das Platanenwäldchen gingest, würdest du einer schönen Nymphe begegnen, die vermutlich so wenig vor dir davon liefe als du vor ihr. Ich will aber ehrlich mit dir verfahren, und nicht mehr aus mir machen als sich gebührt; und so kannst du dir die Sache, wenn du willst, ganz natürlich vorstellen. In beiden Fällen wird das Nämliche herauskommen. Denn kurz und gut, als ich auf meinem Spaziergange an die Gartenhecke unsrer Nachbarin kam, sah ich sie durch eine halb offne Tür, in einem zierlichen Morgenanzug, beschäftigt einige so eben aufbrechende Rosen im Gebüsch abzuschneiden, und dazu eines von Anakreons Liedern auf die Rose halb zu singen, halb zu sumsen, wie man zu singen pflegt, wenn man nur sich selbst zum Zuhörer hat. Sie erblickte mich sogleich, indem ich mit der dreisten Schüchternheit, die mir (wie die Mädchen sagen) so wohl ansteht – vermutlich weil etwas Kunst dabei ist – gleichsam ungewiss, ob ich es wagen dürfe weiter zu gehen, in der Tür stehen blieb. Sie kam mir einige Schritte entgegen. Du scheinst, fiel sie mir ins Wort, da ich eine Entschuldigung zu stottern anfing, mit einer Gabe zu glücklichen Würfen