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beantworte? Platon pflegt (wie ich schon oben bemerkte) mit seinem Hauptzweck immer mehrere Nebenabsichten zu verbinden und scheint sich dazu in dem vorliegenden Dialog mehr Spielraum genommen zu haben als in irgend einem andern. Dass hier sein Hauptzweck war, die im ersten und zweiten Buch aufgeworfenen fragen über die Gerechtigkeit streng zu bestimmen und aufs Reine zu bringen, leuchtet zu stark aus dem ganzen Werk hervor, als dass ich noch ein Wort desswegen verlieren möchte. Unläugbar hätte er diess auf einem andern, als dem von ihm gewähltenoder vielmehr erst mit vieler Mühe gebrochenen und gebahnten Wege, leichter, kürzer und gründlicher bewerkstelligen können; aber er hatte seine guten Ursachen, warum er seine idee einer vollkommenen Republik zur Auflösung des Problems zu hülfe nahm. Er verschaffte sich dadurch gelegenheit, seinem von langem her gegen die Griechischen Republiken gefassten Unwillen Luft zu machen, den heillosen Zustand derselben nach dem Leben zu schildern, und, indem er die Ursachen ihrer Unheilbarkeit entwickelt und mit mehr als Isokratischer Beredsamkeit darstellt, zugleich nebenher seine eigene Apologie gegen einen öfters gehörten Vorwurf zu machen, indem er den wahren Grund angibt, warum er keinen Beruf in sich fühle, weder einen Platz an den Ruderbänken der Attischen Staatsgaleere auszufüllen, noch (wenn er es auch könnte) sich des Steuerruders selbst zu bemächtigen. Die Ausführlichkeit der Widerlegung des den Philosophen entgegenstehenden popularen Vorurteils und des Beweises dass eine Republik nur dann gedeihen könne, wenn sie von einem ächten Philosophen, d.i. von einem Plato regiert werde, spricht laut genug davon, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen lag, wiewohl ich sehr zweifle, dass er mit der versteckten Apologie seiner politischen Untätigkeit vor dem Richterstuhl der Sokratischen Moral auslangen dürfte.

Nächst diesem fällt von allen seinen Nebenzwekken keiner stärker in die Augen, als der Vorsatz, den armen Homer, dessen dichterischen Vorzügen er nichts anhaben konnte, wenigstens von der moralischen Seite (der einzigen wo er ihn verwundbar glaubt) anzufechten, und um sein so lange schon behauptetes Ansehen zu bringen. Dass er ihn aus den schulen verbannt wissen will, ist offenbar genug; sollte er aber wirklich, wie man ihn beschuldigt, so schwach sein, zu hoffen dass einige seiner exoterischen Dialogen, z.B. Phädon, Phädrus, Timäus und vor allen der vor uns liegende, mit der Zeit die Stelle der Ilias und Odyssee vertreten könnten? Wofern ihm dieser Argwohn Unrecht tut, so muss man wenigstens gestehen, dass er durch die episch-dramatische Form seiner Dialogen, durch die vielen eingemischten Myten, durch das sichtbare, wiewohl öfters (besonders in dem Mährchen des Armeniers) sehr verunglückte Bestreben, mit Homer in seinen darstellenden Schilderungen zu wetteifern, und überhaupt durch seine häufigen Uebergänge aus dem prosaischen in den poetischen, sogar lyrischen und dityrambischen Styl mehr als zu viel Anlass dazu gegeben hat. Was aber den Vorwurf betrifft, "er könne den Dialog von der Republik weder für Philosophen von Profession noch für das grosse Publicum geschrieben haben," so zweifle ich, ob er anders zu beantworten ist, als wenn man annimmt, er habe dafür sorgen wollen, dass keine Art von Lesern unbefriedigt von dem geistigen Mahl aufstehe, wozu alle eingeladen sind, und wobei es mit der Menge und Verschiedenheit der Gerichte und ihrer Zubereitung gerade darauf abgesehen ist, dass jeder Gast etwas finde, das ihm angenehm und zuträglich sei.

9.

Eurybates an Aristipp.

Ich weiss nicht ob ich Recht hatte auf deine stillschweigende Einwilligung zu rechnen, lieber Aristipp; aber ich würde mich selbst der Undankbarkeit angeklagt haben, wenn ich das Vergnügen und die Belehrung, die mir deine Antiplatonischen Briefe gewährten, für mich allein hätte behalten wollen. Ich gestehe dir also, dass ich sie unter der Hand einigen vertrauten Freunden mitgeteilt habe; und da jeder von ihnen ebenfalls zwei oder drei vertraute Freunde besitzt, so geschah (was ich freilich voraussehen konnte) dass in kurzem eine ziemliche Anzahl Abschriften in der Stadt herumschlichen, von welchen endlich eine unserm Freunde Speusipp und sogar dem göttlichen Hierophanten der Akademie32 selbst in die hände geriet. Dass die meisten Stimmen auf deiner Seite sind, wirst du hoffentlich für kein Zeichen einer bösen Sache halten. In tausend andern Händeln, die zur Entscheidung der Atener gebracht werden, dürfte ein solcher Schluss die Wahrheit selten verfehlen; aber die Mehrheit, die ich hier meine, ist von besserer Art; denn es versteht sich, dass nur die hellesten Köpfe in einer Sache wie diese ein Stimmrecht haben. Indessen fehlt es unserm Philosophen, der die Welt so gern allein belehren und regieren möchte, auch nicht an Anhängern, die sich mit Faust und Ferse für ihn wehren, und nicht den geringsten der Vorwürfe, die du ihm gemacht hast, auf ihn kommen lassen wollen. Sogar die männliche Erziehung und Polyandrie seiner Soldatenweiber findet ihre Verteidiger, und ich kenne einen gewissen Gleukophron, der ein Gelübde getan hat, weder in ein Bad zu gehen, noch seinen Bart zu salben, noch der süssen Werke der goldenen Aphrodite zu pflegen, bis er die geheimnissvolle Zahl im achten buch herausgebracht habe, wiewohl die Redensart, dunkler als Platons Zahl, bereits zum Sprüchwort in Aten geworden ist, und alle unsre Geometer und Rechenmeister behaupten, das einzige Mittel sich noch lächerlicher zu machen, als der Aufsteller dieses aritmetischen Rätsels, sei sich mit der Auflösung desselben den Kopf zu verwüsten. Speusipp, der dir nächstens selbst zu schreiben gedenkt, zeigte mir unter vier Augen seine Verwunderung, nicht dass