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fand, dass ich ihn zu hören geglaubt haben würde, hätte nicht Plato recht geflissentlich dafür gesorgt, uns gleich zu Anfang durch ein unfehlbares Mittel gegen diese Täuschung zu verwahren. Er bewirkt diess durch eine probe seiner Geschicklichkeit in der dialektischen Aritmetik, oder aritmetischen Dialektik, die so hoch über allen Menschenverstand geht, oder, um das Ding mit seinem rechten Namen zu nennen, so rein unsinniger Unsinn ist, dass man die Stelle zwei oder dreimal lesen muss, ehe man seinen Augen glauben kann, dass sie wirklich dastehe. Sie befindet sich zu Anfang des achten buches, wo die Rede von der Möglichkeit ist, dass sogar die beste und vollkommenste Republik nach und nach ausarte und sich in eine Timokratie verwandle. Diese Aufgabe, deren Auflösung für einen Mann von unverschrobenem Kopf wenig Schwierigkeit hat, scheint ihm so schwer zu sein, dass er den Glaukon fragt, ob sie nicht nach Homerischer Weise die Musen anrufen wollten, ihnen zu sagen, wie es zugehen müsste, wenn sich in einer so wohl geordneten Republik ein Aufstand sollte ereignen können. Wahr ist's, er setzt sogleich hinzu: "wollen wir sie nicht bitten, sich einen kleinen Spass mit uns zu machen, wie wenn man kleinen Knaben spielend läppisches Zeug in einem tragischen Ton und hochtrabenden Worten als etwas gar Ernstaftes und Wichtiges vordeclamirt?" – und heisst das nicht sich deutlich genug erklären, dass er selbst die hierauf folgende Auflösung des Problems für nichts Besser's als Kinderpossen gebe? Aber wir kennen diese Art ironischer Neckerei an ihm, und er soll uns nicht glauben machen, dass ein so gravitätischer Mann wie er, auf eine so unanständige und zwecklose Art den Narren habe mit uns treiben wollen, indem er uns auf eine sehr ernstafte Frage die rechte Antwort zu geben Miene macht. Ganz gewiss hat er also mit dem aritmetisch geometrischen Unsinn30, den er den Musen in den Mund legt, mit diesem unerratbaren Rätsel einer durch die verworrensten und unverständlichsten Bezeichnungen angedeuteten oder vielmehr nicht angedeuteten geometrischen Zahldurch deren Einfluss Kinder von schlechterer Art so notwendig gezeugt werden müssen, dass, "wofern die Vorsteher unserer Republik aus Unwissenheit dieser unglücklichen Zahl sowohl als der ihr entgegengesetzten vollkommenen, welche den Zeitpunkt des göttlichen Erzeugnisses bezeichnen soll, den rechten Augenblick, ihre Bräute und Bräutigame zusammen zu lassen, verfehlen, es unmöglich ist, dass die Republik eine an Leib und Seele wohlbeschaffene, glücklich organisirte Nachkommenschaft erhalten könnte;" – ganz gewiss, sage ich, hat Plato mit diesem aller menschlichen Vernunft spottenden Rätsel etwas sagen wollen; wär' es auch nur, dass er seine gutmütigen Leser zu glauben nötigt, er selbst besitze den Schlüssel zu diesem geheimnis, ohne welches seine Republik, trotz aller vorhergegangenen Beweise ihrer Möglichkeit, nimmermehr zu stand kommen kann, wofern er sich nicht erbitten lässt, den künftigen Vorstehern das Verständniss hierüber zu öffnen. Denn nach seiner ausdrücklichen Versicherung ist das geheimnis dieser Zahlen so beschaffen, dass die Vorsteher, "wie weise sie auch sein möchten, es weder auf ästetischem Wege (durch Sinne, Einbildung und Divination) noch durch Vernunftschlüsse herausbringen könnten;" so dass es also ein blosses glückliches Ungefähr wäre, wenn sie jemals den rechten Moment zur Zeugung ihrer Staatsbürger treffen würden. Auf alle Fälle hat unser Philosoph sich durch diese neue probe seiner übermenschlichen Kenntnisse in ein sehr beschwerliches Dilemma verstrickt. Denn entweder sind ihm jene mystischen Zahlen bekannt oder nicht. Sind sie ihm nicht bekannt, wie ist es möglich, dass er, um einfältigen Lesern weiss zu machen, er kenne sie, lieber baren Unsinn vorbringen als seine Unwissenheit gestehen will? Kennt er sie aber, was in aller Welt konnte ihn bewegen sie in ein Rätsel, und dieses Rätsel in Worte und Sätze einzuwickeln, von welchen er selbst gewiss sein muss, dass sie dem gelehrtesten und scharfsinnigsten seiner Leser eben so unverständlich sind als dem unwissendsten und blödsinnigsten? Und da nun einmal (wie er sagt) ausser seiner Republik kein Heil ist, diese aber, so lange seine beiden Zeugungszahlen ein geheimnis bleiben, niemals, wenn sie auch zu stand käme, in die Länge bestehen könnte: war es nicht seine Schuldigkeit, sie auf eine wenigstens den Gelehrten verständliche Art der Welt mitzuteilen? Ist er nicht dem menschlichen Geschlecht auch ohne Rücksicht auf seine idealische Republik eine so wohltätige Entdeckung schlechterdings schuldig? Was sollen wir von dem mann denken, der ein unfehlbares Mittel, die ganze menschliche Gattung zu veredeln, besitzt, und wiewohl er selbst keinen Gebrauch davon machen will oder kann, es nicht nur für sich allein behält, sondern sogar ein leichtfertiges Vergnügen daran zu finden scheint, es den Leuten mit einem dicken Tuch siebenfach bedeckt vorzuzeigen, und sobald er sie recht gelüstig darnach sieht, ihnen den rücken zu weisen und lachend davon zu gehen? Ich zweifle sehr, ob Aristophanes selbst, wenn er unsern Mystosophen zum Helden eines Seitenstücks der Wolken hätte machen wollen, es gewagt hätte, ihm eine so erbärmliche Rolle anzudichten, als er hier, in einer unbegreiflichen Eklipse seiner Vernunft, mit augenscheinlichem Wohlgefallen an sich selbst von freien Stücken spielt.

Es gibt vielleicht kein auffallenderes Beispiel, wie nachteilig es ist in mehrern und entgegen gesetzten Fächern zugleich glänzen zu wollen, und wie wohl Plato daran tut, die Künstler und Handarbeiter in seiner Republik durch ein Grundgesetz auf eine einzige Profession einzuschränken, – als sein eigenes. Glücklich wär' es für ihn gewesen, wenn die Atener ein Gesetz hätten, vermöge dessen ihren Bürgern bei