zu uns, und von der Art, wie wir diese gebrauchen und uns gegen jene benehmen, unser Wohl oder Weh abhängt. Ob die Welt um uns her aus reellen Dingen oder blossen Erscheinungen bestehe, wenn es für gesunde Menschen auch eine Frage sein könnte, wäre doch eine unnütze Frage, weil wir uns, um nicht wie Toren zu handeln, immer so benehmen müssen, als ob alles, was gesunden und vernünftigen Menschen reell scheint, es auch wirklich sei. Sich mit Gewalt in eine unsichtbare Ideenwelt hinein zu träumen oder hinein zu abstrahiren, ist schwerlich der rechte Weg, die Sinnenwelt, die nun einmal unser Wirkungskreis ist, kennen zu lernen; aber wohl das unfehlbarste Mittel, eine jede andere als die Rolle eines schwärmerischen Mystosophen ziemlich schlecht in ihr zu spielen. Was würde man von einem zum Maler oder Bildner bestimmten Menschen sagen, der, wenn er in eine Galerie von Bildsäulen und Gemälden der besten Meister geführt würde, diese Kunstwerke, weil sie doch nichts als leblose und unvollkommene Nachbildungen wirklicher Menschen, Götter und Göttersöhne seien, mit Verachtung anekeln und sich noch gross damit machen wollte, dass er nur die Urbilder seines Anblicks würdig halte? – Doch diess im Vorbeigehen; denn eine scharfe Untersuchung dessen, worauf es in dem Streit zwischen dem göttlichen Plato und dem gesunden Sokratischen Menschenverstand ankommt, würde mich viel weiter führen als ich mir in diesen Briefen zu gehen vorgesetzt habe, und es kann, dünkt mich, an den Winken genug sein, die ich hierüber hier und da bereits gegeben habe.
Nachdem unser Platonischer Sokrates das Kapitel von der Erziehung und Vorbereitung, und den darauf folgenden Beschäftigungen und Prüfungen, wodurch die zur Regierung seiner Republik bestimmten Personen beiderlei Geschlechts zu dem erforderten hohen Grad von Weisheit und Tugend gebildet werden sollen, im siebenten buch zu Ende gebracht hat, beginnt er das achte mit einer summarischen Wiederholung der Resultate alles dessen, was vom fünften an bisher zwischen ihm und den beiden Brüdern abgehandelt worden, und nimmt, mit Glaukons unbedingter Beistimmung, als etwas Ausgemachtes an: dass in einer vollkommen wohleingerichteten Republik erstens Weiber, Kinder, Erziehung und Ausbildung zu allen in Krieg und Frieden nötigen Eigenschaften, in den beiden obern Ständen gemeinschaftlich sein müssen; zweitens, der zur Verteidigung bestimmte Stand kein Eigentum besitzen dürfe, und drittens aus demselben nur die vollendetsten und bewährtesten Philosophen und Kriegsmänner zu Regenten oder Königen (wie er sie nennt) erwählt werden sollen. Beide erinnern sich nun des Orts, von wo aus Sokrates durch Adimants und Polemarchs Zudringlichkeit in diesen Labyrint von grossen und kleinen Digressionen, Absprüngen und Widergängen verleitet worden; und da beide gleich geneigt sind, der eine zu reden, der andere zuzuhören: so wird nun der im Eingang des fünften buches angefangene, aber sogleich unterbrochne Discurs über die verschiedenen Staatsformen wieder aufgenommen, und gezeigt, wie einer jeden dieser Verfassungen (welche unser Philosoph auf fünf, nämlich eine gesunde und vier mehr oder weniger verdorbene, zurückführt) eine ähnliche Verfassung im inneren des Menschen entspreche. Die einzige gesunde Staatsverfassung ist ihm die Aristokratie, d.i. die Regierung der Besten, oder (was bei ihm einerlei ist) der Philosophen. Ob sie monarchisch oder polyarchisch sei, gilt gleichviel, wenn nur die Philosophie regiert, und alles nach dem Modell seiner bisher beschriebenen Republik eingerichtet ist. Unglücklicherweise (sagt er) ist auch diese vollkommenste Verfassung, wie alle Dinge unter dem Mond, der Verderbniss unterworfen; sie kann und muss nach und nach krank werden, und sobald dieser Fall eintritt, artet sie in die erste der ungesunden Verfassungen, in die Timokratie oder herrschaft der Ehrgeizigen aus, so wie diese, wenn sie den höchsten Grad ihrer Verderbniss erreicht hat, sich in die Oligarchie, und diese, aus der nämlichen Ursache, sich in die Demokratie verwandelt; welche, durch eine eben so natürliche Folge, endlich in der verdorbensten und verderblichsten aller Staatsformen, der Tyrannie, ihren Untergang findet. Wie es mit diesen Verwandlungen zugehe, den Charakter und so zu sagen die Krankheitsgeschichte dieser vier Perioden einer ursprünglich kerngesunden, aber nach und nach ausartenden und kachektisch werdenden Republik, und eine genetische Schilderung der Gemütsverfassung und Sitten eines jeder von den vier verdorbenen Regierungsarten entsprechenden einzelnen Menschen, alles diess wird im achten und neunten Buch, aus dem Gesichtspunkt, worauf uns Plato gestellt hat, auf eine sehr einleuchtende Art mit vieler Wahrheit und Zierlichkeit vorgetragen. Man erkennt in der Schilderung der Timokratie das heutige Sparta auf den ersten blick; auch Korint, Argos, Teben und andere ihresgleichen, werden sich in seiner Oligarchie nur zu gut getroffen finden; aber die Darstellung und Würdigung der Demokratie, wozu er an seiner eigenen Vaterstadt das trefflichste Modell vor Augen hatte, geht über alles. Sie ist ein Meisterstück Sokratisch-Attischer Feinheit und Ironie; zwar etwas scharf gesalzen und reichlich mit Silphion gewürzt, aber wenn den Atenern noch zu helfen wäre, so müsste diese Arznei wirken: oder, richtiger zu reden, wenn sie (wie Plato selbst schwerlich anders erwartet) ungefähr eben so viel wirkt als die Ritter, die Vögel und die Wespen des Aristophanes, d.i. nichts, so ist den Atenern schwerlich zu helfen. Gleichwohl sollt' es mich wundern, wenn diese Satyre auf die Demokratie nicht gerade das wäre, was ihnen in diesem ganzen Dialog am meisten Vergnügen macht.
Ich für meine person wurde auf eine angenehme Weise überrascht, da ich den Sokrates in diesem achten Buch sich selbst unverhofft wieder so ähnlich