für das, was uns Wahrheit ist, spreche ziemlich entschieden für meine Grundsätze. Aber Plato denkt von den seinigen noch vornehmer; denn sie scheinen ihm so gewiss zu sein, als dass Eins = Eins ist; wofern wir also nicht etwa den Delphischen Gott zum Schiedsrichter nehmen wollen, wer soll zwischen uns Richter sein?
Uebrigens scheint Plato die Schwierigkeiten, die sein dichterisches Lehrgebäude drücken, sehr gut zu kennen. Daher die Vorsicht, jede seiner unerweislichen Voraussetzungen durch andere eben so luftige zu unterstützen; wie ein Dichter, um ein erstes Wunderding glaublich zu machen, immer ein zweites und drittes in Bereitschaft haben muss. Wir wollen, zum Beispiel, in Betreff der vorliegenden Allegorie so höflich sein als sein guter Bruder Glaukon, und über alle die ungereimten Voraussetzungen, ohne welche sie nicht bestehen kann, hinaus gehen; aber das wird uns doch zu fragen erlaubt sein müssen: was die armen Gefangenen verbrochen haben, dass sie an Hals und Füssen gefesselt ihr Leben in dem hässlichen unterirdischen Kerker damit zubringen müssen, unverwandt vor sich hin zu gucken, und, weil sie nichts als Schatten zu sehen bekommen, sie gezwungner Weise für reelle Dinge anzusehen? – Du erinnerst dich vielleicht, dass er die Antwort auf diese Frage schon lange in seinem Phädrus bereit hält. Allerdings, sagt er, haben sie durch ein sehr schweres Verbrechen eine so harte Busse verdient. – Aber zum Unglück finden wir uns, wenn wir ihm auch diese Ausrede, als auf eine ihm besser als uns bekannte Tatsache gegründet, gelten lassen wollen, genötigt abermals zu fragen: wie die idee des Guten (die er zur Grundursache alles wahren, Rechten und Schönen macht) recht und wohl daran tue, diese Verbrecher mit einer Strafe zu belegen, wodurch ihnen ein fortdauernder Zustand von Unwissenheit und Irrtum unvermeidlich und alles Aufstreben ins Reich der Wahrheit unmöglich gemacht wird? Ich sehe nicht was er antworten kann, um seine idee des Guten von dem Vorwurf zu retten, dass sie, gleich den Göttern unsrer Dichter, kein Bedenken trage, diejenigen, die sich gegen sie vergangen haben, aus Rache in unfreiwillige Irrtümer und Verbrechen zu verwickeln, bloss um einen neuen Vorwand zu erhalten, mit den armen Unglücklichen noch grausamer verfahren zu können.
Diesen und einer Menge anderer Klippen und Untiefen, zwischen welchen die Platonische Philosophie, unter beständiger Gefahr zu scheitern oder auf dem Sande sitzen zu bleiben, sich durcharbeiten muss, entgehen wir andern ächten Sokratiker freilich durch den grossen Grundsatz unsers Meisters: bloss über die menschlichen Dinge menschlich zu philosophiren, und die göttlichen, als über unsern Verstand gehend, unbesorgt den Göttern zu überlassen: aber wir bekennen uns dadurch auch zu einer Unwissenheit, die uns mit den ungelehrtesten Idioten in Eine Reihe stellen würde, wenn wir nicht wenigstens diess voraus hätten, dass wir die Ursachen kennen, warum diese Unwissenheit unvermeidlich ist. Demungeachtet läugne ich nicht, dass der Hang alles, was um, über und unter uns ist, ergründen zu wollen, – wiewohl er sich nur bei wenigen ausserordentlichen Menschen in seiner ganzen Stärke zeigt – dennoch eines der Merkmale zu sein scheint, wodurch sich der gebildete und seiner Vernunft mächtig gewordene Mensch von dem blossen Tiermenschen unterscheidet. Er gehört zu dem ewigen Streben ins Unbegränzte, welches das grosse Triebrad der unbestimmbaren Vervollkommnung ist, deren höchstem Punkte das Menschengeschlecht sich in einer Art von unermesslicher Spirallinie langsam und unvermerkt anzunähern scheint. Werden wir jemals dieses Ziel erreichen? Oder bewegen wir uns (wie der Aegyptische Hermes gesagt haben soll) in einem Cirkel, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umkreis nirgends ist? Und ist vielleicht gerade diess die einzige Möglichkeit, wie wir uns immer bewegen, d.i. nie zu sein aufhören können? – Auch die natur, Freund Eurybates, hat in ihren grossen Mysterien unaussprechliche Worte, die wir entweder nie erfahren werden, oder welche der, dem sie sich entüllte, nicht verraten könnte, weil es ihm an Worten fehlen würde sich andern verständlich zu machen? Befände sich jemals ein Sterblicher in diesem glücklichen Falle, würde er nicht, wenn er von dem, was unaussprechlich ist, sprechen wollte, genötigt sein, seine Zuflucht, wie Plato, zu Bildern und Allegorien zu nehmen? Und da er doch sicher darauf rechnen könnte, mit seinen Offenbarungen von niemand verstanden, und nur von sehr Wenigen vielleicht, gleich fernen das Ohr kaum noch leise berührenden Tönen, mehr geahnet als gehört zu werden, tät' er nicht eben so wohl, wenn er gar nicht davon spräche? – Aber was hätte da der göttliche Plato zu tun gehabt? – Ich beantworte also jene Frage mit Nein; aber nun auch keine Sylbe weiter!
8.
Fortsetzung und Beschluss des Vorigen.
Meinem Versprechen zufolge werde ich die vier Bücher, die noch vor uns liegen, wie reich und schwer an Inhalt sie auch sind, und wie viel gegen Manches zu erinnern wäre, wenn es scharf gesichtet werden sollte, so schnell als möglich durchlaufen, und (wenn anders die Versuchung nicht hier oder da gar zu stark werden sollte) nicht mehr davon sagen, als zur Uebersicht des Ganzen nötig ist.
Die Behauptung, "dass die beste (der Vollkommenheit am nächsten kommende) Republik nur unter der einzigen Bedingung, wenn sie ächte Philosophen zu Regenten habe, realisirt werden könne," hatte den Platonischen Sokrates auf die verschiedenen Untersuchungen und Erläuterungen geführt, die den Inhalt des sechsten buches ausmachen. Die allegorische Dichtung zu Anfang des siebenten sollte das,