, bloss von meiner Seite unerwartete Zusammenkunft vorbereitet gewesen wäre. In der Tat hatte sie sich in den drei Jahren, die seit der ersten verflossen waren, dermassen verschönert, dass, ungeachtet das Bild meiner Korintischen Anadyomene noch wenig in meiner Erinnerung verloren hatte, oder vielmehr eben desswegen, ein kleines Misstrauen in meine Augen oder in mein Gedächtniss ganz natürlich war. Sie war indessen merklich grösser geworden, und die Blüte ihrer prächtigen Gestalt schien so eben den Augenblick der höchsten Vollkommenlieit erreicht zu haben; den Augenblick, wo die Fülle der hundertblättrigen Rose sich nicht länger in der schwellenden Knospe verschliessen lässt, sondern mit Gewalt aufbricht, um ihre glühenden Reize der Morgensonne zu entfalten. Diess verbreitete einen so blendenden Glanz um sie her, dass ich, wiewohl die Aehnlichkeit mit sich selbst zu entschieden war um nicht jeden aufsteigenden Zweifel sogleich wieder niederzuschlagen, doch nicht aufhören konnte, mich durch immer wiederholtes Anschauen von einer so angenehmen Wahrheit immer gewisser zu machen. Bei allem dem behielt ich doch noch so viel Besonnenheit, um, zu meinem Troste, wahrzunehmen, dass die andern Anwesenden (den einzigen Eurybates vielleicht ausgenommen), jeder für sich zu stark mit unsrer schönen Wirtin beschäftigt waren, um sich viel um mich zu bekümmern. Auch blieb mir nicht unbemerkt, dass sie selbst am wenigsten gewahr zu werden schien, dass etwas Besonderes in mir vorgehe; und wenn mich ein paar verstohlne Seitenblicke nicht verständiget hätten, würde die höfliche Kälte, womit sie sich gegen mich benahm, neue Zweifel haben erregen müssen. Diese nur mir verständlichen Blicke sagten mir so zuverlässig sie sei es, dass keine Möglichkeit zu zweifeln übrig blieb; und nun war es auch um so viel leichter, die Rolle einer ganz neuen Bekanntschaft natürlich genug zu spielen, um selbst den beobachtenden Eurybates dadurch zu täuschen, und den leisesten Verdacht eines frühern Verhältnisses zwischen uns unmöglich zu machen. Ich überliess mich jetzt mit meinem gewöhnlichen Frohsinn oder Leichtsinn, wenn du willst, dem heitern Genuss des schönsten Abends, den ich bisher erlebt hatte, und ich wollte alles in der Welt wetten, dass Tantalus an der Tafel Jupiters nicht halb so glücklich war, als ich im Speisesaal dieser irdischen Göttin, welche, nicht zufrieden, uns mit dem Ambrosia und Nektar ihrer Schönheit und ihres Witzes zu sättigen, ausserdem noch allem aufgeboten hatte, was Land und Meer und die Kunst eines Korintischen Kochs vermochte, um selbst den Gaumen eines Sybariten zu befriedigen.
Nimm es als einen Beweis der Stärke meiner Liebe zu dir auf, dass ich in diesen Stunden der süssesten Seelenberauschung, wo es so leicht war, ein leteisches Vergessen alles dessen, was man sonst liebte, aus den Augen dieser neuen Circe zu trinken, mehr als einmal herzlich wünschte: möchte doch mein Kleonidas hier sein, wär' es auch auf Gefahr seiner ersten Liebe ein wenig ungetreu zu werden! Es ist, denke ich, dem Menschen überhaupt, und vor allen dem Künstler, zuträglich, in allen Gattungen und Arten das Höchste gesehen zu haben.
Eine vollkommene Schönheit ist in Griechenland und vermutlich allentalben etwas sehr Seltenes; die Vereinigung einer solchen Schönheit mit geistigen Reizungen noch seltner. Diess vorausgesetzt, ist die schöne Lais unter den Griechischen Weibern, was der Phönix unter den Vögeln ist. Ich habe die berühmte und von Sokrates selbst geschätzte Aspasia, wiewohl in einem schon ziemlich vorgerückten Alter, mehrmal gesehen und gesprochen; sie kann selbst in der Blüte ihrer Schönheit nie ein Recht gehabt haben, mit Lais um den goldnen Apfel zu streiten. An Stärke des Geistes und an Kenntnissen mag ihr vielleicht der Vorzug bleiben; aber an Lebhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Witzes und der Laune ist Lais vielleicht einzig. Die feinsten Wendungen der scherzenden oder nur leicht ritzenden Ironie sind ihr so geläufig, als ob sie bei meinem alten Mentor in die Schule gegangen wäre. Sie spricht gern und viel, und findet immer den zierlichsten Ausdruck und das rechte Wort ungesucht auf ihren Lippen.
Ohne wie Kassandra76 vom Delphischen Gotte besessen zu sein, glaube ich voraus zu sehen, dass diese neue Helena in ihrer Art wenigstens eben so viel Unheil unter den ohnehin so leicht entzündbaren Griechen unsrer Zeit anrichten wird, als die Tochter der Leda unter den Achäern und Trojanern des heroischen Zeitalters. Was sie in meinen Augen am gefährlichsten macht, ist ein gewisser unnennbarer Zauber, den ein Dichter mit den unsichtbaren und unzerreissbaren Schlingen vergleichen würde, welche Homers Vulcan aus hinterlistigen Absichten um das Lager seiner treuen Gemahlin legte. Weil ich mich nicht gern mit unerklärbaren und nichts erklärenden Wörtern behelfe, so habe ich in aller Stille ausfindig zu machen gesucht, worin dieser magische Iynx77 (mit Sokrates zu reden) eigentlich bestehe, und, so viel ich jetzt davon sagen kann, dünkt mich, er liege darin, dass sie sich aller ihrer Reizungen immer bewusst ist, ohne dass es scheint, als ob sie ihrentwegen Anspruch an grosse Bewunderung mache, oder mit geheimen Anschlägen auf Eroberungen umgehe. Sie scheint in vollkommener Selbstgenügsamkeit sich mit der Gewissheit zu befriedigen, es hange nur von ihr ab, sobald sie Lust dazu habe, jeden Sterblichen zum Gott und jeden Weisen – zum Narren zu machen; da es hingegen in keines Mannes Gewalt stehe, mehr über sie zu gewinnen, als sie ihm freiwillig einzuräumen geneigt sei. Sie bedient oder begibt sich dieses Vorrechts mit gleicher Sorglosigkeit, ohne Anschein einer besonderen Absicht; aber wenn sie sich dessen bedient, tut sie es öfters mit einem Mutwillen der an Grausamkeit gränzt, wiewohl