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Haufens (d.i. dessen, was man in demokratischen Staaten den Pöbel, oder mit einem urbanern Wort das Volk nennt), und die schädlichen Eindrücke, die dadurch auf die Jugend gemacht würden, viel Wahres sagt, und bei dieser gelegenheit von dem besagten grossen Haufen unter dem Bild eines grossen und starken Ochsen oder Bullenbeissers eine wahrlich nicht geschmeichelte Schilderung macht, sondern ihm ohne alle Schonung so viel Böses nachsagt, dass Timon der Menschenhasser selbst damit hätte zufrieden sein können; bald darauf aber, da seine Convenienz erfordert die Sache von einer andern Seite in einem mildern Lichte zu sehen, die Partei des nämlichen grossen Haufens nimmt, von ihm als einem gar sanften gutartigen Tiere spricht, und alle Schuld seines Hasses gegen die ächten Philosophen auf die unächten schiebt.

Uebrigens ist es eine glückliche Eigenheit unsers Philosophen, dass er nach jeder beträchtlichen Verfinsterung, die er, so oft seine Phantasie zwischen seinen Verstand und seine Leser tritt, zu erleiden scheint, sich sogleich durch irgend eine desto glänzendere Ausstrahlung wieder in die ihm gebührende achtung zu setzen weiss. Ein Beispiel hiervon ist in diesem fünften Buch die Vorschrift, wie seine Staatsbeschützer sich im Kriege gegen den Feind zu verhalten haben; eine gelegenheit, die er mit eben so vieler Feinheit als Freimütigkeit benutzt, um den Griechen seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten, worin sie vor ihren eigenen Augen als eine rohe Art von Barbaren erscheinen müssen, deren gewohntes Verfahren in ihren ewigen Fehden unter einander mit den Regeln einer gesunden Staatsklugheit nicht weniger als mit den Gesetzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in dem auffallendsten Widerspruch steht. Diese Stelle ist, meines Erachtens, eine der schönsten in diesem ganzen Werke, und du wirst mir hoffentlich zugeben, Eurybates, dass die Schuld nicht an Plato liegt, wenn er durch die heilsamen Wahrheiten, die er euch darin stärker und einleuchtender als irgend einer von euern Rednern ans Herz legt, seiner Vaterstadt und der ganzen Hellas nicht den wesentlichsten Dienst geleistet hat. Dass diess wenigstens seine Absicht war, ist um so weniger zu bezweifeln, da dergleichen Seitenblicke auf seine Zeitgenossen und Mitbürger in diesem Dialog häufig genug vorkommen, um uns über einen der wichtigsten Zwecke des Ganzen einen bedeutenden Wink zu geben.

Was ich gleich anfangs meiner Briefe über die Republik Platons gegen den Vorwurf, dass es diesem Werk an kunstmässiger Anordnung fehle, erinnert habe, scheint sich unter andern auch durch die feinen Wendungen zu bestätigen, womit der Verfasser gegen das Ende des fünften buches dem Dialog unvermerkt eine solche Richtung gibt, dass er eine (dem Anschein nach) ungesuchte gelegenheit erhält, in den beiden folgenden Büchern die Grundlehre seiner ganzen Philosophie auf eine fasslichere und poetischere Art, als in andern seiner frühern Dialogen, vorzutragen; eine gelegenheit, die er, wiewohl sie ihn von dem Hauptgegenstand entfernt, und zu einer weitläufigen episodischen Abschweifung verleitet, um so weniger aus den Händen lässt, weil die Abschweifung in der Tat bloss anscheinend und vielmehr das einzige Mittel ist, seiner Republik eine Art von hypotetischer Realität zu geben, woran wenigstens alle die Leser sich genügen lassen können, die der magischen Täuschung eben so willig und zutraulich als die beiden Söhne Aristons entgegen kommen. Dass er uns übrigens auch auf diesem Spaziergang, den wir mit ihm machen müssen, durch eine Menge unnötiger Krümmungen in einem unaufhörlichen Zickzack herumführt, der uns das Ziel, worauf wir zugehen, immer aus den Augen rückt, ist nun einmal die Art des Platonischen Sokrates, die man sich, insofern sie zuweilen das Interesse des Dialogs unterhält und erhöht, recht gern gefallen liesse, wenn er nur einiges Mass darin halten wollte; denn wirklich ist es oft schwer sich einer Anwandlung von Ungeduld zu erwehren, wenn er bald einen Satz, wie z.B. "Sein ist von Nichtsein verschieden" in eine oder zwei fragen verwandelt, bald die schlichtesten Fragstücke auf eine so spitzfindige und verfängliche Art vorbringt, dass man sich keine andere Absicht dabei denken kann, als das schale Vergnügen, den Gefragten in Verlegenheit zu setzen und zu einer einfältigen Antwort zu nötigen. Bei allem dem muss ich gestehen, dass etwas Attisches in dieser Art sich in Gesellschaften mit einander zu unterhalten ist, und ich zweifle nicht, Eurybates, dass dir die Pseudo-Sokratische Manier, wie Plato diese neckische Art von Ironie in seinen Dialogen behandelt, wenn gleich nicht immer angenehm, doch gewiss bei weitem nicht so auffallend vorkommen wird als mir. Diess sei also das letztemal dass ich darüber wehklage, wiewohl in den fünf Büchern, die ich noch vor mir habe, die Anreizung dazu oft genug vorkommen wird. Und nun wieder in unsern Weg!

Glaukon scheint von der Schönheit der neu errichteten Republik so bezaubert, dass er sich nicht entalten kann, den Philosophen, der die Miene hat als ob er von der inneren Verfassung derselben und von ihren unendlichen Vorzügen vor den gewöhnlichen noch viel zu sagen gedächte, etwas rasch zu unterbrechen. Von allem diesem, meint er, wüssten sie bereits genug, um sich das, was etwa noch zurückgeblieben sei, selbst sagen zu können; die grosse Frage, auf welche alles ankomme, sei jetzt bloss: ob diese herrliche Republik unter die möglichen Dinge gehöre? Sokrates stellt sich, nach seiner Gewohnheit, als ob ihm diese Frage sehr ungelegen komme; er spricht von dem Unternehmen sie zu beantworten als von einem halsbrechenden Wagestück, und sucht das Ansinnen seines jungen Freundes dadurch von sich abzulehnen, dass er ihn bereden will, seine Republik könnte als Ideal