der Ernährung unwürdig auf die Seite geschafft werden. Zwischen Eltern und Kindern, d.i. zwischen Männern und Frauen von der ersten Generation mit Frauen und Männern von der zweiten und dritten findet (da jene zu diesen kraft des Gesetzes sich als Eltern und Grosseltern verhalten) keine gesetzmässige Begattung statt; und überhaupt ist es eine der heiligsten Pflichten der Regierer des staates, den Zeugungstrieb bei ihren Bürgern so viel als möglich einzuschränken, und ja nicht mehr Kinder aufkommen zu lassen, als nach Beschaffenheit der Umstände nötig sind, damit der Staat sich immer bei gleicher Stärke erhalte; woraus klar ist, dass sie auch von Zeit zu Zeit für einen tüchtigen Krieg zu sorgen haben. Denn es brauchte nur einen hundertjährigen Frieden, um die Regierung in die gefährliche notwendigkeit zu setzen, das vorbesagte los so einzurichten, dass von hundert Paar Jünglingen und Mädchen wenigstens drei Viertel zu einer unfreiwilligen Unfruchtbarkeit verdammt werden müssten, wofern die Menge der Kinder, denen der Eintritt ins Leben an der Pforte versagt wird, nicht auf eine so ungeheure Zahl steigen sollte, dass dem Platonischen Sokrates selbst, wie kaltblütig er auch diese Dinge ansieht, bei ihrer Ueberrechnung die Haare um seinen Glatzkopf zu Berge stehen müssten.
Alle diese und eine Menge anderer Ungereimteiten und Abscheulichkeiten, die sich jedem Unbefangenen bei diesem teil seiner Gesetzgebung aufdringen, verschwinden in Platons Augen vor dem grossen Grundsatz: dass die höchste denkbare Vollkommenheit des staates der einzige Zweck desselben, und der einzelne Bürger nur insofern für etwas zu rechnen sei, als er bloss für das Ganze lebt, und immer bereit ist, diesem seine natürlichsten Triebe und gerechtesten Ansprüche aufzuopfern. Ob der Staat solche Opfer zu fordern berechtigt sei, ist bei ihm keine Frage; auch lehrte ihn die in Sparta so lange Zeit befolgte Gesetzgebung Lykurgs, dass es möglich sei, Menschen so zu erziehen und zu bilden, dass man ihnen alles, selbst das Unnatürlichste, zumuten kann. Er trug also um so weniger Bedenken, die Hauptzüge des Spartanischen Instituts in seiner Republik noch weiter und bis zu einer Consequenz zu treiben, die, wie ein eiserner Streitwagen, alles was ihr entgegen steht zu Boden tritt, und über alle Bedenklichkeiten und Rücksichten, d.i. über die Köpfe und Eingeweide der Menschen weg, in gerader Linie auf das Ziel losrennt, das sie sich vorgesteckt hat.
In wie fern ihn diese Betrachtungen rechtfertigen oder entschuldigen können, lass' ich dahin gestellt sein; mir ist wenigstens gewiss, dass er in allem, was uns an seinem idealischen Sparta am anstössigsten ist, treulich und ohne Gefährde zu Werke ging, und z.B. auf unsre Bedenklichkeit, der abgezweckten höhern Vollkommenheit seiner Republik alle Jahre etliche hundert neugeborne Menschlein zum Opfer darzubringen, mit eben dem naserümpfenden Mitleiden herabsehen wird, womit sein Sokrates sich über "die lächerliche Weisheit" derjenigen aufhält, die das Ringen nackter Mädchen mit nackten Jünglingen auf der Palästra ungeziemend finden. Ich zweifle daher auch keinen Augenblick, dass er wenig verlegen sein würde, für jeden andern Einwurf, der ihm gegen seine Erziehungs- und Begattungsgesetze gemacht werden könnte, auf der Stelle eine Antwort zu finden; wiewohl er es nicht der Mühe wert gehalten zu haben scheint, die mancherlei Schwierigkeiten vorauszusehen, welche sich der Ausführung dieser – der natur, dem sittlichen Gefühl und den Grazien zugleich Hohn sprechenden – gesetz entgegen türmen. Bei einem Philosophen, der seine Geistesaugen immer nur auf die ewigen und unveränderlichen Urbilder der Gattungen und Arten geheftet hält, kommen die einzelnen Dinge, als blosse vorübergleitende Schemen oder unwesentliche Wolken- und Wasserbilder, in keine Betrachtung; und da er alle die Knoten, in welche die Meinungen, Neigungen, Bedürfnisse und Leidenschaften der Menschen im gesellschaftlichen Leben sich unaufhörlich verwickeln und durcheinanderschlingen, immer mit einem einzigen Grundsatz wie mit einem zweischneidigen Schwert zerhauen kann, warum sollte er sich die Mühe geben sie auflösen zu wollen?
Etwas, worüber er indessen nicht so leicht zu entschuldigen sein dürfte, sind die kleinen Widersprüche mit sich selbst, die seinem redseligen Sokrates hier und da in dem Feuer, womit er seine Behauptungen vorträgt, zu entwischen scheinen. Hierher gehört (um nur ein paar Beispiele anzuführen) wenn er, um die gymnastische Nackteit seiner künftigen Soldatenfrauen zu rechtfertigen, sich auf einmal in die Moral der Sophisten verirrt, und kein Bedenken trägt, den Satz "alles Nützliche ist auch ehrbar und anständig, und nur das Schädliche ist schändlich," für eine ausgemachte Wahrheit zu geben. Unglücklicher Weise begegnet ihm diese Verirrung eine Weile hernach noch einmal, da von den Belohnungen die Rede ist, wodurch die Beschützer des staates aufgemuntert werden sollen, im Kriege sich durch tapfere Taten auszuzeichnen. Wer, der den ehrwürdigen Sohn des Sophroniskus gekannt hat, muss sich nicht in Platons Seele schämen, wenn er seinen untergeschobenen Sokrates zum Gesetz machen lässt: "dass es, so lange ein Feldzug daure, niemanden erlaubt sein solle, sich den Küssen eines ausgezeichneten Braven zu entziehen, damit dieser, der Gegenstand seiner leidenschaft möge nun ein Mann oder ein Weib sein, desto mehr angereizt werde, nach dem ersten Preis der Tapferkeit zu ringen?" – Diess ist doch wohl eine von den Stellen, deren ich oben erwähnte, wo der verkappte Sokrates seines angenommenen Charakters plötzlich vergisst, und in den sich selbst spielenden Plato zurücksinkt?
Noch ein Beispiel von Widerspruch mit sich selbst ist mir im sechsten Buch aufgefallen, wo er über die parasitische gefälligkeit der Sophisten gegen die Vorurteile, Neigungen und Unarten des grossen