er sich auf einmal erinnere, dass er, um die Gerechtigkeit gegen ihre Gegner vollständig zu verteidigen, noch zu untersuchen habe: welches von beiden nützlicher sei, gerecht und tugendhaft zu sein, auch wenn man weder von Göttern noch Menschen dafür anerkannt wird, oder ungerecht, wenn man es gleich ungestraft sein könnte? Glaukon, der seit geraumer Weile eine ziemlich schülerhafte Rolle spielen musste, erhält hier gelegenheit, durch seine Weigerung an einer so überflüssigen Untersuchung teil zu nehmen, seinen Verstand wieder bei uns in Credit zu setzen. Es wäre lächerlich, sagt er, nachdem so ausführlich erwiesen worden, dass Gerechtigkeit Gesundheit der Seele sei, erst noch zu untersuchen, ob es nützlicher sei, krank oder gesund zu sein? – Sokrates gesteht das Lächerliche einer solchen Untersuchung, meint aber doch, da sie nun bereits einen so hohen Standpunkt erstiegen hätten, sollten sie sich's nicht verdriessen lassen, so weit sie könnten herumzuschauen, um sich desto vollständiger zu überzeugen, dass es diese Bewandtniss mit der Sache habe. Wenn er diess tun wolle, fährt er fort, so werde er sehen, dass die Tugend nur Eine Gestalt oder Form habe, die Untugend hingegen unzählige. Unter diesen seien jedoch nur vier vorzüglich bemerkenswert, deren jede die Form einer nichts taugenden Art sowohl von staates- als von Seelen-Verfassung sei. Es gebe nämlich genauer zu reden – nicht (wie er eben gesagt hatte) unzählige, sondern nur fünferlei Regierungsformen, und eben so viele verschiedene Verfassungen der Seele. Die erste sei diejenige, welche sie bisher mit einander durchgangen hätten; sie könnte aber unter zweierlei Benennungen erscheinen: wenn nämlich unter den Vorstehern des staates Einer als der vorzüglichste alle andern regiere, werde sie Monarchie, wenn der Staat hingegen unter mehrern Regenten stehe, Aristokratie genennt. Im Wesentlichen sei es aber in seiner Republik ganz einerlei, ob sie von Mehrern oder nur von Einem regiert werde; denn vermöge der Erziehung, welche alle zum Regieren bestimmten Personen in derselben erhielten, würde dieser Einzelne so wenig als jene Mehrern das Mindeste an den Grundgesetzen des staates ändern; und in dieser Rücksicht begreife er beide Regierungsarten unter Einer Form. Da nun diese die gute und rechte sei, so folge von selbst, dass die andern vier nichts taugen müssten.
Wie er eben anfangen will, dieses von einer jeden besonders mit seiner gewöhnlichen Ausführlichkeit zu beweisen, entsteht auf Anstiften Polemarchs und Adimants ein kleiner Aufruhr unter den anwesenden Teilnehmern an diesem Gespräch. Man erinnert sich, dass, als vorhin von verschiedenen die Polizei der idealischen Republik betreffenden Dingen, für welche die Archonten derselben zu sorgen haben würden, die Rede war, Sokrates sich, wie von ungefähr, ein Wort davon hatte entfallen lassen, als ob es sich von selbst verstehe, dass in den obern Classen Weiber und Kinder gemein sein müssten.
Ein so paradoxer Satz hätte nun freilich den Adimantus, an welchen er gerichtet war, sowohl als alle übrigen gewaltig vor die Stirne stossen sollen: aber diess wäre dem Verfasser damals ungelegen gekommen. Man liess ihn also unbemerkt auf die Erde fallen, und Adimant, der fast immer nichts als ja freilich zu antworten gehabt hatte, sagte wie in einer Zerstreuung: das alles würde so in der besten Ordnung sein. Wir sehen aber aus dem Eifer, womit er und Glaukon und die übrige Gesellschaft jetzt auf einmal in Sokrates dringen, sich über diese Gemeinschaft der Weiber und Kinder unter den Beschützern seiner Republik näher zu erklären, dass sie ihnen stark genug aufgefallen sein musste; nur sehen wir nicht, warum sie die Erklärung nicht damals, da es so natürlich war, sie zu fordern, sondern gerade jetzt, da keine Veranlassung dazu vorhanden ist, von ihm verlangen.
Platon lässt hier seinen Sokrates abermals (wie er schon öfters getan hat, und in der Folge noch mehrmal tun wird) um die Neugier der Zuhörer noch mehr zu reizen, den Eiron spielen und sich stellen, als ob er grosses Bedenken trage sich auf eine so häkelige Materie einzulassen, da er voraussehe, wie vielerlei neue fragen, Zweifelsknoten und Streitigkeiten sie nach sich ziehen werde. Was tut das, sagt Trasymachus; sind wir denn nicht desswegen hier, um uns mit interessanten Discursen zu unterhalten? – Das wohl, versetzt jener, aber alles mit Mass! – O Sokrates, ruft der ungenügsame Glaukon aus, was nennst du mit Mass? Verständige Menschen würden ihr ganzes Leben lang solchen Discursen zuhören, und noch immer nicht genug haben! – Du merkst doch, Eurybates, wem diess eigentlich gilt, und wozu es gesagt ist? Der Philosoph hat, wie du siehst, darauf gerechnet, recht viele Glaukonen zu Lesern zu haben, und hat ihnen wenigstens seinen guten Willen zeigen wollen, ein Buch zu schreiben woran sie ihr ganzes Leben lang zu lesen haben.
Aber Sokrates macht noch immer Schwierigkeiten. Man werde, sagt er, fürs erste nicht glauben wollen, dass eine solche Einrichtung ausführbar sei; und wenn man diess auch zugäbe, so werde man doch nicht glauben, dass sie die beste sei. Er erklärt sich also nochmals, dass er sehr ungern daran gehen würde diese Dinge zu berühren, aus Furcht man möchte die ganze Sache bloss für ein windichtes Project halten. Da aber Glaukon schlechterdings nicht von ihm ablässt, und ihn zu bedenken bittet, dass er weder undankbare, noch unglaubige, noch übelwollende Zuhörer habe: so rückt er endlich aufrichtiger mit der Sprache heraus, und wir