desselben beruhe.
Um nun die Anwendung dieser Erklärung der Gerechtigkeit auf den einzelnen Menschen zu machen, und sich dadurch auch des zweiten Teils seines Versprechens zu entledigen, unternimmt er seinen Zuhörern zu zeigen: dass in der menschlichen Seele eben dieselbe Verfassung stattfinde, wie in seiner Republik; nämlich dass sie, wie diese, aus drei Hauptteilen, oder eigentlich aus drei ihrer natur nach verschiedenen wiewohl zusammen Ein Ganzes ausmachenden Seelen bestehe23; in deren unterster alle Arten von sinnlicher, eigennütziger, an sich selbst unvernünftiger, zügelloser und unersättlicher Begierden, in der zweiten ein gewisses mutiges, zürnendes, an sich selbst wildes und unbändiges Wesen (Tymos vom Plato genannt), das sich gegen alles, was ihm als schlecht, unedel, ungerecht und ordnungswidrig erscheint, empört und ihm aus allen Kräften entgegenkämpft, in der dritten und höchsten endlich die Vernunft, und ein unaufhörliches Streben nach der Wissenschaft des wahren und Guten, ihren Sitz haben. Die sämmtlichen Begierden nach Genuss und Besitz körperlicher Gegenstände und allen Arten von sinnlichen Befriedigungen sind ihm in der Seele, was die mechanische um Lohn und Gewinn arbeitende klasse in der Republik; zwar zum Leben eben so unentbehrlich, wie diese, aber sich selbst überlassen, können sie (wie jene, wofern sie nicht durch die beiden obern Classen in der Zucht erhalten würden) als blinde und ihrer Befriedigung alles aufopfernde Triebe nichts als Unheil in der inneren Republik des Menschen stiften. Um den Wohlstand derselben befördern zu helfen, müssen sie also der Vernunft unterworfen und von dieser immer unter strenger Zucht gehalten werden. Der bewaffneten klasse oder den Beschützern in Platons Republik entspricht in der inneren Oekonomie des Menschen das (vorgebliche) zornmütige, streitbare, ruhmbegierige, Wollust und Eigennutz verachtende, nichts fürchtende, und allem Widerstand Trotz bietende Princip Tymos, dessen Bestimmung ist, die Regierung der Vernunft zu unterstützen, ihre Rechte zu schirmen, und den Pöbel der Begierden in gehöriger Ordnung und Unterwürfigkeit zu erhalten; welches aber, um diese Bestimmung nie zu verfehlen, zuvor selbst durch Musik und Gymnastik gebändigt und gezüchtet, die Oberherrschaft der Vernunft, als des natürlichen Regenten dieser Republik im Menschen, immer anerkennen und seinen höchsten Stolz bloss darin suchen muss, in Vollziehung ihres Willens keine Gefahr, kein Ungemach, keinen Schmerz zu scheuen, der Erfüllung dieser Pflicht hingegen jedes Opfer, das sie verlangt, willig darzubringen. So wie nun die Gerechtigkeit in unsrer grossen Republik in der gehörigen Einschränkung und Subordination der untersten und mittlern klasse unter der obersten, und in der daraus entspringenden Harmonie und Einheit des Ganzen besteht; so hat es, vermöge der natur der Sache, eben dieselbe Bewandtniss mit den drei verschiedenen Principien, woraus (nach Plato) die Seele zusammengesetzt ist; und so wäre denn die wahre Antwort auf die Frage, "was die Gerechtigkeit in der Seele, an sich selbst, ohne Rücksicht auf irgend etwas ausser ihr, sei?" glücklich gefunden, und unser redseliger Sokrates, der es sich in der Tat sauer genug werden liess, die Masche, die er auflösen wollte, so stark er nur konnte zusammen zu schnüren, und mit so vielen neuen, in einander verwickelten Knoten zu verstärken, könnte nun billig für heute von aller weitern Bemühung losgesprochen werden.
Dass unser Mann in der Art, wie er seine vorgeblichen Untersuchungen anstellt, sich selbst auch hier gleich bleibt, versteht sich, und was ich gegen diese Metode bereits erinnert habe, tritt daher auch hier wieder ein. eigentlich kann man nicht sagen, dass er untersuche; denn er hat das, was er seinen Zuhörern suchen zu helfen vorgibt, immer schon in der Hand, und, bei allem Schein von Gründlichkeit und Subtilität, den er seinen taschenspielerischen Operationen zu geben weiss, bedarf es doch nur einer mässigen Aufmerksamkeit, um zu merken, dass er uns täuscht, wenn gleich nicht jeder Zuschauer ihm scharf genug auf die Finger sehen kann, um gewahr zu werden wie es damit zugeht. Es würde uns zu weit führen, wenn ich die Wahrheit dieser Behauptung durch eine umständliche Analyse dieses Teils des vierten buches darlegen, und unsern Tausendkünstler gleichsam nötigen wollte, seine Handgriffe, einen nach dem andern, so langsam vor unsern Augen zu machen, dass sie auch dem blödsichtigsten nicht entgehen könnten. Ich will mich also bloss darauf einschränken, seinen Beweis der drei wesentlich verschiedenen Principien, die er in der menschlichen Seele entdeckt haben will, etwas näher zu beleuchten, um zu sehen, ob es wirklich zur Erklärung der mannichfaltigen Erscheinungen in derselben nötig ist, dreierlei Seelen anzunehmen, oder ob wir uns dazu recht gut mit einer einzigen behelfen können.
Gegen das Axiom, worauf er seinen Beweis stützt, dass eben dasselbe Subject in Widerspruch stehende oder einander aufhebende Dinge unmöglich zugleich und in eben derselben Hinsicht weder tun noch leiden könne, habe ich nichts einzuwenden. Wenn er also zeigen kann, dass diese zugegebene Unmöglichkeit gleichwohl in dem, was wir unsre Seele nennen, täglich als etwas Wirkliches erscheint, so hat er den Handel gewonnen und ich stehe beschämt.
Ich übergehe die Einwendungen, die er sich von einem erdichteten Gegner machen lässt, und die fast zu mühsame Art wie er sie beantwortet; denn ich werde ihm diese Einwürfe nicht machen. Also ohne Weiteres zu dem Beispiele, woran er seinem Glaukon klar machen will, dass es ohne seine Hypotese gar nicht zu erklären sei! hören wir, wie sich sein Sokrates anschickt, um uns zu diesem verzweifelten Ausweg zu nötigen.
S o k r