die fröhliche Laune dieses immer heitern und wohlgemuten, aber zugleich immer gesetzten und die Würde seines Charakters nie vergessenden Sokrates, mit welchem ich lange genug gelebt habe, um das feine Salz, womit sein Scherz gewürzt zu sein pflegte, von dem widerlichen Meersalz unterscheiden zu können, worein Plato hier (im Zorn der Grazien, die ihm sonst hold genug zu sein pflegen) einen so unglücklichen Missgriff getan hat.
Und was ist nun das Resultat der Entdeckung, die er jetzt auf einmal gemacht haben will, nachdem er uns schon so lange in so weit ausgeholten Kreisen um den Brei herumgeführt hat? Oder vielmehr, wie sieht denn der Vogel aus, den er diese ganze Zeit über in der Hand hatte, und uns in einem Anstoss von jugendlich mutwilliger Spasshaftigkeit selbst so lange in allen Hecken und büsche suchen half? – Man erwartet, wie billig, dass er sich endlich entschliessen werde die Hand aufzutun, und dem armen, vor Neugier und Ungeduld beinahe platzenden Glaukon den seltnen Wundervogel vorzuzeigen. Aber nein! Dieser Sokrates sagt und tut nichts wie andre Menschenkinder, und bei ihm wird uns das schale Vergnügen einer immerwährenden Ueberraschung bis zur Uebersättigung zu teil. Er öffnet zwar die Hand nur eben so weit, dass das Vögelchen mit der Spitze des Schnabels hervorgucken kann, macht sie aber sogleich wieder zu, fängt wieder von neuem zu subtilisiren und chicaniren an, und wozu? – Um durch eine Menge unnötiger fragen (womit er den ehrlichen Glaukon und uns um so billiger verschonen konnte, da das alles im Vorhergehenden bereits einige Stunden lang mit der mühseligsten Genauigkeit aufs Reine gebracht worden war) und durch eine lange Reihe von Gleichungen zu unsrer grossen Verwunderung endlich heraus zu bringen: die Gerechtigkeit seiner Republik bestehe darin, dass ein jeder einzelner Bürger der drei Classen, aus welchen sie zusammengesetzt ist, schlechterdings nur das Eine, wozu er am meisten Geschick hat und wodurch er dem Ganzen am nützlichsten sein kann, und sonst nichts anders treibe.
Wenn ich die verschiedenen, zum teil sehr verschraubten Formeln, in welchen er diesen Satz aufstellt, recht verstehe, so läuft alles darauf hinaus: dass in seiner Republik jeder Mensch und jedes Ding gerade das ist, was es seiner natur und Bestimmung nach sein soll; oder um die Sache noch kürzer zu geben: dass jedes das, was es ist, immer ist. Da ein Wort doch weiter nichts als das Zeichen einer Sache, oder vielmehr der Vorstellung die wir von ihr haben, ist, so kann es dem Wort Gerechtigkeit allerdings gleich viel sein, was Plato damit zu bezeichnen beliebt; aber der Sprache ist diess nicht gleichgültig; und ich sehe nicht mit welchem Recht ein einzelner Mann, Philosoph oder Schuster, sich anmassen könne, Worte, denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat, etwas anders heissen zu lassen als sie bisher immer geheissen haben. Was Plato unter verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt, ist bald die innere Wahrheit und Güte eines Dinges, die ihm eben dadurch, dass es recht ist, oder dass es ist was es sein soll, zukommt; bald die Ordnung, die daraus entsteht, wenn viele verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das, was sie vermöge dieser Verbindung sein sollen, immer sind; bald die Harmonie, die eine natürliche wirkung dieser Ordnung ist. Aber fürs erste, wenn sein geheimnis weiter nichts als das war, so hätte er uns, däucht mich, die Mühe einer so langwierigen und langweiligen Initiation ersparen können; und zweitens wird es, wenigstens ausserhalb seiner eigenen Republik, wohl immer bei der gewöhnlichen allentalben angenommenen Bedeutung des Wortes Gerechtigkeit verbleiben; und der alte Simonides wird um so mehr Recht behalten, da alle Platonischen Formeln ohne grosse Mühe sich mit der seinigen in Gleichung setzen lassen. Denn, indem die Obrigkeit in seinem Staat das ist, was sie sein soll und nichts anders, erhält und gibt sie (wie er beiläufig selbst gesteht) dem Staat und jedem einzelnen Gliede desselben, was sie ihm vermöge ihrer Bestimmung schuldig ist; und eben dasselbe gilt von der klasse der Beschützer oder Soldaten, und von den sämmtlichen Künstlern, Handwerkern, Feldbauern, Kaufleuten, Krämern u.s.w., welche Plato mehr seiner Hypotese zu Gefallen, als aus hinlänglichem grund, ohne sich viel um sie zu bekümmern, in die dritte klasse zusammengeworfen hat.
Unser platonisirender Sokratiskus hatte sich anheischig gemacht, am Beispiel einer gerechten Republik im Grossen zu zeigen, was Gerechtigkeit in der Seele eines Menschen gleichsam im Kleinen sei. Das erste also, was ihm oblag, war, das Bild eines gerechten, d.i. in sich selbst vollendeten oder vollkommenen staates zu entwerfen; und diess ist es, was er bisher nach seiner Weise geleistet hat. Er fand dass ein ächtes Gemeinwesen – dessen Grundgesetz ist, dass jedes Glied desselben ausschliesslich ein einziges zum Wohl des ganzen unentbehrliches Geschäft treibe und dazu erzogen werde, – notwendig aus drei Classen von Bürgern, aus Regenten, Räten und Aufsehern, aus bewaffneten Beschützern, und aus einer für die wohnung, Nahrung, Kleidung, Bewaffnung und andere solche Bedürfnisse des staates und seiner Bürger um Lohn arbeitenden klasse bestehen müsse; und dass auf der Einschränkung eines jeden Bürgers in den Kreis der einzigen Beschäftigung wozu er am besten taugt, und auf der strengsten Unterwürfigkeit unter die gesetz und die Regierung, die gesunde Beschaffenheit des staates (die ihm Gerechtigkeit heisst) so wie auf dieser die Erhaltung und der Wohlstand