Gesetzgebung fertig zu sein? fragt Adimant. Uns nichts, antwortet Sokrates; denn den grössten, schönsten und wichtigsten teil derselben werden wir dem Delphischen Apollo überlassen. Und was beträfe diess? fragte jener etwas gedankenlos; denn er hätte doch wohl mit einem Augenblick von Besinnung dem Sokrates die Mühe ersparen können, sich erklären zu müssen, dass die Anordnung der Tempel und Opfer und alles übrigen, was die Verehrung der Götter, Dämonen und Heroen, wie auch die den Verstorbenen zu Beruhigung ihrer Manen gebührende letzte Ehre betreffe, damit gemeint sei. Da wir selbst von allem diesem keine Wissenschaft haben, sagt Sokrates, und wenn wir weise sind, einen so wichtigen teil der Einrichtung unsrer Stadt auch keinem andern Sterblichen anvertrauen werden, so können wir nichts Besser's tun, als uns darüber von dem Gotte belehren zu lassen, der in solchen Dingen der angestammte Ratgeber aller Menschen ist, und bloss zu diesem Ende Delphi21, als die Mitte oder den Nabel der Erde, zu seinem Sitz erwählt hat.
Sollte dir, Freund Eurybates, diese Stelle sowohl, als die kurz vorhergehende, wo Sokrates zu verstehen gibt, dass er selbst nicht begreife, "wie seine Republik, ohne unmittelbaren Beistand Gottes, sich bei ihrer ursprünglichen Verfassung lange werde erhalten können" – nicht eben so stark, wie mir, aufgefallen sein? Zwar erkennen wir an dergleichen Aeusserungen unsern alten Freund und Lehrer, der für den religiösen volkes- und Staatsglauben nicht nur (wie billig) alle schuldige Ehrfurcht hegte, sondern im Glauben selbst nahezu bis zur Einfalt unsrer Grossmütter ging, und durch den Contrast, den dieser Zug seines Charakters mit seinem sonst so hellen verstand machte, uns nicht selten in Erstaunen und Verlegenheit setzte. Aber Plato, dessen Art über unsre Volksreligion zu denken kein geheimnis ist, musste doch wohl mit diesen beiden Stellen etwas Mehrer's wollen, als seine eigenen Gedanken hinter diesem Zug seiner Sokrateslarve zu verbergen? Hätte er in diesem Werke wirklich die Absicht gehabt, der Welt das idealische Modell einer vollkommnen Republik zu hinterlassen, würde es da wohl seiner oder irgend eines andern ächten Philosophen würdig gewesen sein, eine so wichtige Sache als die Religion ist, dem Delphischen Apollo, d.i. den Priestern des Tempels zu Delphi zu überlassen? Und wäre er selbst von der inneren Güte und Realität seiner Republik, d.i. von ihrer reinen Uebereinstimmung mit der menschlichen natur, überzeugt gewesen, würde er wohl alle seine Hoffnungen, dass sie sich bei seinen Gesetzen werde erhalten können, auf einen Gott aus einer Maschine gegründet haben? Keines von beiden, däucht mich. – Was ist es also, was er eigentlich damit wollte? – Durch den Compromiss auf den Delphischen Apollo wollt' er sich, denke ich, den häkeligsten und gefährlichsten teil der Gesetzgebung seiner Republik vom Halse schaffen; und glücklich für ihn, dass er diess um so schicklicher tun konnte, da der starke Glaube des wirklichen Sokrates an jenen Gott ein bekannter Umstand ist. Mit der frommen Hoffnung hingegen, womit er die Erhaltung seiner Gesetzgebung dem Willen Gottes anheimstellt, konnte' er uns wohl nichts anders zu verstehen geben wollen, als dass er selbst von ihrer inneren Lebenskraft und Dauerhaftigkeit keine grosse Meinung hege, und so gut als andre wisse, dass eine idealische Republik nur für idealische Menschen passe, und, um so frei in der Luft schweben zu können, an den Fussschemel von Jupiters Tron angehängt werden müsse. Denn freilich, wenn die Götter das Beste dabei tun wollten, könnte auch die Aristophanische Nephelokokkygia so gut existiren als die Platonische Republik.
6.
Fortsetzung des Vorigen.
Wir sind nun ganz nahe bis zu dem Punkt vorgerückt, um dessentwillen vermutlich diese ganze Unterredung angefangen und durch so vielerlei Mäandrische Umschweife und Aus- und Einbeugungen bis hierher geführt worden; aber so wohlfeil gibt es unser poetisirender Philosoph oder philosophirender Dichter nicht. Er hat sich nun einmal vorgesetzt, uns in diesem dramatischen Dialog zu weisen, dass er sich so gut als irgend ein Tragödienmacher auf die Kunst verstehe, den Punkt, auf welchen wir losgehen, alle augenblicke bald zu zeigen, bald wieder aus dem gesicht zu rücken, um uns desto angenehmer zu überraschen, wenn wir das, was er uns so lange durch einen unmerklich wieder in sich selbst zurückkehrenden Umweg suchen liess, endlich unversehens vor unsrer Nase liegen finden. Unser verkappter Sokrates, der jetzt für eine ziemliche Weile die Larve wieder weggeschoben hat und mit seinem eigenen gesicht spielt, meint: sie hätten ihre Republik so gut angeordnet, dass es nun weiter nichts bedürfe, als dass Adimant seinen Bruder und Polemarchen und die übrigen Anwesenden aufrufe, ihm mit einer tüchtigen Fackel so lange in derselben herum suchen zu helfen, bis sie die irgendwo in ihr versteckte Gerechtigkeit ausfindig gemacht haben würden. In der Tat mutet er diesen wackern jungen Männern damit nicht mehr zu, als was sie mit einer mässigen Anstrengung ihres Menschenverstandes sehr leicht leisten konnten und sollten. Aber dabei hätte der Verfasser des Dialogs seine Rechnung nicht gefunden. Glaukon besteht darauf, dass Sokrates seinem Versprechen gemäss das Beste bei der Sache tun müsse, und dieser schickt sich denn auch um so williger dazu an, da er wirklich in einer ganz eigenen Laune zu sein scheint, sich mit der Treuherzigkeit der jungen Leute einen dialektischen Spass zu machen, und sie nach dem Ding, das er in der Hand hat, fein lange überall wo es nicht ist herumstöbern zu lassen. Wohlan also (sagt