allgemeinen Volksversammlungen gesetzmässig beschränkt gewesen wäre, und diese drei Gewalten einander (wie es ihr Interesse erforderte) mit gehörigem Nachdruck unterstützt haben würden. Jeder Versuch des Eparchen sich über die gesetz wegzuschwingen und unabhängig zu machen, hätte notwendig misslingen müssen. Wie gut und wie nötig es gewesen wäre, dass Solon seinem übrigens so verständig angelegten Staatsgebäude diesen Gipfel aufgesetzt hätte, zeigte sich nach seiner Entfernung nur zu bald. In wenig Jahren wachten die alten Factionen wieder auf: Lykurgus bearbeitete die mittlern Bürgerclassen, Megakles die Aristokraten, Pisistratus das gemeine Volk; weder Solon noch seine gesetz konnten dem überhandnehmenden Uebel wehren; kurz, es bedurfte der Alleinherrschaft des Pisistratus, der zuletzt die Oberhand behielt, Ordnung und Ruhe wieder herzustellen, und die gesetz Solons wieder in Wirksamkeit zu setzen.
Ich hoffe nun, Freund Demokles, dir meine Gedanken über das, was in den dermaligen Umständen zum Besten unsrer Vaterstadt getan werden könnte, durch dieses so genau auf unsre Umstände passende Beispiel einleuchtend genug gemacht zu haben, um dich von selbst auf die Betrachtungen zu leiten, die ich deiner anscheinenden Vorliebe für die reine Demokratie entgegenstellen könnte, wenn ich ein Freund dieser Art von Kämpfen wäre, wo man Stirn an Stirn und Knie auf Knie mit dem andern um seine Meinung ringt, oder wenn ich sie für eine gute Art, jemand von seiner Meinung zurückzubringen, hielte. Zudem würde auch ein solcher Streit in diesem Augenblick ein wahres Schattengefecht sein. Denn nach allem was du mir berichtest zu urteilen, würde, wenn auch du und deine Freunde euch tätig für die Demokratie erklären wolltet, schwerlich zu hoffen sein, dass ihr eine Partei zusammenbringen könntet, die nur jeder einzelnen der bestehenden Gegenparteien, geschweige allen zusammen, die Spitze zu bieten vermöchte. Und gewiss würden diese sogleich gemeine Sache gegen jeden machen, der sich nur den leisesten Verdacht zuzöge, als ob er mit einem solchen Anschlage umgehe. Hingegen müsste ich mich sehr betrügen, wenn mein Vorschlag nicht noch durchzusetzen wäre, wofern die redlichen Freunde des Vaterlandes und der Freiheit mit gehöriger Mässigung und Klugheit zu Werke gingen, und sich zu rechter Zeit für denjenigen erklärten, der sich an der höchsten Würde im Staat unter den Einschränkungen der Solonischen Constitution genügen lassen wollte.
Ich habe meinen Verwandten ausführlich und nachdrücklich über diese Sache geschrieben; aber ich gestehe, dass ich mir wenig Erfolg davon verspreche. Auf alle Fälle hab' ich das Meinige getan, vielleicht mehr als von einem noch nicht volljährigen Staatsbürger gefordert werden kann. Geschehe nun was die Götter über uns beschlossen haben, oder – um den guten Göttern kein Unrecht zu tun – was von dem allgewaltigen Einfluss der beiden grossen Regenten unsers wetterlaunischen Planeten, der Torheit, die uns von innen, und dem Zufall, der uns von aussen beherrscht, vernünftigerweise zu erwarten ist. Es wäre viel Glück, wenn wir, indem wir so blindlings in den Glückstopf des Schicksals greifen, gerade das beste los herauszögen. Ich für meine person bin auf alles gefasst, und falls ich dahin kommen sollte, wie Bias72 alles was ich mein nennen kann bei mir zu tragen, so tröste ich mich damit, dass ich wenigstens nicht schwer zu tragen haben werde.
13.
An Kleonidas.
Ich gestehe unverhohlen, dass ich ein grosser Freund aller Tage bin, die von unsern frommen Vorfahrern dem allgemeinen Müssiggang und Wohlleben gewidmet wurden. Immerhin mögen Arbeitsamkeit und Entaltsamkeit, wo sie nicht Töchter der notwendigkeit sind, unter die preiswürdigsten Tugenden gerechnet werden: wenigstens sind sie es bloss als Mittel zu dem was der letzte Wunsch aller lebenden natur ist; Ruhe ist die angenehmste Belohnung des Arbeiters, und der arme behilft sich die meiste Zeit schlecht, um sich zuweilen einen guten Tag machen zu können. An Festtagen sehe' ich allentalben fröhliche Gesichter; jedermann ist besser als gewöhnlich gekleidet, tut sich gütlicher, geht ins Bad, kränzt sich mit Blumen. Gemeinschaftliche Opfer, Gesänge und Gebete, feierliche Aufzüge, Uebungsspiele, Tänze und Schauspiele nähren und erhöhen den sympatetischen Trieb, und lassen uns vom geselligen Bürgerleben, dessen tausendfache Collisionen die Tage der Arbeit und Geschäftigkeit so häufig erschweren und verbittern, nur das Gefügige, Angenehme und Tröstliche empfinden. Die natur hat mir wie du weisst, zu einem ziemlich kalten Kopf ein warmes Herz gegeben. Mir ist nie wohler, als wenn ich mich so ganz aufgelegt fühle allen Menschen hold zu sein, und diess bin ich immer wenn ich sie in Gemeinschaft fröhlich sehe. Denn da wiege ich mich unvermerkt in die süsse Täuschung ein, sie alle für gut und wohlwollend zu halten, und mache mir selbst weiss, sie würden es immer sein, wenn sie sich immer glücklich fühlten. Du wirst es also ganz begreiflich finden, lieber Kleonidas, dass ich, ungeachtet der schelen Gesichter, die ich mir von meinen gravitätischen Mitgesellen, und zuweilen auch wohl von dem Meister selbst gefallen lassen muss, keine gelegenheit versäume, wo ich mir diesen behäglichen Lebensgenuss verschaffen kann.
Einer meiner hiesigen Bekannten, ein Mann von Geist und angenehmem Umgang, der nach Atenischer Art reich ist, und (was hier in den Augen einer gewissen klasse noch mehr zu sagen hat) sein Geschlechtsregister auf mütterlicher Seite von Kodrus ableitet, besitzt ein schönes Landgut auf der Insel Aegina, die nicht viel über zweihundert Stadien73 von Aten entfernt liegt, und wiewohl von natur nur ein kahler Felsen, durch eine fünfhundertjährige Anbauung und den Wetteifer ihrer durch Gewerbe und Handelschaft reich gewordenen Einwohner sie auf alle nur mögliche Weise zu